Jul 302013
 

Das Thema „Analytische Philosophie“ am Beispiel des Studienbuches von Ansgar Beckermann (siehe voriger Blogbeitrag) soll um einige Aspekte ergänzt und näher erklärt werden. Die kritische Rückfrage nach den Voraussetzungen und Vorfestlegungen bedeutet nicht, dass sich bei der Durchführung eines philosophischen Konzepts oder bei der Ausarbeitung einer philosophischen Arbeit Voraussetzungen vermeiden ließen. Das ist natürlich nicht der Fall. Es geht gar nicht ohne. Der Kritikpunkt ist die fehlende Abklärung zu Beginn oder zumindest im Verlaufe der philosophischen Durcharbeitung. Davon kann die Analytische Philosophie nicht ausgenommen werden, auch wenn sie sich als „reine“ und begrifflich klare Methode eigentlich als den zeitlosen Endpunkt oder doch zumindest Höhepunkt alles Philosophierens begreift. Es gibt in ihrem Selbstverständnis keine geschichtlich bedingte Entfaltung von Themen und Denkweisen, es gibt keine Prägung durch Schulen und Überzeugungen, es gibt nur noch Argumente, Urteile, Schlüsse und im Endergebnis nachvollziehbare Lösungen oder Klärungen. Die der mathematisch-naturwissenschaftlichen Arbeit abgelauschte klare Formensprache soll eben auch in der Philosophie zu einer abschließenden Klarheit der Gedanken führen, darum „Analytische Philosophie“.

Vorentscheidungen, Vorbegriffe, Vorverständnis usw. ist aber konstitutiv für jeglichen Erkenntnisweg. Man kann das nicht aus dem Denkprozess des Philosophierens ausschließen mit dem Hinweis auf die objektive Gültigkeit und Validierung von Argumenten, die keine Vorlieben und Neigungen zulassen. Genau die eigene Prägung des Denkens – durch Ausbildung, Studium, überzeugende Lehrer –  ist aber kein irrelevanter ‚menschlicher‘ Aspekt vor und unabhängig von der philosophischen Arbeit, sondern ist viel mehr ein integraler Teil des Denkprozesses. Denn die eigenen Grundentscheidungen, Einstellungen und Vorbegriffe müssen während der folgenden Denkarbeit doch gerade überprüft, abgeklärt, in ihrem Gültigkeitsbereich fest gelegt und damit eingegrenzt und bestimmt werden. Darum ist es unabdingbar, sich über die unausgesprochenen Hintergründe und Voraussetzungen des eigenen Denkens fortwährend Rechenschaft abzulegen, insbesondere dann, wenn sie auf dem Hintergrund eines ganz bestimmtenWeltbildes angesiedelt sind.

Aristoteles nach Lysipp (Wikipedia)

Aristoteles nach Lysipp (Wikipedia)

