Jan 302015
 

[Philosophie, Erkenntnistheorie]

Realität ist das, was wir täglich erleben. Das ist nicht immer das, was wir uns wünschen, aber es ist halt, wie es ist. Aber was ist eigentlich das, was ist? Ist es das uns Vertraute, Gewohnte? Oder das Gegebene, Unveränderliche? Oder die Verhältnisse im Allgemeinen, oder das Persönliche im Besonderen? Was davon ist wirklich? Die Angst vor der Krankheit, auch wenn ich noch ganz gesund bin? Das Naserümpfen der Nachbarn, die mehr haben als man selber? Die Unzufriedenheit mit dem Job? Der relative Wohlstand, bei dem es manchem besser, aber vielen auch schlechter geht als einem selber? Die eigene Wohnung, das Zuhause, der Heimatort? Der Schnupfen, der im Anmarsch ist?

Offenbar sind in diesen Beispielen ganz unterschiedliche Wirklichkeiten zusammen gewürfelt. Allgemein gültige Gegebenheiten und Gegebenheiten nur für mich, unveränderliche Objektivität und eigene Wünsche, Hoffnungen, Ängste. Die Wirklichkeit, so zeigt sich, ist keineswegs nur, wie sie ist. Sie ist offenbar auch das, was man daraus macht oder was sie einem zu sein scheint. Die Welt im Allgemeinen ist nicht meine Realität, sondern meine Welt, das, was ich als Welt um mich herum erlebe, und das, als was mir diese Welt um mich herum erscheint, wie sie mir entgegen tritt, zu wem sie mich macht – und was ich aus ihr mache.

Realität ist vielschichtig. Sie ist im Alltagssinn das Vorfindliche, Gegenständliche, Tatsächliche. Darüber hinaus ist sie aber auch mein Bezug zu dieser Realität, als was ich sie auffasse, wie sie mir klar oder nebulös, freundlich oder bedrohlich gegenüber tritt. Sie wird zu meiner Realität, indem ich sie dazu mache. Einem anderen, der in meiner Nähe lebt, kann die selbe Wirklichkeit zu einer ganz anderen Realität werden. Er erlebt seine Welt anders als ich die meine, obwohl wir doch in derselben Welt leben. Wie verhält sich also meine Welt zur Welt ohne mich? Was ist real, was ist nur für mich real? Oder ist das für mich Reale gar nicht richtig wirklich? Aber meine Gefühle, Hoffnungen, Ängste, die sind doch wirklich da. Um welche Wirklichkeit geht es also, wenn es um Wirklichkeit, um Realität geht?

Eine verbreitete Meinung sagt, real ist das, was äußerlich gegenständlich da ist oder was tatsächlich feststellbar und vorhanden ist. Mein Innenleben ist insofern real, als es von einem Arzt oder Psychologen analysiert und auf seine vorfindliche Physis oder tatsächlichen Funktionen untersucht werden kann. Was in solcher Gegenständlichkeit oder Tatsächlichkeit nicht gefunden wird, ist nicht real, nicht vorhanden, nicht wirklich. Halluzinationen und Wahnvorstellungen zum Beispiel geben keine objektive Wirklichkeit wieder, sondern sind nur real als solche psychophysischen oder neurochemischen Gegebenheiten. Aber diese naturwissenschaftlich erhobene Tatsächlichkeit ist doch etwas anderes als das, was ich als Angstvorstellung oder Trauma erlebe. Meine eigene Welt ist offenbar nicht deckungsgleich mit der äußeren, objektiven und tatsächlichen Welt.

