Jan 102014
 

[Philosophie]

Wie von mir öfter zu lesen bin ich gegenüber der analytischen (angelsächsischen) Philosophie des Geistes eher kritisch eingestellt – aus guten Gründen. Das könnte man als Ablehnung der Analytischen Philosophie insgesamt missverstehen. Darum möchte ich hier einmal eine Lanze brechen für die analytische Methode.

Die analytische Methode zeichnet sich aus durch möglichst klar definierte Aussagen und logische Schlussverfahren. Eine Behauptung wird aufgestellt und verteidigt. Diese Verteidigung stützt sich auf gute Gründe, die die Behauptung rechtfertigen. Das geschieht mit klar definierten Begriffen und Schlüssen. Nach den Regeln logischen Denkens werden Folgerungen abgeleitet, Implikationen aufgewiesen oder Voraussetzungen geprüft. Um ein solches Verfahren in Gang zu bringen, müssen Probleme und Fragestellungen in eine Folge von Sätzen (Propositionen) umgeformt und zerlegt werden. Erst dadurch kann eine Meinung überprüft, verteidigt oder widerlegt werden. Die angeführten Gründe wiederum müssen selber gerechtfertigt und plausibel sein. Eben dieses Aufteilen, Zerlegen und Begründen, das bedeutet ja „analysieren“, hat dieser philosophischen Methode den Namen gegeben.

Ziel der analytischen Methode ist eine rational konsistente, kohärente Theorie über bestimmte, konkret definierte Aussagen. Diese müssen sich bewähren und können unter den angegebenen Bedingungen als gerechtfertigt gelten – oder wiederum aus guten Gründen abgelehnt werden. Ein starkes Leitmotiv ist immer wieder die Plausibilität, die bestimmte analysierte Aussagen im Vergleich zu anderen Aussagen und Tatsachen gewinnen können. Darum geht dann bestenfalls der Streit. Man kann leicht erkennen, dass die wissenschaftliche Philosophie mit der analytischen Methode ein überaus mächtiges, vielseitiges und wirkungsvolles Instrument entwickelt hat. Sie kann dabei sprachanalytische und erkenntnistheoretische Prinzipien mit einbeziehen. Der Klarheit und logischen Stringenz dieser Methodik kann man sich kaum entziehen, vielmehr sollte man sie produktiv nutzen. Hinter die analytische Methode führt kein Weg mehr zurück.

Das heißt aber noch nicht, dass die analytische Methode das alleinige Universalprinzip der Philosophie sein müsste. Um ihren Wert zu schätzen und ihre Fähigkeiten richtig zu nutzen, müssen zugleich ihre Grenzen beachtet werden. Die erste Grenze: Es handelt sich um eine Methode, eine wichtige und hilfreiche, aber nicht die einzige und allein gültige. Statt von Analytischer Philosophie spricht darum Ansgar Beckermann lieber vom analytischen „Stil des Philosophierens“ oder einer bestimmten „Analytischen Einstellung philosophischen Problemen gegenüber“. Tatsächlich möchte er aber auch hier das Wort „Analytisch“ groß geschrieben wissen. Denn die Fruchtbarkeit dieser Methode ist beeindruckend, ebenso wie die Namen ihrer Repräsentanten. Sie hat die Philosophie von dem Vorwurf befreit, nur inhaltsleeres Geschwafel zu sein.

Die zweite Grenze liegt in der wirkungsvollen Anwendung der analytischen Methode im Bereich der Philosophie des Geistes. Zunächst einmal ist hier die enorme Produktivität philosophischer Arbeit und Ergebnisse zu nennen. Man kann sagen, dass erst die Analytische Philosophie eine ernsthaft betriebene „Philosophie des Geistes“ heute wieder salonfähig gemacht hat. Dies gilt insbesondere auf dem Hintergrund einer engen Verbindung zu den naturwissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen, ohne die eine Beschäftigung mit dem, was als „Geist“ verstanden wird, heute nicht mehr sinnvoll geredet werden kann. Soweit die Möglichkeiten, aber nun kommt die Grenze:  Man ist falsch beraten, aus der analytischen Philosophie in Verbindung mit den als fundamental geltenden Naturwissenschaften eine physikalistische Weltanschauung zu machen.

Eine dritte Grenze – für mich die wesentlichste – liegt darin, was gerade die Stärke dieser Methode ist: etwas zu an analysieren und ein Problem in einzelne Schritte der Argumentation zu zerlegen. Dabei kommt es methodisch notwendig zu einer Formalisierung (siehe die Verwendung logischer Symbole und Schreibweisen), die zwar eine äußerste Korrektheit und Genauigkeit wohldefinierter Begriffe und Schlüsse anstrebt, aber eben damit die Sache (Problem, Fragestellung), um die es geht, durch eine formale Abstraktion ersetzt. Dies kann aber niemals ohne Verluste gelingen. Auch Gedankenexperimente, die angestellt werden („brain in the tank“, Zombie, Zanu usw.), sollen einerseits beglaubigende Wirkung haben, vergleichbar naturwissenschaftlichen Experimenten, verengen andererseits den Blick auf einen konstruierten Einzelfall. Die langwierige Qualia-Diskussion innerhalb einer theory of mind kann das belegen. Das Ganze ist eben doch noch etwas anderes als die Summe der analysierten Teile.

