Okt 312014
 

[Philosophie, Wissen]

Es heißt, wir leben heute in einer Wissensgesellschaft. Ebenso sagt man, wir lebten in der Informationsgesellschaft. Was ist Wissen? Was ist Information? Wie hängt das mit Erkenntnis, sodann mit Kenntnissen und Fähigkeiten (neudeutsch: Kompetenzen) zusammen?

Wissen und Information sind nicht dasselbe. Der Begriff Wissen zielt mehr auf das ab, was man in sich selber trägt und worauf man zurück greifen kann. Information ist dagegen eher etwas Objektives, also der Inhalt des Wissens. „Mehr“ und „eher“ deswegen, weil beide Begriffe nicht trennscharf abgegrenzt gebraucht werden. Auch eine Bibliothek kann Wissensbestände enthalten. Daraus kann man Informationen gewinnen. Der Begriff Information liegt allgemeinsprachlich näher bei konkreten einzelnen Daten und Fakten, von denen man Kenntnis erhalten und die man nutzen und verarbeiten kann. Wissen ist dem gegenüber etwas Umfassenderes und schließt Zusammenhänge, Verknüpfungen und Bezüge ein. Vielleicht könnte man sagen, dass die gezielte Verknüpfung und strukturierte Verbindung von einzelnen Informationen zum Wissen führt, und zwar genau dann, wenn eine Person sie in die bisherigen subjektiven Kenntnisse und Bewertungen integriert und damit das eigene Wissen erweitert.

Sind Informationen strukturierte Daten, wie zum Beispiel Meldungen oder einzelne Wahrnehmungen, dann sind Kenntnisse die subjektive Seite solcher Informationen. Wovon man Kenntnis hat, das ist einem bekannt und steht nun als konkretes Wissen persönlich zur Verfügung. Kenntnis ist demnach subjektiv verarbeitete und integrierte Information, also eine Information, die einem „etwas sagt“ oder mit der man „etwas anfangen kann“. Dabei sind bewusste und unbewusste Leistungen der Integration oder, wenn man so will, der „Informationsverarbeitung“, zu unterscheiden. Eine Unmenge an Sinneseindrücken liefern unserem Wahrnehmungssystem jederzeit Daten und Informationen (strukturierte Daten), die zunächst unbewusst bewertet und verarbeitet werden (zum Beispiel mit der Folge einer körperlichen Reaktion) oder die als so wichtig erachtet werden, dass sie von unserem Wahrnehmungssystem an das wache Bewusstsein weitergegeben werden. Dann nehmen wir etwas bewusst wahr, es fällt uns etwas auf oder wir sagen „aha“. Wir haben dann von etwas Kenntnis erhalten. Ist diese Kenntnis nur von momentaner Relevanz (Beispiel: Die Fußgängerampel zeigt rot: Soll ich warten oder, wenn nichts kommt, das Rotlicht ignorieren und die Straße überqueren?), werde ich sie schnell wieder vergessen bzw. eine kurze Zeit lang in der Erinnerung behalten. Sie erweitert kaum mein Wissen. Ist eine Kenntnis mehr als nur von momentaner Bedeutung, kann sie als Erkenntnis bezeichnet werden, die dann in mein bisheriges Wissen integriert wird und weiterhin jederzeit zur Verfügung steht (Beispiel: Ich merke, dass es kalt geworden ist, zudem weiß ich, dass es Herbst ist. Ich werde also künftig beim Rausgehen meine dicke Jacke benutzen.)