Es gab einmal so etwas wie „methodologische Vorüberlegungen“, welche die Grenzen der angewandten Methode / Begrifflichkeit absteckte. Heute ist aber die selbstverständliche Voraussetzung des Physikalismus anscheinend so unausweichlich und übermächtig, dass jede Alternative oder auch nur die Frage nach einer solchen absurd und lächerlich erscheint. „Wie sollte es denn sonst sein?“ ist die oft gehörte und gelesene Gegenfrage. Ja, genau das ist doch sehr enrsthaft zu fragen: Wie könnte es denn anders, besser gedacht werden? Vielleicht ist nun nach einer längeren Phase der Dominanz Analytischer Philosophie etwas mehr Kreativität des Denkens, der Mut zu einem Neuansatz gefragt, statt sich im endlosen Puzzlespiel logischer Relationen und bisweilen doch sehr abstruser Beispiele und Gedankenexperimente (wie der Zombie in der Qualia-Diskussion) zu verheddern. Beckermanns Durchführung der „Analytischen Einführung in die Philosophie des Geistes“ beweist es doch auf jeder Seite: Von Klarheit, Eindeutigkeit, Übereinstimmung und damit abschließende Klärung kann überhaupt keine Rede sein. Vielmehr werden manche Probleme (zum Beispiel in den verschiedenen Spielarten des Funktionalismus) so oft hin und her gewendet und erneut noch detaillierter ausgeführt, dass man an die Mandelbrot-Mengen und -Bilder (Fraktale, Selbstähnlichkeit) erinnert wird: Jeder neue Aufsatz mit einem neuen Vorschlag von Argumenten, Beispielen und den ach so unverzichtbaren logischen Denk-Formeln bringt noch einmal dieselben „Lösungen“ und Aporien zum Vorschein, wie der vorige Entwurf, nur auf einer etwas veränderten Argumentationsebene – und auch der nun als neu dargestellte Beitrag von Argumenten wird vom Nächsten nur wieder auf seine (selben) Fehler / Fehlschlüsse und Unzulänglichkeiten zurück geführt – und so fort ad ultimum. Liest man sich durch all diese Konzepte und Gegenkonzepte hindurch (nicht nur in dieser Einführung, sondern zum Beispiel in dem dreibändigen „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger mit einer Vielzahl von Originaltexten), kommt man um ein gelegentliches Kopfschütteln über diese Art des Philosophierens kaum herum – trunken vor analytischer Begeisterung. Um so wichtiger ist es, nach den jeweiligen stillschweigenden Voraussetzungen zu fragen und die Selbstverständlichkeit, mit der bestimmte Grundentscheidungen vorausgesetzt werden (Dualismus ist Mist, Physikalismus ist unvermeidbar, Metaphysik ist absurd), einfach nicht durch gehen zu lassen. Wer meint davon enthoben zu sein, richtet sich selber als voreingenommener Jünger einer Schule, der Analytischen halt.

[Übrigens nur als Beobachtung: Das Wort „intuitiv“ bzw. „kontra-intuitiv“ kommt in analytisch-philosophischen Erörterungen erstaunlich häufig vor. Immer wieder wird es als Argument oder Gegenargument verwandt, was doch eigentlich einer strikt kausal-logischen Denkweise zuwider läuft. Ohne Intuition geht es also auch bei den Analytikern nicht, und sei es wenn sie den allgemeinen Menschenverstand bemühen.]

Ansgar Beckermann würde sich von meinen Vorhaltungen kaum getroffen sehen, gehört er doch zu den (selbst-) kritischen Geistern der Analytischen Philosophie. Das erkenne ich durchaus an und schätze es. Dennoch macht es sich das analytische Verfahren / Stil / Methode bei aller ernsthaften Bemühung zu einfach, wenn es naturwissenschaftliche Verfahren und Denkweisen, nach Möglichkeit in mathematischer oder zumindest eindeutiger, logisch formalisierbarer Gestalt, als Modell oder Rahmen für die Philosophie insgesamt übernimmt. Der heute fast übliche synonyme Gebrauch von „Analytischer Philosophie“ und „Philosophie des Geistes“ bedeutet eine unbegründete Gleichsetzung von Methode und Inhalt. Sie führt zu einer fatalen Verengung des philosophischen Denkens und Fragens. Dabei fällt vieles von den Hauptthemen und Problemen aus der Geschichte der Philosophie und damit aus der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Denkens überhaupt unter den Tisch. Die vierte philosophische „Grundfrage“ (Kant) gerät sogar ganz aus dem Blick: „Was ist der Mensch?“ – und für die Beantwortung dieser Menschheitsfrage muss man mit den drei anderen Fragen immer wieder neu beginnen: „Was kann ich wissen, was darf ich hoffen, was soll ich tun?“ Nein, einfacher sollte man es sich nicht machen.