Ein anderer Zugang nimmt darum diese Perspektivität ernst, mit der ich meine Welt erfasse und begreife. Die Welt als solche gibt es gar nicht, oder sie ist einfach irrelevant, weil sie mir immer schon aus meinem subjektiven Blickwinkel entgegen tritt. Mein Sensorium und meine Wahrnehmung konstruieren mir eine Welt, die mit meinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, aber auch mit meinen rationalen Theorien und Vernunftvorstellungen übereinstimmt. Die Außenwelt ist ein unerreichbares Abstraktum und recht eigentlich nicht wirklich. Real ist nur die konstruierte Welt, die Welt, wie sie mich erreicht, wie ich sie erkenne und wozu ich sie forme. Dass es überhaupt eine Verständigung zwischen zwei Subjekten über ihre ganz unterschiedlichen Welterfahrungen gibt, liegt an der Sprache. Sie gilt als dasjenige Symbolsystem, durch das einzelne Tatsachen und Gegebenheiten intersubjektive Bedeutung erlangen. Eine „Privatsprache“, die nur ich verstehe, ist sinnlos.

Nach dieser Meinung (und sie beruft sich dabei auf Immanuel Kant) besteht die Welt aus einer Vielzahl von Konstruktionen der menschlichen Erkenntnis. Ihre Kategorien bestimmen das, was überhaupt wahrgenommen und erkannt werden kann. Realität ist ohne solche Konstruktion nicht zugänglich. Das Nachdenken über die Art solcher Konstruktionen kann in der Weise erfolgen, dass die Welt in verschiedenartige und vielfach gestufte Systeme eingeteilt wird, von denen das eigene Wahrnehmungssystem nur eines unter anderen ist. Auf der anderen Seite kann die Geschichte als historische Konstruktion verstanden werden und die Welt des Sozialen eben als Sozialkonstruktion usw.. Meine Vorstellungen von der Welt und insbesondere von mir selber werden als konstruierte Repräsentationen des Gehirns interpretiert, – aber immerhin, das Gehirn muss ja noch da sein als objektive Gegebenheit. Oder erhält man letztlich nur eine konstruierte Selbstanalyse des Analytikers, der die Funktionen des Gehirns als Repräsentationen von X bestimmt, wobei die Frage ist, was denn dieses X eigentlich sein könnte: Doch wieder die physische Außenwelt? Aber ist diese nicht bloß ein Konstrukt? Und so beißt sich die Katze in den Schwanz.

Anscheinend führen beide Sichtweisen in ein Dilemma. Entweder ist die gegenständliche, tatsächliche Welt real da, wird von mir aber immer nur subjektiv individuiert angeeignet, oder die äußere Welt ist gar nicht als Realität vorhanden, sondern real sind nur die Konstruktionen der menschlichen Welt im Laufe der Lebens- und der Kulturgeschichte. Das stößt sich aber hart mit meiner Alltagswahrnehmung, dass die Welt keineswegs nur „als Vorstellung“ real ist. Mein vorgestelltes Gehalt ist noch keinesfalls real und noch lange nicht auf meinem Konto. Der Ausweg eines radikalen Skeptizismus ist in Wahrheit auch keiner, denn dann müsste ich meine Existenz als denkender und wahrnehmender Mensch zu allererst selbst infrage stellen. Meine Wahrnehmung als Ich aber gibt mir eine ziemliche Gewissheit über meine Existenz. Träume ich oder wache ich – und dann kneift man sich in den Arm und weiß Bescheid.

Vielleicht lässt sich die Frage nach dem, was real ist, gar nicht mit einem Satz beantworten. Vielleicht sind die Alternativen keine einander ausschließenden Gegensätze, sondern komplementäre Denkmodelle. (Ich entlehne diesen Ausdruck einmal aus der frühen Atomphysik.) Oder anders gesagt: Es gibt nicht die eine einzige reale Welt, sei es die äußere, physikalische, oder sei es die innere, konstruierte. Es gibt nur eine offene Vielzahl von Welten und Wirklichkeiten, die alle in ihrem Bedeutungszusammenhang sehr real sein können. Mein Konto zeigt mir die Realität meiner Einkommensverhältnisse. Mein Wunschtraum zeigt mir die Realität meiner Sehnsucht oder meines Strebens. Das Gehirn ist ein realer Untersuchungsgegenstand für Neurobiologen. Mein Denken und Fühlen, Abwägen und Schlussfolgern ist die reale Tätigkeit und Anstrengung meines Geistes. Er ist nicht nur als „mentales Phänomen“ real. Die Werte im Sekundenhandel an der Börse mögen real oder irreal sein, aber dass mein Auto zur Reparatur muss, ist leider real. Natürlich ist auch Hamlet real, im geschriebenen Drama ebenso wie in anderer Form auf der Bühne dargestellt. Meine Welt im Beruf ist real, und meine Freizeit ebenso usw. usw.