Dies wird besonders an der Sprache deutlich. Die sprachanalytische Wendung der Philosophie Mitte des 20. Jahrhunderts (linguistic turn) hat nachwirkend dieses erbracht: Die genaue Hinwendung zu den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Sprache. Was in den vergangenen fünfzig Jahren über Sprache und Bedeutung geschrieben und geforscht worden ist, füllt Bibliotheken. Daran zeigt sich: Die Sprache ist nicht so leicht in den Griff zu kriegen, auch wenn das Wort Be-griff etwas anderes nahelegt. Alle Begriffsbestimmungen und Klärungen des Verhältnisses von Wort, Bedeutung, Sprechakt, Sinn usw. kommen nicht an dem Faktum vorbei, das Sprache schillernd ist – ein Graus für jede analytische Herangehensweise. Sätze, Worte, Begriffe bezeichnen je nach Kontext und Situation sehr unterschiedliche Bedeutungsfelder, die einander unscharf überlappen können. Ein simples Wort wie „Haus“ klingt völlig anders und bedeutet etwas anderes, wenn man es im Zusammenhang einer Heimkehr, eines Einbruchs oder einer Bauplanung gebraucht. Hier bleiben die Erkenntnisse der Hermeneutik bedeutsam.

David Foster Wallace hat in seinem schönen Buch über „Die Entdeckung des Unendlichen“ die kluge, alltagspraktische Unterscheidung zwischen Wissen und „Wissen“ gemacht. Was wir im alltäglichen Leben wissen, worauf wir uns verlassen und wovon wir ausgehen, ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist das „Wissen“, um das es methodisch in der Wissenschaft geht. Beides muss getrennt, aber auch vermittelt werden. Die analytische Methode in der Philosophie hilft viel auf dem Feld des „Wissens“. Aber es muss auch der Weg des Wissens über die unmittelbare Realität und Faktizität gegangen werden. Die Frage nach der Wahrheit kann nicht formal auf gerechtfertigte Gründe und korrekte (wahrheitsfähige) Schlussverfahren reduziert werden.

Denn dies bleibt die Aufgabe aller Philosophie: die Wahrheit zu wissen über die wirkliche Welt.

Dez 222013
 

[Philosophie]

Thomas S. Kuhn hat in seiner Studie „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ aus dem Jahre 1962 den Begriff des Paradigmas geprägt. Als „Paradigmenwechsel“ ist es in die Gegenwartssprache eingegangen, um einen grundlegenden Wechsel der Perspektiven oder Strategien anzuzeigen. So verallgemeinert kann der Begriff des Paradigmas auf viele Bereiche der Politik oder der Zeitgeschichte übertragen werden. Ursprünglich hat Kuhn ihn benutzt, um hauptsächlich für die Naturwissenschaften den Stand der „normalen Wissenschaft“ oder anders gesagt der Schulwissenschaft zu definieren.

… die Rolle dessen in der wissenschaftlichen Forschung zu erkennen, was ich seitdem „Paradigmata“ nenne. Darunter verstehe ich allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zweit einer Gemeinschaft von Fachleuten maßgebende Probleme und Lösungen liefern. (S. 10)

[Es handelt sich um Grundprinzipien einer Forschungsgemeinschaft, die] „denselben Regeln und Normen für die wissenschaftliche Praxis verbunden [ist]. Diese Bindung und die offenbare Übereinstimmung, die sie hervorruft, sind Voraussetzungen für eine normale Wissenschaft, d. h. für die Entstehung und Fortdauer einer bestimmten Forschungstradition. (S. 26)

Paradigmata begründen Theorien, Gesetze, Regeln und Standpunkte. Das ist bemerkenswert. Nach Kuhn sind Paradigmata so etwas wie der grundlegende Forschungsrahmen, der allererst Theorien und Gesetzmäßigkeiten erkennen lässt. Er definiert Fragestellungen und Problemlösungen. Auf dem Feld der Naturwissenschaften gehört ein Paradigma zur Bedingung erfolgreich verlaufender Forschung.

In seinem Buch geht es Kuhn vor allen Dingen um die Beschreibung und Kennzeichnung dessen, was „wissenschaftliche Revolution“ genannt wird. Dafür arbeitet er gewissermaßen als Hintergrundfolie das Paradigma heraus, die Normalwissenschaft mit ihren Leistungen. Erst wenn sich Anomalien häufen, wenn Beobachtungen zu Tage treten, die unerwartet sind, weil sie in den Kontext der bisherigen Fragen und Problemlösungen nicht hinein passen, wenn Versuchsanordnungen zufällig Ergebnisse hervor bringen, die niemand vorher gesehen hatte (z. B. Röntgen-Strahlung), kommt es zu einer Änderung der Regeln und Fragestellungen und, wenn die Änderungserfordernis groß genug ist, zu einem Wechsel des Paradigmas. Die Grundeinstellungen werden aufgrund neuer Tatsachen neu justiert. Interessant ist dabei, dass daraufhin auch frühere, als gesichert geltende Ergebnisse überprüft werden müssen, ob sie im Licht der neuen Paradigmata noch Bestand haben. Ein Paradigmenwechsel verändert also die gesamte wissenschaftliche Landschaft einer bestimmten Forschung. Alte Erklärungen werden revidiert, neue Fragen und Probleme tauchen auf und warten auf vertiefende Erforschung. Das neue Paradigma bildet sich aus (z. B. Maxwell – Gleichungen; Plancks Wirkungsquantum).

Die Beispiele zeigen: Kuhn bezieht sich als früherer Physiker in erster Linie auf die Naturwissenschaften, bezieht aber immer wieder auch die Sozialwissenschaften in seine Überlegungen ein. Sein Ansatz ist wissenschaftsgeschichtlich orientiert. In den vergangenen zwei bis drei Jahrhunderten haben naturwissenschaftliche Paradigmata das wissenschaftliche Weltbild entscheidend geprägt. Kuhns Erkenntnisse über das Paradigma und einen Paradigmenwechsel sind aber mit gewissen Modifikationen auf andere Bereiche der Wissenschaften übertragbar. Paradigmata machen eine ungeheure Vertiefung und Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Erkenntnis in Fachdisziplinen möglich.

