Mrz 052016
 

Die Konforme Zyklische Kosmologie (Roger Penrose) erstellt das physikalische Modell einer unendlichen Folge von Weltzeitaltern. Die Zahlen und Formeln der Mathematik beschreiben unseren Kosmos auf erstaunliche Weise.

Wenn ein Mathematiker und Physiker wie Roger Penrose Erkenntnisse und Theorien zur Kosmologie vorstellen und erklären will, kann es nicht ohne Mathematik geschehen. Auch ein Buch, das an die interessierte Öffentlichkeit gerichtet ist, entbehrt nicht eines erheblichen Maßes an Abstraktion. Dennoch ist sein Thema eine gute Ergänzung, vielleicht sogar ein Beispiel für die Überlegungen, die im vorigen Beitrag über Zahlen – Spiele dargestellt wurden. An den kosmologischen Theorien zeigt sich sehr deutlich die physikalische Tragweite und die spekulative Grenze oder auch das Eigenleben mathematischer Modelle und Schlussfolgerungen.

Penrose stellt im Kontext aktueller kosmologischer Theorien einen eigenen Entwurf vor, dessen Kernthese schon im Titel seines Buches „Zyklen der Zeit“ (2013) enthalten ist. Er entwickelt darin das Modell einer „konformen zyklischen Kosmologie“ (CCC). Knapp zusammengefasst besagt es, dass unser derzeitiges „Weltzeitalter“ mit einer „Urknall“-Singularität begonnen hat und nach einer expansiven Phase in einer finalen Singularität enden wird. Darin gehen durch eine konforme Skalierung der masselosen Felder des Raumes all seine Freiheitsgrade (Informationen) verloren: Der Zustand höchster Entropie wechselt in einen Zustand geringster Entropie. Aus der endgültigen Singularität kommt ein neuer ‚Big Bang‘ mit dem Anfang eines neuen Weltzeitalters heraus. Desgleichen kann für den Anfang unseres derzeitigen Weltzeitalters ein vorhergehender Zustand eines zuende gegangenen Weltzeitalters vor unserem Weltzeitalter angenommen werden. Der Teilchenhorizont im Phasenraum trifft die Unendlichkeit einer Singularität, die quasi alles wieder auf Null  stellt. Die Zyklen der Weltzeitalter sind unbegrenzt, wobei die physikalischen ‚Randbedingungen‘, also die Naturkonstanten, von Weltzeitalter zu Weltzeitalter durchaus differieren können. Klingt faszinierend, aber was unterscheidet dieses theoretische Modell von purer Spekulation?

Temperaturschwankungen in der Hintergrundstrahlung, aufgenommen durch den Satelliten COBE (Mission 1989–1993) The COBE datasets were developed by the NASA Goddard Space Flight Center under the guidance of the COBE Science Working Group. - http://lambda.gsfc.nasa.gov/product/cobe/dmr_image.cfmhttp://lambda.gsfc.nasa.gov/product/cobe/cobe_images/cmb_fluctuations_big.gif, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34992487

Temperaturschwankungen in der Hintergrundstrahlung, aufgenommen durch den Satelliten COBE (Mission 1989–1993) – The COBE datasets were developed by the NASA Goddard Space Flight Center under the guidance of the COBE Science Working Group. –  CC Wikimedia