Die gegebene Wirklichkeit ist vielfältig. Die Physik zeigt eine andere Wirklichkeit als die Kunst. Man kann das eine nicht gegen das andere ausspielen. Die Welt ist äußerlich, gegenständlich hart oder unerbittlich als Tatsache. Die Welt ist aber ebenso das, was ich aus ihr mache, als welche ich sie sehe, wie verengt oder gefärbt auch immer. Die Sichtweise, der Sinnzusammenhang hat reale Auswirkungen. Wie ich die Welt um mich herum auffasse, so wird sie mir oftmals begegnen. An einem fröhlichen Tag begegnet mir eine andere reale Welt als an einem Tag, an dem ich traurig bin. Beim Klavier-, Trompete- oder Schlagzeugspielen bin ich in einer anderen Welt als wenn ich koche – und all dies ist real, sowohl für mich wie für andere (man frage beim Klavierüben die Nachbarn). Realität ist mehr als eine Konstruktion. Realität ist auch mehr als physische Gegebenheit. Realität ist mehr als alles, was ich bestimmen und festlegen kann. Denn Realität ist offen, offene Vielfalt. Und Realität gibt sich immer wieder anders. Die Welt erscheint jeweils in unterschiedlichen „Sinnfeldern“ (Gabriel). Die alten Philosophen nannten das Verwirklichung, Potentialität.

Heutige Philosophen nennen diese Denkbemühung jenseits der verfahrenen Alternativen „Neuen Realismus“. Es ist eigentlich auch der alte. Man muss das aber heute neu sagen. Realität ist nicht nur das Gegebene, sondern auch seine Kritik. Manches in unserer Welt ist unsagbar schrecklich, manches einfach unsäglich und sinnlos, egal in welchem „Sinnfeld“ es erscheint. Noch besser als das Schlagwort vom Neuen Realismus gefiele mir Kritischer Realismus. Wenn der dann „neu“ formuliert und begründet wird, umso besser. Das Sein ist nicht das Eine, sondern das Viele. Unsere Bezugnahme macht es zur uns bestimmenden Realität. Dabei zeigt sich: Manches, was sein kann, darf nicht sein. Die Kritik schlechter Realität trägt den Keim einer anderen Welt.

Jan 182015
 
Leben um Leben

[Anthropologie, Ethik] Was Leben ist, kann die Biologie recht genau sagen. Metabolismus (Stoffwechsel), (Selbst-) Reproduktion (Fortpflanzung) und genetische Variabilität sind die basalen Eigenschaften bzw. Fähigkeiten eines Lebewesens. Hinzu kommen Reaktion mit seiner Umgebung und evolutionäre Veränderung einerseits und Wachstum und Tod andererseits. Organismen sind strukturell abgegrenzte, eigenständige Systeme, die sich aus Zellen aufbauen. [Viren gehören zwar zum Bereich des Lebens, sind aber streng genommen keine eigenständigen Lebewesen, sondern reine „Bio-Programme“, die zum Leben, also für Replikation und Metabolismus, Wirtszellen brauchen.] Jede Zelle hat eine Zellmembran, durch die sie von ihrer Umgebung abgegrenzt ist und mittels derer sie sich mit ihrer Umgebung austauscht. Verschiedene Zellarten und ihre differenzierte Struktur und Funktion führen zu den drei Hauptgruppen von Lebewesen: Pflanzen, Tieren und Pilzen. Anders gesagt ist etwas Lebendiges ein nach außen abgegrenztes und nach innen strukturiertes System, das „sich verhält“ und zu bestimmten Funktionen fähig ist. Dafür braucht ein Lebewesen Energie, die es von außen bezieht. Als […]