Mich interessiert aber derzeit mehr, wie weit wissenschaftliche Paradigmata (oder wie wir heute zu sagen pflegen „Paradigmen“) den Blick verengen und neue Erkenntnisse für eine lange Zeit geradezu verhindern. Fachdisziplinen und Schulmethoden zementieren auch die Blickrichtung von Fragestellungen und Lösungsansätzen für Probleme („Rätsel“, „Puzzle“ nennt es Kuhn). Problemlösungen werden nur dann als richtig anerkannt, wenn sie das erwartete Gesamtbild ergeben – wie beim Puzzle. Genau so scheint mir die Lage bei den Neurowissenschaften zu sein, ähnlich auch bei den heutigen Entwürfen einer Theory of Mind oder bei grundlegenden Ansätzen der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Man weiß allzu genau, was erwartbar ist und was nicht. Andere Beobachtungen und Einstellungen werden ignoriert. Wenn meine Vermutung nicht ganz falsch ist, dann könnte in diesen Feldern der Wissenschaft ein Wechsel der Paradigmen bevor stehen.

Wer sich nicht den etwas obskur anmutenden Out-of-Body – Erlebnissen eines Thomas Metzinger als Beispiel einer neurophysiologischen Bewusstseinstheorie anvertrauen möchte; wer den Streit über Qualia oder Emergenz nicht als der Weisheit letzten Schluss in der analytischen Philosophie und Neuropsychologie ansehen kann; wer den Konstruktivismus welcher Schattierung auch immer nicht als die selbstverständliche Basis vernünftiger Theoriebildung überhaupt etablieren möchte; wer die kosmologische Selbstgewissheit eines Stephen Hawking zwar für geistreich, aber kaum für mehr als Spekulation halten kann – der gerät heute sehr schnell an die Grenzen der anerkannten Wissenschaften. Oder sollte ich sagen: an die anerkannten und für unabänderlich gehaltenen Grenzen der Wissenschaft? Paradigmen ändern sich, wenn sich standardwissenschaftliche Anomalien häufen oder tatsächliche Phänomene überhaupt nicht mehr erfasst werden. Dies ist aus meiner Sicht heute der Fall. Darum drängt sich ein allmählicher Wechsel der Perspektiven und damit der Paradigmen auf. Das materialistische, physikalistische Paradigma gerät sehr deutlich an seine Grenzen.

Der Altmeister der angelsächsischen philosophischen Diskussion der letzten Jahrzehnte, Thomas Nagel (klassisch sein Aufsatz „What is it like to be a bat?“ 1974) hat in seinem jüngsten Buch „Mind and Cosmos“ (2012, deutsch: Geist und Kosmos 2013) sehr einleuchtend begründet, „warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ (Untertitel). Da wird an einem mächtigen Paradigma sehr heftig gerüttelt. Seine Schrift ist zwar insbesondere im US-amerikanischen Kontext zu verstehen, aber ebenso gut für die „kontinentale“ Diskussion hierzulande wertvoll. Peter Bieri ist hier schon länger eingeführt als ein Mahner und Warner vor einem weltanschaulich – naturwissenschaftlichen Paradigma. Es gibt weit mehr Beispiele dafür, dass sich etwas bewegt. Noch nie war die wissenschaftliche Erkenntnis verbunden mit einer bestimmten Grundüberzeugung, Kuhn nennt es Paradigma, endgültig. Paradigmenwechsel kündigen sich langsam an. Wir sind anscheinend im Übergang begriffen. Noch fehlt der Zündfunke.

 

Jul 302013
 

Das Thema „Analytische Philosophie“ am Beispiel des Studienbuches von Ansgar Beckermann (siehe voriger Blogbeitrag) soll um einige Aspekte ergänzt und näher erklärt werden. Die kritische Rückfrage nach den Voraussetzungen und Vorfestlegungen bedeutet nicht, dass sich bei der Durchführung eines philosophischen Konzepts oder bei der Ausarbeitung einer philosophischen Arbeit Voraussetzungen vermeiden ließen. Das ist natürlich nicht der Fall. Es geht gar nicht ohne. Der Kritikpunkt ist die fehlende Abklärung zu Beginn oder zumindest im Verlaufe der philosophischen Durcharbeitung. Davon kann die Analytische Philosophie nicht ausgenommen werden, auch wenn sie sich als „reine“ und begrifflich klare Methode eigentlich als den zeitlosen Endpunkt oder doch zumindest Höhepunkt alles Philosophierens begreift. Es gibt in ihrem Selbstverständnis keine geschichtlich bedingte Entfaltung von Themen und Denkweisen, es gibt keine Prägung durch Schulen und Überzeugungen, es gibt nur noch Argumente, Urteile, Schlüsse und im Endergebnis nachvollziehbare Lösungen oder Klärungen. Die der mathematisch-naturwissenschaftlichen Arbeit abgelauschte klare Formensprache soll eben auch in der Philosophie zu einer abschließenden Klarheit der Gedanken führen, darum „Analytische Philosophie“.