Penrose geht streng mathematisch vor und überprüft seine einzelnen Schritte anhand der bekannten Naturgesetze (Relativitätstheorie, Quantenfeldtheorie, kosmologisches Standardmodell) und der empirischen Daten. Eine besondere Rolle spielt dabei der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik (Zunahme der Entropie) einerseits und die Kosmische Hintergrundstrahlung (CMB) andererseits. Seit ihrer Entdeckung 1964 durch Arno Penzias und Robert Woodrow Wilson gilt die CMB gewissermaßen als ‚Fingerabdruck‘ des Urknalls und der frühen inflationären Phase. Insofern ist die Auswertung der von COBE gelieferten Daten und ihre Interpretation grundlegend für jedes neuere kosmologische Modell. Die Interpretation geschieht dann auf dem Hintergrund mathematischer Modelle des Gesamtgeschehens bei der Entstehung unseres Kosmos. Dabei spielt für Penrose der Zweite Hauptsatz über die Zunahme der Entropie eine entscheidende Rolle. Im Unterschied zu vielen populären Darstellungen widerspricht Penrose der Auffassung, die Entropie sei durch ihre Unumkehrbarkeit der Grund für die Unumkehrbarkeit des Zeitpfeils oder gar die Ursache der Zeit. Der Zweite Hauptsatz ist zwar bisher empirisch gut gesichert, aber Abweichungen und Ausnahmen sind durchaus denkbar, ohne dass dadurch auch die Zeit ‚umkehrt‘. Penrose möchte aber gerade von der Gültigkeit des Zweiten Hauptsatzes auch jenseits von Singularitäten ausgehen. Er bedient sich dazu der Boltzmann-Formel für den mathematischen Wert der Entropie, in der das Volumen des „vergröberten Bereichs“ im Phasenraum als einzige Veränderliche eingeht. Dies ermöglicht es ihm, den Wert der Entropie als Freiheitsgrade der Ruhemasse im Raum dazustellen. Wenn in der End-Singularität alle Masse in einem reinen masselosen Feld verschwunden ist, verschwinden auch die Freiheitsgrade – die Entropie fällt auf ihren minimalen Wert zurück. Das ist der ‚Trick‘ in dem CCC – Modell von Penrose. Die in der CMB-Strahlung erkennbaren Schwankungen (‚Fluktuationen‘) interpretiert er daraufhin als ‚Markierungen‘ aus der finalen Expansion des vorigen Weltzeitalters. Er verlegt also die im Standardmodell enthaltene frühe inflationäre Phase unseres Kosmos (bis zur letzten Streuung) vor den ‚Urknall‘ als extreme Expansion und Zerstrahlung („Verpuffung“) der Schwarzen Löcher (Hawking-Strahlung) des vorher gehenden Weltzeitalters und betrachtet somit den ‚Big Bang‘ in einer klassischen Zeitentwicklung.

All dies kann Penrose mathematisch darstellen und begründen. Natürlich bleibt es ein Modell, das auf Plausibilität und, so weit es geht, auf empirische Befunde und sodann auf überprüfbare Voraussagen angewiesen ist. Bezeichnend sind aber wiederkehrende Formulierungen wie diese: „Müssen wir wirklich an diese abschließende Verpuffung glauben?“ (a.a.O. S. 212). und öfter „wir müssen dabei bedenken…“, „wir müssen berücksichtigen…“, was sich stets auf in ihren Auswirkungen unsichere Faktoren bezieht. So betrachtet er die heutige Quantenmechanik als eine „provisorische Theorie“ (a.a.O. S. 221). Wie weit reichen also die heutigen mathematischen Modelle tatsächlich? Wie kann Penrose es plausibel machen, dass sein CCC – Modell der konformen zyklischen Kosmologien der Realität tatsächlich angemessen entspricht? Und wiederum: Wie verhalten sich also Mathematik und Empirie zueinander? Bisweilen scheint es bei Penrose so zu sein, dass ein erwünschtes ‚einfaches‘ oder elegantes Modell auch Änderungen in der mathematischen Modellierung und Ausformulierung bewirkt, dass es also eine faktische ‚Wechselwirkung‘ zwischen Mathematik und physikalischer Theoriebildung gibt. Die Grenze dessen, worüber man zwar spekulieren, was man aber nicht mehr naturwissenschaftlich begründen kann, ist nahe. Was ist Zahl, was ist Natur, – was ist Realität und was ein dazu passendes Denkmodell? Wie weit reicht tatsächlich die Mathematik in ihren Forderungen an und Folgerungen für die physikalische Wirklichkeit?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Unsere Weltzeit mit den gegebenen Naturkonstanten zeichnet sich dadurch aus, Leben hervor gebracht zu haben. Penrose bleibt gegenüber dem ‚anthropischen Prinzip‘ skeptisch, weil sich darin eine naturwissenschaftlich schwer erträgliche Zielbestimmung (Teleologie) verbergen könnte. Tatsächlich aber sind die Naturkonstanten unserer ‚Weltzeit‘, so wie sie sind (z.B. die tatsächlichen Massen von Hadronen, die atomare Besonderheit von Kohlenstoff usw.) Voraussetzungen für die Entstehung von Leben, so wie wir es kennen. Hat diese Erkenntnis irgendeinen Einfluss auf die Beschreibung unseres derzeitigen Weltzeitalters, die Plausibilität des CCC – Modells einmal vorausgesetzt? Denn welche Rolle spielt darin der erkennende und sich ein Bild von sich und der Welt machende Mensch, sei er Physiker, Mathematiker oder Philosoph? Damit sind wir wieder bei sehr ähnlichen Fragestellungen, wie sie sich schon im vorigen Beitrag über Natur und Zahl ergeben haben. Penrose lässt den Leser quasi dem theoretischen Physiker und Mathematiker bei der Theoriebildung über die Schulter sehen, beteiligt ihn an seinem abwägenden Gedankengang. Es bleibt aber ein ‚Rechnen‘ und ‚Wägen‘, die Urteilsbildung liegt beim Leser bzw. beim wissenschaftlichen Gesprächspartner. Und das bedeutet, dass eine ganze Menge von subjektiven Faktoren und Geistesblitzen eine Rolle spielen. ‚Hard facts‘ and a ’soft mind‘! Wie Penrose am Ende schreibt:

