Aug 262014
 

[Philosophie, Geschichte]

„Zeit“ und „Raum“ sind schwierige Kategorien. Sind es überhaupt Kategorien? Es sind zumindest recht besondere Begriffe. Bei Kant haben wir gelernt, dass sie alle unsere Anschauung und all unser Begreifen immer schon begleiten. „Reine Formen der Anschauung“ nannte er es. Damit sind beide Begriffe in ihrer Besonderheit gekennzeichnet, in eigentümlicher Weise mit dem Erkennen unserer Welt unlösbar verbunden zu sein. Aber was Zeit und Raum eigentlich sind, ist damit noch nicht gesagt. Darüber haben sich Philosophen zu allen Zeiten den Kopf zerbrochen und sehr Unterschiedliches gesagt. Man kann sich darüber anderswo orientieren, darum soll es hier gar nicht gehen.

Sind beide Begriffe für sich genommen schon schwierig, so ist ihre Zusammenfügung zu neuen Begriffen noch merkwürdiger. Der „Zeitraum“ ist uns aus der Umgangssprache bekannt. Er scheint ganz einfach einen bestimmten Zeitabschnitt zu meinen. Erst vermittelt durch die moderne Physik haben wir uns daran gewöhnt, gelegentlich von der Raumzeit, auch Raum-Zeit geschrieben, zu sprechen. Durch Einsteins spezielle und erst recht durch die allgemeine Relativitätstheorie sind Raum und Zeit ineinander verwoben worden, zu einander „relativ“. In mathematischen Formen erscheint die Zeit nun als vierte Dimension neben den drei Raumdimensionen Länge, Breite, Höhe. Aber das klingt nur auf den ersten Blick einfach. sozusagen als Koordinatensystem für die Bestimmung von Wo und Wann. Denn der gekrümmte Raum kann die Zeit dehnen oder verkürzen, und die scheinbar objektiven Koordinaten sind nur konkret bestimmbar auf ein gegebenes Bezugssystem hin. Irgendwie scheinen dabei Raum und Zeit ineinander zu fließen und mal diesen, mal jenen Aspekt der Wirklichkeit anzuzeigen. Immerhin nutzen wir diese Relativität von Raum und Zeit, um beispielsweise die Genauigkeit von GPS-Daten zu verbessern.

Nun ja, mag man einwenden, das sind halt naturwissenschaftliche Spezialitäten, die für uns im Alltag praktisch keine Bedeutung haben. Für die Eichung von GPS-Satelliten mag das ja wichtig sein, aber wir schauen doch nur aufs Navi, und das soll stimmen. OK, soweit richtig. Allerdings sollten wir schon durch den Hinweis auf diese eine praktische Anwendung gewarnt sein, dass auch die Raumzeit nicht ganz so abstrakt und praktisch unwichtig ist, wie es uns vorläufig scheinen mag. Vielleicht hängt das auch mit dem anderen Begriff zusammen, dem des Zeitraums.

Der Historiker Jürgen Osterhammel betrachtet in seinem großen Buch über die Geschichte des 19. Jahrhunderts 1) zu Beginn die Art und Weise, wie in jenem Jahrhundert Zeit und Raum erfahren wurden. Das ist offenbar recht verschieden von unserer heutigen Erfahrung von Zeit und Raum. Dabei macht er darauf aufmerksam, das unser deutscher Begriff Zeitraum schwer in andere Sprachen zu übersetzen ist. 2) Im Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen wird daraus eine Periode der Zeit. Das ist offenkundig nicht genau dasselbe. Periode lässt auch eine Bedeutung von Wiederholung mitschwingen. Eher passt dazu unser Wort Abschnitt. Damit ist bildlich so etwas gemeint, als schneide man auf dem endlosen Zeitstrahl eine bestimmte Strecke mit konkretem Anfang und Ende, einen Abschnitt eben, heraus. Zeitraum dagegen hat eine andere Bedeutung. Auch der Zeitraum ist etwas innerhalb der verlaufenden Zeit Begrenztes, aber die Grenzen sind nicht so klar, sie bleiben fließend wie die Zeit selbst. Wir sprechen darum umgangssprachlich oft zum Beispiel von einem Zeitraum von 20 Jahren. Dann ist gemeint: von ungefähr zwanzig Jahren. Und: Zeitabschnitte sind immer wieder teilbar und kombinierbar, sie folgen aufeinander, je nach dem wie man sie auswählt mit Lücken oder ohne. Zeiträume können sich überlappen. Sie drücken etwas Ausgedehntes aus, das gewissermaßen quer steht zur vorwärts laufenden Zeit und darum so etwas wie eine Raumdimension der Zeit darstellt.