Vielleicht kann man sich ja von den Überlegungen und Anstößen eines Markus Gabriel neu motivieren lassen…

Jul 282013
 
Festlegungen Analytischer Philosophie des Geistes

Einige Bemerkungen zum Studienbuch von Ansgar Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, 3. Aufl. 2008 Beckermanns „Einführung“ kann als ein Standard-Studienbuch gelten, das innerhalb weniger Jahre in dritter Auflage vorliegt. Für Studierende der Philosophie ist es nach wie vor unentbehrlich, wenn ein deutschsprachiger Einstieg und Überblick in die Analytische Philosophie des Geistes gesucht wird. Wie Beckermann die heute verbreitete analytische Philosophie darstellt und welche Vorentscheidungen und Schwerpunkte er dabei setzt, bestimmt das Bild einer ganzen Generation von Philosophiestudenten. Genug Anlass näher hin zu schauen, welche Weichenstellungen Beckermann für seine Analytik der „Philosophie des Geistes“ vornimmt. In Fortentwicklung des sprachanalytischen Ansatzes der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts („linguistic turn“) nennt Beckermann drei „Merkmale“ des besonderen analytischen „Stils des Philosophierens“:  1. Die Argumentationskultur logischer Verknüpfungen und begrifflicher Implikationen (Carnap, Quine). 2. Die Annahme der Zeitunabhängigkeit philosophischer Probleme und ihrer Argumente. 3. Die Überzeugung, dass philosophische Schulen überholt sind, da es nur unterschiedliche, arbeitsteilig zu behandelnde […]

Jul 252013
 

Die philosophischen Themen im Blog „publicopinia“ haben ein eigenes Gewicht bekommen. Sie richten sich speziell an Philosophie – Interessierte und passen nicht recht ein Meinungs-Blog. Darum gibt es dieses neue Blog PhoMi – Philosophy of Min/e/d Beiträge zur Philosophie der Gegenwart Thema ist in einem ganz weiten Sinne das, was „Philosophie des Geistes“ genannt wird und heute in einer etwas veränderten Abgrenzung  „Philosophy of Mind“ heißt. Dabei wird stets meine eigene Position sichtbar werden, also meine eigene Philosophie, „Philosophy of Mine“. Die Beiträge sind in deutscher Sprache, auch wenn die große Vielzahl der Veröffentlichungen zum Thema heute in Englisch sind. Es ist das Erbe oder besser die Weiterentwicklung der Analytischen Philosophie. Die früheren philosophischen Beiträge bleiben zwar auch noch an alter Stelle erhalten, die Beiträge des zurück liegenden Jahres wurden aber auch im neuen Blog importiert. In publicopinia wird es weiterhin um netzpolitische und allgemein kulturelle Themen gehen. Hier hoffe ich dagegen auf eine allmählich in […]

Jul 192013
 
Ethik der digitalen Transformation

I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel […]

Jul 162013
 
Dogmatismus in den Neurowissenschaften

In einigen Blog-Beiträgen haben ich empfehlend auf das Buch „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger hin gewiesen. Es ist äußerst anregend zu lesen und enthält eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde und analytisch-philosophischer Überlegungen. Sein Phänomenales Selbst-Modell (PSM) ist eine hoch interessante Theorie einer Bewusstseinsphilosophie. Die in diesem Buch populärwissenschaftlich aufbereiteten Arbeiten Metzingers (ausführlich in „Being No One. The Self-Model Theory of Sujectivity, 2003) lohnen die geistige Auseinandersetzung mit dieser Theorie. Vieles klingt sehr überzeugend, ja faszinierend. Aber es ist bisher eine bloße Theorie, ein Denkmodell, das der neurologischen Begründung noch weitgehend entbehrt. Metzinger merkt bisweilen an, hierzu würden sich „gewiss“ bald die empirischen Nachweise finden lassen. Auf einige Phänomene und empirischen Befunde kann er verweisen (Out of Body Experience, Wachtraum), die aber doch eher randständig und vielleicht sogar pathologisch sind. Ob sie sich zur Verallgemeinerung eignen, sei dahin gestellt. Grundsätzlicher ist die Kritik eines recht unbekümmerten Dogmatismus. Sein Modell wird unter der Hand zur gegebenen Faktizität, seine […]