Vorentscheidungen, Vorbegriffe, Vorverständnis usw. ist aber konstitutiv für jeglichen Erkenntnisweg. Man kann das nicht aus dem Denkprozess des Philosophierens ausschließen mit dem Hinweis auf die objektive Gültigkeit und Validierung von Argumenten, die keine Vorlieben und Neigungen zulassen. Genau die eigene Prägung des Denkens – durch Ausbildung, Studium, überzeugende Lehrer –  ist aber kein irrelevanter ‚menschlicher‘ Aspekt vor und unabhängig von der philosophischen Arbeit, sondern ist viel mehr ein integraler Teil des Denkprozesses. Denn die eigenen Grundentscheidungen, Einstellungen und Vorbegriffe müssen während der folgenden Denkarbeit doch gerade überprüft, abgeklärt, in ihrem Gültigkeitsbereich fest gelegt und damit eingegrenzt und bestimmt werden. Darum ist es unabdingbar, sich über die unausgesprochenen Hintergründe und Voraussetzungen des eigenen Denkens fortwährend Rechenschaft abzulegen, insbesondere dann, wenn sie auf dem Hintergrund eines ganz bestimmtenWeltbildes angesiedelt sind.

Aristoteles nach Lysipp (Wikipedia)

Aristoteles nach Lysipp (Wikipedia)

Es gab einmal so etwas wie „methodologische Vorüberlegungen“, welche die Grenzen der angewandten Methode / Begrifflichkeit absteckte. Heute ist aber die selbstverständliche Voraussetzung des Physikalismus anscheinend so unausweichlich und übermächtig, dass jede Alternative oder auch nur die Frage nach einer solchen absurd und lächerlich erscheint. „Wie sollte es denn sonst sein?“ ist die oft gehörte und gelesene Gegenfrage. Ja, genau das ist doch sehr enrsthaft zu fragen: Wie könnte es denn anders, besser gedacht werden? Vielleicht ist nun nach einer längeren Phase der Dominanz Analytischer Philosophie etwas mehr Kreativität des Denkens, der Mut zu einem Neuansatz gefragt, statt sich im endlosen Puzzlespiel logischer Relationen und bisweilen doch sehr abstruser Beispiele und Gedankenexperimente (wie der Zombie in der Qualia-Diskussion) zu verheddern. Beckermanns Durchführung der „Analytischen Einführung in die Philosophie des Geistes“ beweist es doch auf jeder Seite: Von Klarheit, Eindeutigkeit, Übereinstimmung und damit abschließende Klärung kann überhaupt keine Rede sein. Vielmehr werden manche Probleme (zum Beispiel in den verschiedenen Spielarten des Funktionalismus) so oft hin und her gewendet und erneut noch detaillierter ausgeführt, dass man an die Mandelbrot-Mengen und -Bilder (Fraktale, Selbstähnlichkeit) erinnert wird: Jeder neue Aufsatz mit einem neuen Vorschlag von Argumenten, Beispielen und den ach so unverzichtbaren logischen Denk-Formeln bringt noch einmal dieselben „Lösungen“ und Aporien zum Vorschein, wie der vorige Entwurf, nur auf einer etwas veränderten Argumentationsebene – und auch der nun als neu dargestellte Beitrag von Argumenten wird vom Nächsten nur wieder auf seine (selben) Fehler / Fehlschlüsse und Unzulänglichkeiten zurück geführt – und so fort ad ultimum. Liest man sich durch all diese Konzepte und Gegenkonzepte hindurch (nicht nur in dieser Einführung, sondern zum Beispiel in dem dreibändigen „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger mit einer Vielzahl von Originaltexten), kommt man um ein gelegentliches Kopfschütteln über diese Art des Philosophierens kaum herum – trunken vor analytischer Begeisterung. Um so wichtiger ist es, nach den jeweiligen stillschweigenden Voraussetzungen zu fragen und die Selbstverständlichkeit, mit der bestimmte Grundentscheidungen vorausgesetzt werden (Dualismus ist Mist, Physikalismus ist unvermeidbar, Metaphysik ist absurd), einfach nicht durch gehen zu lassen. Wer meint davon enthoben zu sein, richtet sich selber als voreingenommener Jünger einer Schule, der Analytischen halt.

[Übrigens nur als Beobachtung: Das Wort „intuitiv“ bzw. „kontra-intuitiv“ kommt in analytisch-philosophischen Erörterungen erstaunlich häufig vor. Immer wieder wird es als Argument oder Gegenargument verwandt, was doch eigentlich einer strikt kausal-logischen Denkweise zuwider läuft. Ohne Intuition geht es also auch bei den Analytikern nicht, und sei es wenn sie den allgemeinen Menschenverstand bemühen.]

Ansgar Beckermann würde sich von meinen Vorhaltungen kaum getroffen sehen, gehört er doch zu den (selbst-) kritischen Geistern der Analytischen Philosophie. Das erkenne ich durchaus an und schätze es. Dennoch macht es sich das analytische Verfahren / Stil / Methode bei aller ernsthaften Bemühung zu einfach, wenn es naturwissenschaftliche Verfahren und Denkweisen, nach Möglichkeit in mathematischer oder zumindest eindeutiger, logisch formalisierbarer Gestalt, als Modell oder Rahmen für die Philosophie insgesamt übernimmt. Der heute fast übliche synonyme Gebrauch von „Analytischer Philosophie“ und „Philosophie des Geistes“ bedeutet eine unbegründete Gleichsetzung von Methode und Inhalt. Sie führt zu einer fatalen Verengung des philosophischen Denkens und Fragens. Dabei fällt vieles von den Hauptthemen und Problemen aus der Geschichte der Philosophie und damit aus der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Denkens überhaupt unter den Tisch. Die vierte philosophische „Grundfrage“ (Kant) gerät sogar ganz aus dem Blick: „Was ist der Mensch?“ – und für die Beantwortung dieser Menschheitsfrage muss man mit den drei anderen Fragen immer wieder neu beginnen: „Was kann ich wissen, was darf ich hoffen, was soll ich tun?“ Nein, einfacher sollte man es sich nicht machen.