Bisweilen wurde und wird Zeit auch als Kreislauf empfunden. Dann ist ein Zeitraum wie ein Kreisausschnitt mit einer Fläche, mit einer Mitte und einer Peripherie. Der Begriff Zeitraum verweist viel stärker als „Abschnitt“ oder „Periode“ auf etwas, das sich in diesem Zeitraum ereignet hat, auf etwas Sachliches, Gegebenes, Geschehenes oder Geschehendes. Sofern Zeit für sich genommen linear gedacht wird, dann ist Zeitraum eine ausgefüllte, ausgedehnte Zeit. Sie geht in die Breite und Tiefe. In einem Zeitraum scheinen Dinge und Verläufe mit einander verknüpft zu sein, die in einem Zeitabschnitt allenfalls lose neben einander liegen. Insofern schwingt im Begriff Zeitraum ein Integral mit, das Integral von all dem, was innerhalb einer nur ungefähr bestimmten Zeit mit- und nebeneinander geschehen ist. Der Raum ist dann tatsächlich zu einem Bestandteil der Zeit geworden, und umgekehrt ist die Zeit nur eine Verlaufsform all dessen, was in räumlicher Orientierung und Veränderung vorhanden ist und interagiert. Zeit und Raum werden so zu relativen und geschichtlichen Größen. Damit rückt der Begriff des Zeitraums doch recht nahe an den nur etwas anders akzentuierenden Begriff der Raumzeit heran.

Man könnte vorsichtig formulieren: Die „Raumzeit“ drückt die Abhängigkeit der Zeit von der „Schwere“ des Raums aus. Der „Zeitraum“ drückt dann mehr die Abhängigkeit des Raums und seiner Inhalte von der Dynamik der Zeit aus. So gesehen sind Raumzeit und Zeitraum Komplementärbegriffe. Als der umgangssprachlich vertrautere ist „Zeitraum“ weniger anstößig (das Nachdenken anstoßend) als die Raumzeit, die wir als Begriff der Physik entlehnt haben. Dennoch weisen beide Begriffe auf ihre Weise darauf hin, dass Zeit und Raum für sich genommen sehr unanschauliche und inhaltsleere Abstrakta sind. Wir ‚haben‘ sie ja nie für sich genommen. Zeitliches und Räumliches ereignen sich für uns immer miteinander und ineinander – „vorgängig“, da hatte Kant schon recht. Im „Zeitraum“ haben wir das sprachlich mit vielen mitschwingenden Bedeutungsnuancen alltagstauglich auf den Begriff gebracht.

Mir kommen dabei Worte in den Sinn, die in ähnlicher Weise Zeit und Raum verknüpfen: Vergehen und Vergänglichkeit. Zeit vergeht, und Dinge sind vergänglich. Beides ist nicht austauschbar. Dass Zeit vergänglich wäre und Dinge vergehen, ist sprachlich in diesem Sinne zumindest ungebräuchlich. Die Vergänglichkeit ist gewissermaßen die Zeitdimension an den Dingen und Geschehnissen. Dadurch dass die Zeit vergeht, werden Zustände als fließend und veränderlich erfahren: Die Liebe ist vergänglich (sie vergeht, jetzt aber im Sinne von verschwindet), ein erbautes Haus ist eine zwar ‚immobile‘ Sache, die zugleich dennoch vergänglich ist. Vergänglichkeit drückt in der Lebenserfahrung die Veränderung aus, der wir selber mit der Welt um uns herum im Laufe der Zeit unterliegen. Die vergehende Zeit und unsere Vergänglichkeit führen dann in der Tat dazu, dass auch wir selbst ‚vergehen‘, verschwinden, – am Ende unserer Zeit.

Dies sei ein letzter Gedanke. Zeit und Raum, als erlebter Zeitraum, haben die Eigentümlichkeit, je meinig sein zu können: meine Zeit und mein mich umgebender Raum, meine Umgebung. Können wir unseren Raum und unsere Umgebung wechseln, wenn wir es wollen, so geht das nicht mit unserer Zeit. Sie ist mir zwar jeweils zugeeignet als „meine Zeit“, aber sie ist nicht wählbar, nicht veränderbar, sondern vorgegeben. Das ist eigentlich merkwürdig. Dasjenige, was wir als das Veränderlichste erleben, die vergehende Zeit, ist für uns eben nicht veränderbar, und dasjenige, was wir normalerweise im Alltag als Beständiges erleben, unseren Lebensraum und unsere Umgebung, das können wir ändern und wechseln. Somit sind Zeit und Raum, Zeitraum und Raumzeit, doch sehr eigentümliche Aspekte unserer erlebbaren Welt. Im Bild: Die Zeit fließt, und sie scheint für uns beständig, da wir ebenso mit fließen. Der Raum uns uns herum „steht“ zwar, aber er fliegt an uns vorbei. „Niemand steigt zweimal in denselben Fluss.“ sagte Heraklit. Bei ihm ist der Fluss das Symbol der Veränderung schlechthin, der steten Veränderung in Zeit und Raum, die unser Leben bestimmt.

Unsere Welt verändert sich ständig, und wir mit ihr, bisweilen mühsam und ungewollt, manchmal drängend und mit Absicht. Wir haben unser Leben und unsere Welt nur im Modus der sich wandelnden Zeit, vergehend und aus unserer Sicht vergänglich. Der Zeitraum unseres Lebens ist das, was uns bleibt. Er ist alles, was wir haben in der Länge und Breite und Tiefe und Dauer. Unser eigener Zeitraum bleibt begrenzt, wenn auch unscharf. Der Zeitraum und die Raumzeit sind die Bühne unseres Lebens. Von uns aus gesehen: bis der Vorhang fällt. Auf Zeit und Raum hin gesehen, bis die Raumzeit an eine Singularität gelangt und in andere uns unbekannte Dimensionen übergeht.

Anmerkungen

1.) Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2009

2.) siehe dort Seite 130