Bevor man etwas im eben beschriebenen Sinne weiß, also von Informationen Kenntnis erhalten und sie in sein bisheriges Wissen integriert hat, um sie künftig zur Verfügung und zur Anwendung zu haben, geschehen eine Reihe von Bewertungen, sowohl von bewussten als auch von unbewussten. Wenn ich etwas wissen will, muss ich es als für mich als wissenswert, als nützlich und praktisch erachten. Es findet eine bewertende Auswahl statt. Noch mehr gilt das für gezielt erworbenes Wissen mit der Absicht, es für eine konkrete Anwendung nutzen zu können (Beispiel: Wenn man Bogenschießen lernen will, besorgt man sich zuerst Informationen über diese Sportart, das Sportgerät usw.). Ganz allgemein könnte man bewusstes Lernen als absichtsvoll erworbenes Wissen bezeichnen mit dem Ziel, eine bestimmte Fähigkeit und, praktische Übung voraus gesetzt, eine zumindest ausreichende Fertigkeit für eine bestimmte Tätigkeit oder für die Lösung einer bestimmten Aufgabe (Kompetenz) zu erwerben. Informationen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten gehören also in einen funktionalen Zusammenhang, den wir insgesamt als „Wissen“ bezeichnen. (In einigen Mundarten wird „Wissen“ typischerweise auch für „Können“ gebraucht.)

Old Books Wikimedia

Old book bindings CC BY-SA 3.0 Tom Murphy VII (Wikimedia)

Was ist nun neu in der „Wissensgesellschaft“ oder in der „Informationsgesellschaft“? Die Begriffe Wissen und Information haben durch die Digitalisierung und das Internet eine erweiterte Bedeutung erhalten. Sie beziehen heute ausdrücklich all diejenigen Informationen ein, die in digitalisierter Form („Daten“) zur Verfügung stehen und vor allem über das Internet abgerufen werden können. Dadurch hat sich zunächst nicht das Wissen erweitert, sondern die Weise des Wissenserwerbs. Statt gedruckten Büchern, Zeitungen, Radionachrichten und TV-Sendungen stehen nun eBooks, News-Portale, Streaming-Angebote für Musik und Filme im Internet bereit. Durch das mobile Internet sind diese Informationen jederzeit und an jedem Ort abrufbar. Um an Informationen zu kommen, also um eine Recherche zu betreiben, kann man sich zuerst zu Hause, oder wo auch immer man sich befindet, über das Internet kundig machen. Das wird weiter gehende Bemühungen „draußen“ und vor Ort nicht ersetzen, kann aber den ersten Zugang zu Informationen erleichtern. Allein schon die Wikipedia bietet eine Vielzahl geeigneter Einstiegspunkte für eine erste Annäherung und Anfangsinformation über das, was man zu wissen wünscht. Dieser erleichterte Weg zum anfänglichen Wissen sollte nicht unterschätzt, aber auch nicht überschätzt werden. Das im Netz verfügbare „Wissen“, also die Informationen in digitalisierter Form, müssen schon gesucht, gefunden und erworben werden. Am Lesen, Hören, Sichten und Auswählen kommt man nicht vorbei, um im Internet etwas zu erfahren oder zu lernen.

Beiläufig ist damit schon erwähnt, dass die erweiterte Zugänglichkeit zu Informationen, die über das Internet zugänglich sind, den Informations-Begriff deutlich auf die digitale Information, also die Daten, ausgeweitet hat. Bei „Information“ denken vielleicht viele noch an etwas, was man vom Nachbarn gehört oder in der Zeitung gelesen oder am Radio erfahren hat. Immer mehr wird aber unter Information dasjenige verstanden, was man sich auf Wunsch per Internet beschaffen kann, wann man es will. Auch bei dieser erweiterten Bedeutung des Begriffes Information geschieht weniger eine Neuinterpretation als eine Ausdehnung im Blick auf den Weg der Informationsbeschaffung, auf die Medien, durch die Informationen bereit gestellt werden. Das Netz erleichtert zwar für alle den Zugang zu Informationen, aber diese stellen sich nicht selber ein bzw. nur in geringem Umfang (z.B. durch Push-Meldungen). Weder die Digitalisierung noch das Internet als solche führen zu mehr Wissen. Nur der Zugang, das Medium und die Wege des Erwerbs sind zumindest anfänglich und teilweise erweitert und erleichtert worden.