„In jedem Fall haben die Beobachtungen [CMB] etwas Aufregendes, und es steht zu hoffen, dass sich die Dinge in nicht allzu ferner Zukunft lösen lassen und damit die Bedeutung der konformen zyklischen Kosmologie für die Physik eindeutig geklärt wird.“ (a.a.O. S 264)

Okt 282015
 

[Anthropologie]

Frühere Kulturen haben in Kreisläufen gedacht, die Moderne aber denke zielstrebig geradeaus, nach vorne. Der Zeitpfeil, die Ausrichtung der Weltgeschichte auf ein endgültiges Ziel sei eine typische Erfindung der christlich-abendländischen Kultur. Die Kulturen des Altertums, aber auch naturverbundene Kulturen der ursprünglich nicht-abendländischen Welt dächten vielmehr in der Wiederkehr des Gleichen, im Rhythmus der Zeiten und Gestirne und darum in Kreisläufen. So haben wir gelernt. Kulturgeschichtlich gesehen mag da etwas dran sein. Der Rhythmus der Jahreszeiten mit Saat und Ernte, der Rhythmus der Gestirne, sei es der Sonne oder des Mondes, mit den jeweiligen Kalendern legten die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens nahe. Ebenso einleuchtend mag es sein, dass gerade die Moderne, die so gesehen allerdings bereits in der Renaissance beginnt, mit der Entdeckung des Fortschrittsgedankens aus dem Denken in Kreisläufen ausbrach und, in einer eigenwilligen Säkularisierung, das religiös-christliche Ziel einer Endzeit und göttlichen Vollendung in die Domäne des Menschen verschob und zum Machbarkeitsprogramm umprägte. Inzwischen leben wir aber ganz gut mit beiden Vorstellungen, behalten den Jahresrhythmus in unseren Kalendern, Geburtstagen und Jubiläen und sehen uns genauso engagiert, den Karriereplan oder die zu erreichenden Ziele innerhalb eines Lebensabschnittes, wenn nicht gleich für das gesamte Leben, fest zu legen. Das Leben verläuft rhythmisch im Kreislauf und zugleich zielstrebig geradeaus gerichtet – zwei einander ergänzende und überlappende, komplementäre Sichtweisen.

