Nov 302013
 

[Anthropologie]

Eine kleine Überlegung zu der Frage: Welche anthropologische Möglichkeit steckt in technischen Instrumenten? Diese Frage schließt an einen Gedanken an, den ich im Beitrag „Obszöne Technik“ erwähnt habe. Unter „technisch“ möchte ich hier „nicht naturgegeben“ und „von Menschen gemacht“ verstehen.

Einerseits sind technische Instrumente Artefakte, also auf irgendeine Weise hergestellte Gegenstände oder Dinge, die einem Zweck dienen. Dieser Zweck kann mehr oder weniger bestimmt sein. Mit einem Hammer kann ich Nägel einschlagen, eine Fensterscheibe einschlagen oder mir auf den Daumen hauen. Ich kann ihn als Stütze oder Unterlage benutzen, auch als Ersatz für ein Stemmeisen und vieles mehr. Es gibt andere Instrumente, die nur für sehr wenige Zwecke einsetzbar sind. Mit einem Kugelschreiber kann ich eigentlich nur schreiben oder malen; damit ein Loch zu bohren wird nur schwer oder gar nicht gelingen. Ein Einmal-Spritzenset kann ich tatsächlich nur ein einziges Mal gebrauchen, danach ist es nutzlos, Müll. Eine zweckwidrige Wiederverwendung wäre gesundheitsgefährlich.

Man kann sagen, dass die Gebrauchs- und Einsatzmöglichkeiten eines technisches Instruments umso größer und weiter sind, je allgemeiner und unspezifischer das Gerät ist. Ein langer Stock kann für alles Mögliche verwandt werden, vom Angeln bis zur Bohnenstange. Umgekehrt engt ein spezieller Zweck, auf den hin ein Gerät konstruiert ist, seine Einsatzmöglichkeiten ein, im Extremfall auf eine einzige. Dieser Extremfall ist dann zugleich der Optimalfall, weil nichts einen Zweck so gut erfüllen kann wie etwas, das speziell für diesen hergestellt ist. Natürlich kann es andere Instrumente geben, die den erstrebten Zweck noch besser erfüllen, aber aus der möglichen Menge der Zwecke kann das Spezialgerät seinen Einzelfall am besten.

Die Aussage, dass technische Mittel an sich weder gut noch böse sind, sondern nur ihr jeweiliger Gebrauch sie „gut“ oder „schlecht“ macht, muss also differenziert werden. Jedes technische Instrument wird, da es nicht natürlich vorgegeben ist, für Zwecke hergestellt. Jeder Zweck, so allgemein er auch formuliert sein mag („Hammer“ – „Schlagen“), impliziert beim herstellenden Menschen eine Absicht. Ein zweckfreies Instrument ist ein Widerspruch in sich, denn wenn es zwecklos wäre, ist es zu nichts nutze und auch kein technisches Mittel mehr (Mittel wofür?), nur irgend ein Ding, allenfalls von historischem Interesse. Dies gilt auch für künstlerische Instrumente. Der Bereich ihrer Zwecke liegt nur in einem etwas anderen Feld als bei Dingen für den alltäglichen Gebrauch.

Mit den Zwecken kommen die Absichten, mit den Absichten die Intentionen, die den Gebrauch bestimmen, mit den Intentionen die möglichen menschlichen Verhaltensweisen. Und damit finden wir schon beim technischen Instrument selber die absichtlichen, möglicherweise äußerst eingeschränkten, spezialisierten Einsatzmöglichkeiten. Eine Atombombe kann tatsächlich nur als Atombombe eingesetzt werden. Ob testweise über der Wüste oder im Kriegsfalle über einer Stadt, das ändert nichts an ihrem einmaligen, hoch spezialisierten Zweck. Sprengstoff als solcher, zumindest sofern es sich um TNT handelt, kann so oder so eingesetzt werden, in Bomben und im Bergbau. Solche Zwecke sind vielseitiger und damit vieldeutiger. Offen bleibt allerdings, ob und wann ich überhaupt ein solches Mittel einsetze.

Noch von einer anderen Seite her gelangt man zu der Einsicht, dass technische Mittel kein „an sich“ haben. Sie werden nicht „nur so“ hergestellt. Sie dienen immer in irgend einer Weise der „Verlängerung“ bzw. Vergrößerung des menschlichen Aktionsradius, körperlich wie geistig. Komme ich mit dem Arm nicht an einen Ast heran, brauche ich einen gekrümmten Stock, mit dem ich den Ast zu mir herunter ziehen kann. Beim beobachteten Werkzeuggebrauch von Tieren findet man diesen unmittelbaren Zusammenhang sehr deutlich. Der Stock wird zum verlängerten Arm. Interessant sind dabei die Versuche und Beobachtungen der Neuropsychologie, über die Thomas Metzinger berichtet (Der Ego-Tunnel, S. 113 ff.): Das „Körperbild“ der verlängerten oder „fremden Hand“. Insofern lässt sich vermuten, dass alle technischen Artefakte, künstlichen Mittel immer „Hilfsmittel“ sind: vom Menschen erdachte (mit dem Geist) und geschaffene (mit den Händen) Mittel, die bei der Lösung von Problemen „helfen“ sollen. Ein vielseitig verwendbares Hilfsmittel kann bei vielen Problemen helfen, ein spezielles Instrument nur bei wenigen oder einem, dafür dort besonders gut.