Vielleicht kann man sich ja von den Überlegungen und Anstößen eines Markus Gabriel neu motivieren lassen…

Jul 282013
 

Einige Bemerkungen zum Studienbuch von Ansgar Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, 3. Aufl. 2008

Beckermanns „Einführung“ kann als ein Standard-Studienbuch gelten, das innerhalb weniger Jahre in dritter Auflage vorliegt. Für Studierende der Philosophie ist es nach wie vor unentbehrlich, wenn ein deutschsprachiger Einstieg und Überblick in die Analytische Philosophie des Geistes gesucht wird. Wie Beckermann die heute verbreitete analytische Philosophie darstellt und welche Vorentscheidungen und Schwerpunkte er dabei setzt, bestimmt das Bild einer ganzen Generation von Philosophiestudenten. Genug Anlass näher hin zu schauen, welche Weichenstellungen Beckermann für seine Analytik der „Philosophie des Geistes“ vornimmt.

In Fortentwicklung des sprachanalytischen Ansatzes der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts („linguistic turn“) nennt Beckermann drei „Merkmale“ des besonderen analytischen „Stils des Philosophierens“:  1. Die Argumentationskultur logischer Verknüpfungen und begrifflicher Implikationen (Carnap, Quine). 2. Die Annahme der Zeitunabhängigkeit philosophischer Probleme und ihrer Argumente. 3. Die Überzeugung, dass philosophische Schulen überholt sind, da es nur unterschiedliche, arbeitsteilig zu behandelnde Argumentationslinien gebe. Allen drei Merkmalen liegt die Hoffnung zu Grunde, „dass es möglich sei, philosophische Probleme ein für allemal zu lösen“. Diese Hoffnung, so Beckermann, werde zwar heute nicht mehr uneingeschränkt geteilt, aber doch die Zuversicht, dass es einen „wesentlichen Fortschritt“ gibt: „Fortschritt in der Philosophie bedeutet im allgemeinen nicht die Lösung, sondern die Klärung von Problemen.“ (S. IX)

Insofern geht es in der Philosophie des Geistes nicht um einen speziellen Blick auf den jeweiligen Inhalt (Perspektive, Hermeneutik), sondern um die „Analytische Einstellung“. Darum behandelt das Buch 1. die „zentralen Fragen“ des Bereiches der Philosophie des Geistes, 2. die Darstellung der Hauptpositionen zu diesen Fragen, 3. die Argumente Pro und Contra einzelner Positionen. Dabei gibt Beckermann zu, dass er eine Auswahl treffe, die insofern zeitgebunden sei, als sie sich aus dem gegenwärtigen Stand der Diskussion ergebe. Aber immerhin, so die Absicht, vermitteln die Grundfragen und Hauptprobleme dieser Philosophie in analytischem Stil ein „Basiswissen“, das mehr oder weniger zeitlos gültig ist und die „solide Grundlage“ liefert, neue Positionen „richtig einzuordnen“. Gerechtfertigt sieht sich Beckermann gegenüber anderen Einführungen dadurch, dass eben jeder Autor doch „erhebliche Unterschiede“ in der Einteilung und Problemdarstellung des Gebietes aufweise, weil „der persönliche Standpunkt nicht ausgeblendet werden kann“.

Jaques Droz Automates (Wikimedia Commons)

Jaques Droz Automates (Wikimedia Commons)

Schon diese Vorklärungen werfen einige Fragen auf. Es ist zuerst die dezidierte Geschichtslosigkeit, die hier zum philosophischen Programm erhoben wird. Es gibt prinzipiell nur Grundfragen, Argumente, Widerlegungen, die, wenn sie einmal behandelt und ausreichend geklärt sind, ein Thema erschöpfen; es kann ein für allemal als ‚erledigt‘ gelten. Die wachsende Menge der analytisch geklärten (wenn nicht gelösten) Themen stellt dann den Fortschritt der philosophischen Arbeit dar. Die Parallele der Naturwissenschaft ist unverkennbar. Auch dort erhoffte man sich im vorigen Jahrhundert und zum Teil noch immer, dass eine abschließende TOE, „Theory of everything“, zumindest aber eine GUT, eine „Great Unified Theory“, die abschließende Lösung aller Rätsel zu Tage fördert. So ist die aufwändige Suche nach dem Higgs-Teilchen auch dadurch motiviert, eine „letzte“ Lücke in der allgemeinen Theorie der Elementarteilchen und der universellen Kraftfelder zu schließen. Bisher hat sich allerdings gerade auch in der Teilchenphysik immer wieder gezeigt, dass die gezielten Experimente neben den gesuchten Antworten auch viele neue Fragen aufwerfen. Die String-Theorie oder die Theorien zur Supersymmetrie bleiben zunächst einmal das, was ihr Name besagt: Theorien, Gedankenmodelle, Fragerichtungen in mathematischer Sprache.