Genau genommen ist noch eine weitere Sichtweise hinzu zu fügen. Vielleicht ist es sogar eine bessere Näherung als die geometrische Alternative von Gerade und Kreis. Platon und seine Schüler haben eher dreidimensional gedacht in „Platonischen Körpern“ und Kugeln. Die Kugel war für Platon überhaupt das Symbol der Vollkommenheit. Schaut man auf ihren Radius und Durchmesser, finden wir endliche Größen, will man aber Umfang und Volumen bestimmen, so kommt die ‚endlose‘ Zahl Pi dazu. Lange Zeit dienten die Sphären und Himmelsschalen als Sinnbilder und Inbegriff der Welt als geordnetem Kosmos. Nicht erst die Mondraketen haben diese Harmonie durchschnitten. Sie fliegen zwar nicht auf einer Geraden, sondern eher auf Hyperbeln, aber jedenfalls zielgerichtet hin und zurück. Und dann kommt da diese winzige (bei den derzeit möglichen Geschwindigkeiten) Zeitdilatation (Dehnung) dazu, die wir seit Einsteins spezieller Relativitätstheorie zu berücksichtigen haben und die bei der erforderlichen Genauigkeit von Satellitensignalen (z.B. GPS) auch berücksichtigt werden muss. Die kosmischen Sachen laufen also gar nicht ‚rund‘ und sind auch nicht entlang einem absoluten Zeitstrahl geordnet. Beides, der Kreis und die Gerade, sind bezogen auf unseren Kosmos Abstraktionen. Und sie sind es auch hinsichtlich unserer Lebenswelt. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, hat Heraklit gesagt. Das ist als Sinnspruch für den Wandel verstanden worden, und das ist sicher auch eine seiner Bedeutungen. Aber es geht zugleich um das Spannungsverhältnis von Beständigkeit und Wandel, von Erneuerung und Wiederkehr. Im Bild gesprochen: Der Fluss bleibt ja da, sein Wasser nur fließt, und an einer ruhigen Stelle kann mir sein Spiegel mein alterndes Gesicht zeigen. Wir steigen sehr wohl in denselben Fluss, tun immer wieder das Gleiche, leben stets im Rhythmus des Wiederkehrenden – und doch ist es von Tag zu Tag ein klein wenig anders, sind wir anders drauf, fühlen uns anders, treffen mal andere Menschen und erleben neue Ereignisse. Wenn unser Leben durch steten Wandel gekennzeichnet ist, dann ist es ein Wandel, der nur innerhalb eines Kontinuums von Beständigem (Arbeitszeiten, Familie, Freunde, Wege, Sport usw.) gelebt und vermutlich auch nur so ertragen werden kann. Zuviel Veränderung tut uns nicht gut wegen der Verunsicherung, und zuviel Beharrung auch nicht wegen der Langeweile. Das lehrt einen die Lebenserfahrung. Die Kunst liegt vielmehr in einem erstrebten Gleichgewicht zwischen Veränderung und Gleichbleibendem, ein Gleichgewicht, das immer wieder neu gefunden und etabliert werden muss. Es handelt sich dabei eher um „Fließgleichgewichte“, wie sie aus der Thermodynamik bekannt sind: Beständigkeit auf einem höchst gefährdeten, sensiblen Punkt möglicher Entscheidung (Bifurkation), an dem Eindeutigkeit entschieden oder Ambivalenz beibehalten wird. Überhaupt sind Eindeutigkeiten, wiewohl uns so vertraut und so beliebt, das eher Seltene im Leben. Leben ist etwas sehr Unbeständiges, Ambivalentes, Mehrdeutiges, dessen Formen sich kaum mit geometrischen Abstraktion fassen lassen. Eine unregelmäßige Spirale kommt als Bild vielleicht der Wirklichkeit am nächsten, wobei nur die Richtung und der Spin festgelegt zu sein scheinen. Eine gegensätzliche Faltung (siehe Prionen) kann alles falsch werden lassen. Nur die Richtung ist eindeutig fest gelegt. Sie wird als unumkehrbarer Pfeil der Zeit durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropie) bestimmt. Dies gilt zu allererst biologisch und systemisch, aber dann auch ganz lebensmäßig praktisch.