Etwas anders sieht es bei der Nutzung von sogenannten social media (Facebook, Twitter, WhatsApp usw.) aus. Hier geschieht tatsächlich etwas Neues, wenn Menschen auf einfachste Weise miteinander in Kontakt sind und Infos („Status-Meldungen“) in Text, Wort und Bild austauschen können. Hier hat sich die Kommunikationsweise gegenüber dem persönlichen oder fernmündlichen Gespräch (Telefon, Handy) grundlegend verändert und erweitert. Inwieweit sich gesellschaftliche Kommunikation insgesamt verändert, wenn sie sich in wachsendem Maße instantan insbesondere mittels Bildern über das Netz vollzieht, wäre eigens zu untersuchen. Hier vermute ich allerdings eine Veränderung von erheblicher Tragweite, die nicht nur das Kommunizieren, sondern auch das Verhalten betrifft (zum Beispiel Online-Dating). Doch ist das etwas anderes als vermehrtes Wissen durch erleichterte Information, zumindest steht bei der Kommunikation anderes im Vordergrund, nämlich der Kontakt zu Freunden/-innen, Kollegen/-innen, Smalltalk, Verabredungen, Selbstdarstellung (Selfies) usw..

Man müsste also, will man die besondere Veränderung in der Gesellschaft durch die neuen digitalen Medien („Neuland“) zugespitzt kennzeichnen, von einer gewandelten Kommunikationsgesellschaft sprechen. Denn trotz der gerne gebrauchten Begriffe „Wissensgesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“ wird das Wissen des Einzelnen nicht automatisch vermehrt, sondern allenfalls die Möglichkeiten des Zugangs erweitert. Die moderne Gesellschaft ist also nicht „schlauer“ geworden, nur weil es digitale Medien und das Internet gibt. Bisweilen kann man sogar eher das Gegenteil als Effekt bemerken, wenn man an das „digitale Rauschen“ denkt, das alles und jedes gleich gültig sein lässt und Bedeutung nur nach erreichter Aufmerksamkeit bemisst. Wahrscheinlich bezeichnen die Schlagworte „Wissensgesellschaft“ und Informationsgesellschaft“ mehr eine Hoffnung, nämlich die Hoffnung und Erwartung, dass sich Menschen der erleichterten Möglichkeiten des Zugangs und Erwerbs von Wissen auch selbständig und eigenverantwortlich bedienen (vgl. MOOC’s). Informationen müssen aber weiterhin gesucht und Wissen erworben werden. Man muss etwas lernen wollen, um klüger zu werden, also sein Wissen zu erweitern. Und Lernen ist Arbeit, ob auf analogem oder digitalem Wege. Ob der Traum von einer Gesellschaft, in der sich Wissen fast von selber verbreitet und frei und kritisch mit Freude erworben wird, ob eine solche Gesellschaft je erreicht werden kann, steht auf einem anderen Blatt (steht auf einer anderen Seite…).

Okt 022014
 
Ratio

Rationalität – wider den Hang zum Irrationalen [Philosophie] Die Ratio ist der Verstand, bewusst genutzt. Gebräuchlicher ist das Adjektiv rational, das wörtlich „verstandesmäßig“ bedeutet. Wir gebrauchen es aber ähnlich wie das Substantiv Ratio in einem engeren Sinn. Mit rational meinen wir „nach den Regeln der Vernunft“. Auch ein gestresster oder verwirrter Verstand arbeitet ja als solcher, vielleicht sprunghaft, assoziativ oder emotional, aber nach unserem Wortverständnis eben nicht mehr rational, nicht nach den Regeln der Vernunft. Die Regeln rationalen Denkens sind sehr einfach: Klarheit, Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit. Genaueres wird in der Logik erörtert. In ihrer ältesten und bekanntesten Form wurde sie schon von Aristoteles beschrieben: Mit den Sätzen der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten. Rational ist für uns darum das, was logisch klar ist. Bestätigen wir in einer umgangssprachlichen Antwort: „Logisch!“, dann meinen wir, dass sich etwas vorher Gesagtes eindeutig und klar so verhält. Eine weitere Facette von „rational“ kommt in „sachlich“ zum Ausdruck. […]