In der Analytischen Methodik der Philosophie scheint genau dasselbe vorzuliegen. Angestrebt, sozusagen axiomatisch begründet ist die ‚Große Allgemeingültigkeit‘ der thematische Fragen und ihrer argumentativen Klärungen. De facto gibt es aber ebenso viele Klärungen und Argumente wie analytische Philosophen. Und natürlich gibt es dort auch die Anhänger (warum nicht „Schulen“?) ganz bestimmter Richtungen, je nach dem ob sie sich zum Beispiel mehr sprachanalytisch, strukturalistisch oder systemtheoretisch orientieren. Das in den Auflagen stetig gewachsene Studienbuch Beckermanns legt davon selber Zeugnis ab. Die Positionen und ihre Unterschiede und Differenzierungen nehmen zu, nur die aktuellen Namen ihrer Vertreter wechseln. (Kleine Nebenbemerkung: Ich brauche hier nicht korrekterweise von „Vertreterinnen“ zu schreiben, weil es Professorinnen in der Analytischen Philosophie kaum gibt. Das bedeutet…?)

Allein ein Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt einen schnell die Hoffnung preisgeben, hier würde endlich eine Philosophie aus einem Guss geliefert, die die Menschheitsfragen eindeutig und abschließend lösen könnten. Auch in der Analytischen Philosophie gibt es so viele verschiedene Ansätze wie Protagonisten, und selbst die Themen werden unterschiedlich gesetzt, von dem angewandten theoretischen Rahmen und Begrifflichkeiten ganz zu schweigen. So bleibt letztlich nur ein bei den Naturwissenschaften, insbesondere der Logik, ausgeliehenes formales Instrumentarium bei der Formulierung von Argumenten, das gelegentlich hilft, aber ebenso oft als unangemessen bezeichnet werden muss. Jedenfalls wird das Programm, Philosophie „zeitlos“ und allgemein „problembezogen“ zu betreiben, sehr schnell als leere Hülse sichtbar, die nur den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit und Unbezweifelbarkeit verdeckt. Schon vom Ansatz her wird, das macht das Vorwort Beckermanns deutlich, ist auch dieser philosophische Ansatz eben nur ein zeitverhaftetes Denkmodell, das je nach Gusto und Denkrahmen mal mehr, mal auch weniger überzeugen kann.

Werfen wir noch einen Blick auf Beckermanns Einleitung zu den Problemen und Fragen der Philosophie des Geistes. Auffallend ist es, wie grundsätzliche  Vorentscheidungen begrifflicher und methodischer Art eher beiläufig genannt werden. So identifiziert er gleich zu Beginn den Gegenstandsbereich der Philosophie des Geistes mit der „mentalen Seite des menschlichen Lebens“ im Unterschied zur „biologischen“ Seite (er nennt physiologische Funktionen wie Fortpflanzung, Stoffwechsel usw.) und ordnet diesen „mentalen Bereich“ dann weiteren „vier Problembereichen“ zu (Ontologie, Epistemologie, Semantik, Methodologie). Dabei ist schon eine erste Vorentscheidung gefallen, die nicht weiter geklärt wird: Den Menschen als zweigeteiltes Objekt in den Blick zu nehmen, nämlich einerseits biologisch-physikalisch, andererseits „mental“, was immer das genauer bedeuten soll. Denn darum geht nun in der Folge der Streit: Was das Mentale denn eigentlich ist: „Gibt es Mentales? – Was ist die Natur des Mentalen?“ Die allererste, vorgängige Unterscheidung in biologisch und / oder mental wird aber vorausgesetzt und nicht weiter hinterfragt. Sie ergibt sich für Beckermann offenbar intuitiv, aber auf dem Hintergrund welchen Weltbildes?

„Den Kern des ontologischen [gemeint ist metaphysischen] Teilproblems bildet das klassische Leib-Seele-Problem“, fährt Beckermann fort. Jetzt tauchen mentale und physische Phänomene auf, deren Zuordnung problematisch wird. Beim näheren Eingehen auf das „ontologische Teilproblem“ wechselt er sogleich auf eine andere Begrifflichkeit. Statt „Leib-Seele-Problem“ sollte man besser sagen „Körper-Geist-Problem“. Immerhin verwendet Beckermann eine Fußnote, um diesen gravierenden Austausch der Begriffe zu erläutern. „Leib“ und „Seele“ trügen zu viele unklare Konnotationen mit sich, die man mit den neuen Begriffen vermeiden könne, „denn schließlich geht es um den Zusammenhang zwischen seelischen Phänomenen und physiologischen Prozessen in unserem Körper“. Das ist alles an ‚Begründung‘. In der Fußnote wird dann noch auf die unterschiedliche Bedeutung der Begrifflichkeit englisch „mind“ und deutsch „Geist“, Gefühl, Intuition, aufmerksam gemacht. Wiederum ist eine grundlegende Vorentscheidung so nebenher vollzogen. Natürlich spiegelt sich hierin die cartesianische Zweiteilung von res cogitans und res extensa, zwischen Denkendem und Ausgedehntem, wider. Außer Platon ist dann auch Descartes der einzige, der in dem sehr knappen philosophiegeschichtlichen Rückblick ausführlicher erwähnt wird. Platon dient mehr als Negativfolie für metaphysischen „Substanz-Dualismus“ (auch solch ein ungeklärter Begriff, eigentlich eher ein Etikett), dem er eine „begriffliche Konfusion“ (27) attestiert. Den „Substanz-Dualismus“ behandelt Beckermann deswegen nur noch am Rande, weil „er in der gegenwärtigen Philosophie … kaum noch eine Rolle“ spielt und weil diese Position angesichts ihrer Widersprüche und Probleme (obwohl intuitiv zugänglich) „den meisten zeitgenössischen Philosophen schier unglaublich scheint“ (8). Nun gut, wenn man das für ein „Argument“ hält…