Bei aller scheinbaren Gleichförmigkeit des Lebens und seiner Vollzüge ist im Grunde nichts wirklich gleich. Das ist die Erkenntnis des alten Satzes von Heraklit. Man sucht einen Rhythmus, eine Art Rückversicherung auf Beständigkeit, ist aber tatsächlich jeweils neu (sagen wir: täglich, nicht gerade stündlich und sekündlich, obwohl…) in den wechselnden und niemals gleichen Situationen des Lebens heraus gefordert. Viele kleine Entscheidungen (was ziehe ich an? wo gehe ich essen?) sind geringfügig, beliebig und bleiben meist ohne irgendwelche Folgen. Aber es gibt durchaus Situationen, da stimmt auch dieses nicht, da ereignet sich gerade dort etwas Besonderes, wo alle Umstände des Moments von Bedeutung sind. Man muss da nicht nur an Amors Pfeile erinnern, sondern an das, was wir „schicksalhafte“ Begegnungen oder Widerfahrnisse nennen. Das Schicksal wird dabei als das Unerklärliche des Zufalls bemüht, es kann dann weiter als Schickung oder göttliche Fügung interpretiert werden, je nach Geschmack. Dennoch wird sich auch durch solche Wendungen so gut wie niemals die Grundrichtung des eigenen Lebens ändern, allenfalls die Umstände, und die können gewichtig genug sein. Die Grundrichtung ist zum einen dadurch bestimmt, dass alles Leben ein Leben zum Tode hin ist. Zum anderen ist es das, was durch Eltern, Geburt, Erziehung, Bildung, Prägungen frühlkindlicher Art usw. fest gelegt ist. Aus diesen „Leitplanken“ jedes einzelnen Lebens gibt es kaum ein Ausbrechen. Es müssen schon gewaltige äußere Unruhen eintreten (Krieg, Vertreibung, Flucht), die sogar die gesamte Lebensrichtung eines Menschen verändern und prägen können. Dennoch bleibt auch darin, in all diesen Veränderungen, der Einzelne der- oder diejenige, die er / sie bis dahin geworden ist. Wir tragen unsere Vergangenheit immer mit uns. Das ist wohl so. Und wir können einmal getroffene Entscheidungen niemals rückgängig machen. Wir können Korrekturen anbringen, sogar etwas scheinbar rückgängig machen, indem wir uns nun anders, entgegengesetzt, alternativ enscheiden. Doch dieses ist eine neue Entscheidung und beruht auf gänzlich anderen Voraussetzungen als die vorige – schon allein, weil es eine vorige Entscheidung als Vorläuferin der neuen Entscheidung gab; man ist nun nicht mehr derselbe, nicht mehr in derselben Situation, im selben „Fluss“.

Es ist leicht ersichtlich, dass sich Leben, insbesondere menschliches Leben, sehr konkret als gleichartige Veränderung vollzieht, als ständiger Wechsel von Wiederholung und Neuerung innerhalb eines lebensmäßigen Kontinuums. Das ist auch mit den Metaphern des Kreises und der Geraden oder besser, so mein Vorschlag, der Spirale („Doppelhelix“ – die biologisch-strukturelle Parallele) angedeutet. Es kommen allerdings noch zwei weitere Aspekte hinzu: Der Wechsel von unterschiedlichen Situationen, die eine Person erlebt, ist oft (meist, immer?) nur im bewussten oder gedanklichen Erfassen ein klares, eindeutiges Nacheinander. Näher an der Wirklichkeit des lebensmäßigen Vollzuges liegt die tatsächliche Ambivalenz, also Uneindeutigkeit, bisweilen auch Unentschiedenheit und Gleichzeitigkeit eines Vorganges, Ereignisses, sogar Entschlusses in den Dingen unseres Lebens. – Der andere Aspekt betrifft das „Kontinuum“ genannte, aber bisher noch nicht erklärte Eine, das individuelles Leben konstituiert. Ist die eigene Person dieses Kontinuum, und genau was in unserer Person? Das Bewusstsein, die gefühlte Befindlichkeit, das denkende Ich – oder ist es „nur“ das rein biologische Dasein?