Wenn es stimmt, dass technische Instrumente niemals zweckfrei sind und stets Mittel zu einer engeren oder weiteren Problemlösung bereit stellen, dann sind sie viel direkter und unmittelbarer mit menschlichem Handeln und mit Intentionalität verbunden, als es der Blick auf die reine Gegenständlichkeit erscheinen lässt. Ein einfach gegebenes, „an sich“ nutzloses Hilfsmittel verliert seinen Sinn als Werkzeug. Umgekehrt hat jedes technische Mittel bestimmte Möglichkeiten zur Umsetzung von Absichten, zur Erfüllung von Zwecken und zur Lösung von Aufgaben (Problemen). Technische Mittel gehören dann immer schon in den erweiterten Bereich menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten, menschlichen Planens und Handelns. Technik wird so gesehen zu einer anthropologischen Größe. Der „homo faber“, der herstellende Mensch, ist eine gewiss zutreffende, wenngleich nicht ausreichende anthropologische Kategorie. Technik-Philosophie gehört damit zu den Humanwissenschaften.

Keine Frage, dass diese Überlegungen im Blick auf digitale Programme, Programmierung und Netzwerke noch einmal ein ganz eigenes, anthropologisches und kulturelles Gewicht bekommen. Technikkultur ist Kultur, und Mensch und Maschine gehören offenbar zusammen. Auf das Wie und Inwiefern, auf die Auswirkungen und Valenzen kommt es dann an.

Nov 242013
 
Christentum - ein Schlussstrich

[Religionsphilosophie] „Warum ich kein Christ bin“ – das erklärt Kurt Flasch in einem Buch, das innerhalb dieses Jahres bereits in dritter Auflage erschienen ist. Kurt Flasch ist emeritierter Professor und Fachmann für mittelalterliche Geschichte und Philosophie. Seine Monographien über Augustin, Meister Eckart und Nikolaus von Kues gehören zur Standardliteratur. In seinen Arbeiten bietet Flasch jeweils größt mögliche historische Genauigkeit und kenntnisreiche Liebe zum Detail. Ihm gelingt es mit literaturwissenschaftlicher Methodik und sicherem Stil verblüffend leicht, historische Bewegungen des Denkens nach zu zeichnen und mit dem Hintergrundwissen unserer Zeit zu verbinden. Spätestens bei der Lektüre eines seiner Bücher erfährt man, wie spannend und gegenwartsnah historische Literatur mit ihren Themen und Fragestellungen sein kann. Wenn Flasch also über das Christentum schreibt, kann man genau dieses erwarten: penible Ernsthaftigkeit im historischen Detail und absolut gegenwärtige Präsenz. Dies gilt umso mehr, als sein Buch keine distanzierte Abhandlung über das ‚Wesen des Christentums‘ ist, sondern eine Art Rechenschaft darüber, ob man heute […]

Nov 192013
 

Vieles in der heutigen philosophischen Debatte ist fest gefahren. Schon muss man fragen: Welche philosophische Debatte meinst du? Die analytische oder die eher (post-) metaphysische? Die strukturalistische, post- oder neostrukturalistische? Die systemtheoretische – und welche dort? Die diskursiv-öffentliche, modern-kritische, post-marxistische? Die mathematisch-logische? Und was ist das, was angelsächsische philosophy of mind als traditionell kontinentale Philosophie tituliert? Schon diese Aufsplitterung, die sich fast beliebig fortsetzen ließe, zeigt an, dass es derzeit gar kein philosophisches Hauptthema gibt, keine Mainstream-Diskussion, an der sich der Stand heutigen Philosophierens verdeutlichen ließe. Dafür gibt es zahlreiche Linien, die sich weniger als Schulen denn als Denkrichtungen „in Anlehnung an … / in Fortführung von…“ verstehen. Größere Denktraditionen finden wir inzwischen bei den verschiedenen Spielarten des Strukturalismus und erst recht bei der Ausformung systemtheoretischer Komplexe. Und dann ist da an die Stelle einer Philosophie des Geistes die Analytische Philosophie getreten, die im Bereich von Erkenntnis- und Wissenstheorie eine umfassende theory of mind zu entwickeln sucht, […]

Nov 142013
 
Religion und Säkularisierung

Im Allgemeinbewusstsein wird Säkularisierung gerne mit Religionslosigkeit gleichgesetzt. Wenn dann noch Religion mit (katholischer) Kirche identifiziert und dieser Vorgang als Folge der Aufklärung dargestellt wird, scheint eine einleuchtende Erklärung für den heutigen Schwund von Kirchlichkeit und den Rückzug der Kirchen aus der Öffentlichkeit gegeben zu sein. Beim näheren Hinsehen ist diese Erklärung aber fragwürdig. Schon der Begriff „Säkularisierung“ ist nicht eindeutig. Wenn man sich mit Böckenförde darauf verständigt, Säkularisierung als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“ (nach Wikipedia, leider ohne genaue Fundstelle), hat man zumindest einen staatsphilosophisch klaren Begriff. Allerdings lässt diese Definition den gesellschaftlichen Aspekt der Säkularisierung außer Acht. Würde man darauf hin analog formulieren, Säkularisierung sei ebenso die „Ablösung gesellschaftlicher Werte und Normen von ihrer kirchlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“, so käme man der gemeinten Sache schon recht nahe. Dieser neuzeitliche Vorgang wird gemeinhin als gesellschaftliche Lösung von christlich-kirchlicher Bevormundung verstanden. Säkularisierung wird dann faktisch als Entkirchlichung interpretiert. […]