Es rächt sich also sehr bald, in der Darstellung der Grundprobleme der Philosophie des Geistes auf eine vorgängige Klärung der eigenen Voraussetzungen, Denkrahmen und Kategorien zu verzichten. Es rächt sich ebenso, Philosophie als zeitlos im ungeschichtlichen Raum abstrakter ‚Grundfragen‘ zu verorten. Die geschichtlich-hermeneutische Bedingtheit der eigenen Position kommt nur noch als zufällige Auswahl unterschiedlicher Meinungen und Argumente in den Blick. Und was dem naturalistisch geprägten Weltbild des analytischen Philosophen „unglaublich“ erscheint, mag einem anderen Philosophen durchaus als plausibel gelten. Auch der andere Philosoph wird eigene Voraussetzungen und Vorstellungen / Weltbilder mit bringen. Aber er sollte und müsste sie genau so vorgängig offen legen und abklären, wie es vom analytisch verfahrenden Philosophen zu fordern ist. Aber dagegen hat sich dieser offenbar schon durch die als naturwissenschaftlich unbezweifelbare vorausgesetzte Methodik und formale Begrifflichkeit bzw. Argumentationsstruktur immun gemacht. Wahr ist (wenn man denn überhaupt noch so fragen darf), was „richtig“ ist. Richtig aber ist die logische Struktur und das naturalistische, neopositivistische Weltbild.

In der Tat, dagegen gäbe es einiges zu fragen und zu sagen. Allerdings zeigt allein die Menge der Widersprüche und Probleme innerhalb der analytisch verfahrenden Philosophie des Geistes heutzutage (fünf Jahre später) deutlich, dass hier offenbar auch nur mit Wasser theoretischer Modelle gekocht wird und „Lösungen“ und „Klärungen“ weit entfernt sind von einer allgemeinen Plausibilität. Die Hochphase der Analytischen Philosophie scheint sich auch dem Ende zuzuneigen. Sie erstickt womöglich an ihrer eigenen Vollmundigkeit, an ihren eigenen ungeklärten Voraussetzungen.

Jun 292013
 

Die Wirklichkeit ist nicht so unzweifelhaft wirklich, wie sie auf den ersten Blick scheint – und wie sie von den „naiven“ Realisten voraus gesetzt wird. Es ist erstaunlich, wie alte philosophische Traditionen wie der antike erkenntnistheoretische Skeptizismus eines Sextus Empiricus plötzlich wieder ganz aktuell erscheinen. Natürlich muss ein neuer Name her, „eliminativer Phänomenalismus“ klingt auch gleich viel wissenschaftlicher. Die dahinter stehende Sache ist aber alt und durchaus ernst zu nehmen. Es ist erst recht bemerkenswert, dass diese radikale Position auf dem Hintergrund der Hirnforschung und der modernen Phänomenologie des Bewusstseins auftaucht. Thomas Metzinger, analytischer Philosoph und Bewusstseinsforscher, entwickelt eine hoch interessante, wenn auch im Blick auf die verfügbare empirische Datenbasis noch hoch spekulative Theorie des Ich und des Bewusstseins; auf sein anregendes Buch „Der Ego-Tunnel“ habe ich wiederholt hingewiesen. Mittels des Begriffs des „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM) versucht Metzinger, auf der Höhe der empirischen Befunde der Neurowissenschaften eine evolutionär-funktionale Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Der Titel seines populärwissenschaftlichen Buches deutet schon das Ergebnis an: Wir leben in einem unbewusst selbst entworfenen „Ego-Tunnel“, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der aus dem Gehirn evolutionär entspringende Geist hat eine unglaublich komplexe und effektive Weise der Aneignung der Welt hervor gebracht mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei wird „die Welt“ aber allererst in einem Modell konstruiert, das durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung im Gehirn transparent zur Verfügung gestellt wird. „Welt“, also äußere Realität, ist das, was mir zuhanden ist. Das „virtuelle“ Selbst erstellt eine virtuelle Welt, um darin als absichtsvoller Agent auftreten zu können. In einer wissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins kann diese Funktionalität entdeckt und bewusst gemacht werden. Es bleibt aber ein Zirkel, denn das Bewusstsein spiegelt sich hierbei nur in sich selbst. Offenbar hat sich dieses Modell aber als Überlebensstrategie bestens bewährt. Es ist allerdings nur ein Modell.

Dass der Wirklichkeitsbezug erkenntnistheorerisch zweifelhaft bleibt, verdeutlicht eine zunächst recht exaltiert erscheinende Position. Metzinger beschreibt sie in einem fiktiven Gespräch so:

Das merkwürdige philosophische Konzept, das diese Traumgemeinschaft aus Naturwissenschaftlern entwickelt und zu ihrer Prämisse gemacht hat, ist unter dem Namen »eliminativer Phänomenalismus« bekannt. Wie der etwas übereifrige Doktorand Ihnen erklärt: »Eliminativer Phänomenalismus ist durch die These charakterisiert, dass die Physik und das neurowissenschaftliche Menschenbild eine radikal falsche Theorie sind; eine Theorie, die so fundamentale Defekte aufweist, dass sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Ontologie irgendwann schließlich durch eine vollständig entwickelte Wissenschaft des reinen Bewusstseins ersetzt werden, statt problemlos auf diese reduziert zu werden.« Die gesamte Wirklichkeit ist demzufolge eine phänomenale Wirklichkeit. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Wirklichkeit herauszufallen, besteht darin, die grandiose (aber fundamental falsche) Annahme zu machen, dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt (ein Wurmloch, wie die Forscher im Traum-Tunnel es ironisch nennen) und dass es Ihr eigener Tunnel ist. Indem Sie sich diese Überzeugung ernsthaft zu eigen machen, würden Sie jedoch plötzlich unwirklich werden und sich selbst in etwas noch Geringeres als eine bloße Traumfigur verwandeln: in eine mögliche Person – genau das, was Ihr Kontrahent am Anfang der Diskussion behauptet hat. (Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, S. 213f.)

Der „Ego-Tunnel-Blick“ ist also durchaus nicht nur erhellend. Aber richten wir unsere Überlegung auf etwas Anderes. Weniger bezweifelbar ist es, dass wir die Welt außerhalb nur vermittels unserer Sinne durch unsere geistige Aktivität wahrnehmen können. Dabei geschieht eine Interpretation der Sinneserfahrung, die uns das, was der Sinn vermittelt, allererst zugänglich und begreifbar macht. Das Auge gibt uns ein „Bild“ von etwas, das elektromagnetische Strahlung im „sichtbaren“ Bereich, also zwischen 380 nm und 780 nm Wellenlänge, reflektiert. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung, wie ein Schaubild (Wikipedia) verdeutlicht. Für akustische Sinneswahrnehmung gilt dasselbe, auch da steht unseren Sinnen nur ein kleiner Ausschnitt zur Verfügung, den wir als Töne und Klang wahrnehmen. Ein bestimmter Wellenbereich wird von unserem Tastsinn als Wärme empfunden. Auch dies ist eine Interpretation, denn das Gefühl von Wärme ist keine physikalische Eigenschaft. Wärme ist „thermische Energie, die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeichert ist.“ Gegenständlichkeit ist eine bestimmte Anordnung oder Struktur eines atomaren oder molekularen Verbandes, dessen Energie- und Masseeigenschaften von unseren Sinnen (Auge, Tastsinn) in ganz bestimmter Weise wahrgenommen und durch das Gehirn interpretiert werden können. Physikalisch gibt es allenfalls „Körper“, das heißt molekulare Strukturen mit bestimmten Eigenschaften. Auch hier gilt wiederum, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt vorhandener Körper wahrnehmen können, die von Größe und Ausdehnung her unseren lebensweltlichen Anforderungen entsprechen. Was zu klein oder zu groß, zu langsam oder zu schnell, zu nah oder zu fern ist oder wofür wir überhaupt keinen Sinn haben, das nehmen wir nicht wahr, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Was wir auf keinerlei Art wahrnehmen können, ist für unsere „naives“ Realitätsempfinden nicht vorhanden. Für Radarimpulse oder Radioaktivität haben wir kein Sensorium, darum nehmen wir diese Strahlung und damit diese mögliche Gefahr unmittelbar nicht wahr. Das Zeitempfinden schließlich ist ebenfalls durch unseren Organismus bestimmt, indem unser Leben im Rhythmus des Herzschlages entlang des Rhythmus‘ von Tag und Nacht verläuft. Zeit „an sich“, also physikalisch, ist nur als Veränderung im Raum relativ zu anderen Systemen bestimmbar. Sie ist allerdings „gerichtet“, d.h.  unumkehrbar aufgrund des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre (Entropie).

Molekülbewegung (Wikipedia)

Molekülbewegung (Wikipedia)

Über das „Gesetz“ der steten Zunahme der Entropie ließe sich genüsslich philosophieren, insbesondere was Entropie genau bedeutet. „Unordnung“ ist nur eine sehr ungenaue Interpretation, „Zunahme von Information“ (von Weizsäcker) schon eine sehr viel genauere. Hier sei nur fest gehalten, dass grob gesprochen die Welt der Physik (als Basiswissenschaft unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes) von der Welt, wie wir sie wahrnehmen, erfahren und interpretieren, grundverschieden ist. Alles, was wir als inner- und alltagsweltliche Gegebenheiten kennen, kommt dort „nur“ als abstrakte Beschreibung von Massen und Energien, von Kräften und Wechselwirkungen, von Feldern und Konstanten vor. Beide Welten passen schon „irgendwie“ zusammen, aber sind ihrer Art nach doch völlig verschieden: In den Gesetzen der Physik findet sich nämlich überhaupt keine unsrer Empfindungen und mentalen Metaphern, Modelle, Bilder wieder.

Was ist nun wirklich: die Welt der Physik oder die Welt unserer Alltagserfahrung? Oder ist auch die Welt der Physik „nur“ ein Modell, ein sehr viel abstrakteres, genaueres, aber eben auch nur ein eben mathematisches Modell unseres Geistes, um all das („Welt“) zu erfassen und zu bestimmen („Erkenntnis“) und in seiner Funktionsweise („Gesetze“) zu erklären, was uns zunächst unsere Sinne naiv-real als zuhanden und darum vorhanden vermitteln? Zumindest machen diese Überlegungen deutlich, dass die Auffassung der alten Skeptiker bis hin zu den Geist-Theorien der Neuplatoniker (Welt als Emanation unseres Nous / Geistes) gar nicht so weit von dem entfernt sind, was auch heute zugespitzt formuliert wird wie oben zitiert: Dass sich die „reale“ Welt als reines Phänomen, als fiktives Modell, als mentale Repräsentanz des Bewusstseins eliminativ auflöst oder zumindest infrage gestellt sieht. „Darum soll es auch erst mal genug sein mit der Tunnel-Erkenntnistheorie“, beschließt Metzinger seinen Abschnitt. Wohl wahr, es ist verwirrend, aber eben auch spannend und nachdenkenswert. Die allzu forschen Realisten und physikalischen Materialisten sollten sich jedenfalls nicht allzu sicher wähnen. Der Hauptgegner des Skeptizismus von ehedem war der von ihnen so benannte und bekämpfte Dogmatismus. Das könnte zu denken geben.