Homo vitruvianus nach Da Vinci - Wikimedia

Homo vitruvianus nach Da Vinci – Wikimedia

Gerade durch die Verbreitung der digitalen Denkweise wird die Illusion befördert, es gäbe jeweils die Alternative von genau 0 oder 1. Die Digitalisierung in der Beschreibung von Gegenständen, Strukturen, Beziehungen und weiten Bereichen der Lebenswelt ist eine geniale Erfindung, aber sie legt das Missverständnis nahe, diese Vereinfachung sei schon die Wirklichkeit. Es ist nichtsdestoweniger eine sehr massive Abstraktion. Sie stimmt schon in der Physik nicht (Quantenphysik), und sie stimmt nicht in der sozialen Welt. Das Analoge, also Gleichartige mit Gleichzeitigkeiten und fließenden Übergängen der Veränderung wird durch das Nacheinander digitaler Rechenoperationen nachgebildet und in eine bestimmte Struktur gebracht, in die Struktur von + und – , 0 und 1. Nicht einmal unser Gehirn funktioniert auf diese Weise. Algorithmen können bestenfalls etwas in einzelne Schritte der Berechnung zerlegen, was tatsächlich ‚analog‘ ganz anders, d.h. mehrschichtig und gleichzeitig verläuft. Das Leben kennt schon biologisch viel weniger Eindeutigkeiten, als uns vielleicht lieb ist und was wir als Strukturprinzipien daran anzulegen gewohnt sind. Was ist Pflanze, was Pilz, was Tier genau? Was ist Gesundheit, was Krankheit; was ist Heilmittel, was ein Gift? Was ist alt, was ist jung? – usw. Unsere abendländische Kultur hat spätestens seit der Aufklärung und dem Rationalismus der Ambivalenz den Kampf angesagt. Eindeutig soll es zugehen, klar definiert und abgegrenzt in Alternativen, wie schon die Bibel sagt: „Eure Rede sei ja ja, nein, nein.“ (Matthäus-Evangelium 5, 37) Uneindeutigkeiten, Doppeldeutigkeiten, Überlagerungen sind nur hinzunehmen, bis die Sachlage eindeutig zu klären ist. Manche Sachlage hört aber dadurch auf, genau das zu sein, was sie vorher war: etwas Uneindeutiges, Ambivalentes. Spätestens seit diese Uneindeutigkeit als Strukturprinzip der Natur selbst in der Quantenphysik wieder neu entdeckt wurde (man nennt es dort die Zustände der Überlagerung oder „Hyperposition“ vgl. N. Gisin, Der unbegreifliche Zufall, 2014), sollte auch das ’normale‘ Denken und insbesondere das Denken der Philosophen Abschied nehmen vom rationalistischen Eindeutigkeitswahn. Die Natur und das Leben sind nicht nur komplexer, als immer wieder vereinfachend angenommen wird und in wissenschaftlicher Abstraktion praktiziert werden muss, sondern sie tragen eine Unschärfe strukturell in sich: Zweideutigkeiten, Mehrdeutigkeiten zuzulassen, mit Ambivalenzen zurecht zu kommen, mit einem graduellen Mehr oder Weniger besser beschreibbar zu sein als mit einem harten Ja oder Nein, Entweder – Oder. So wie sich die Spirale des Lebens – biologisch und sozial – immer wieder neu ‚erfindet‘ und sich mehr in Schleifen verwirklicht, die aber jeweils einen veränderten Ausgangspunkt haben und nie in sich selber zurückkehren, so könnte und sollte auch das philosophische Denken neben der rationalen Logik auf der einen Seite die andere Seite der Kunst als ihrem Wesen zugehörig betrachten. Vielleicht vermag es die Kunst am besten, Uneindeutigkeiten und In-der-Schwebe-Lassen darzustellen, sachgemäßer als inferentielles Denken es je kann.

Die andere Überlegung bezieht sich auf das Kontinuum, das den Prozessen des Lebens, unseres Lebens und unserer Erfahrung, zugrunde liegt. Dies scheinbar so selbstverständliche Eine oder Etwas oder Was-auch-immer ist nämlich keineswegs so klar und deutlich zu benennen, wie es auf den ersten Anblick scheint. Für Descartes war es klar, es ist das denkende Ich, und wir folgen ihm unausgesprochen noch heute darin. Wir mögen es nun differenzieren in ein Ich (transitiv) und ein Selbst (reflexiv), mögen es als Bewusstsein oder Denkvermögen fest machen (wobei die Hirnforschung beim Kontinuum eher an das biologisch-materielle Substrat denkt, das Gehirn) oder in die Person als soziales Wesen verlegen, – immer suchen wir ein Etwas zu begreifen, das ‚da‘ ist und für die Dauer eines Lebens möglichst unveränderlich bleibt. Denn molekularbiologisch haben wir längst erkannt, dass die Grenzen zwischen Konstanz und Variation fließend sind, dass der Mensch bezogen auf die Gesamtzahl seiner Körperzellen sich ungefähr alle sieben Jahre komplett erneuert, also regelmäßig zellulär ein runderneuertes Lebewesen geworden ist. Inzwischen ist es auch fraglich geworden, ob sich denn das Selbstbewusstsein kontinuierlich durchhält, also fortwährend ein und dasselbe Ich konstituiert, oder ob nicht auch die Arbeitsweise des Bewusstseins so beschaffen ist, das es seine Gegenwart ständig neu aus den Erfahrungen der Vergangenheit hervorbringt und an den Erwartungen oder Befürchtungen für die Zukunft ausrichtet. Das Bewusstsein könnte sich ständig aus dem Echo seiner Erinnerung und den Responsorien der sozialen Umwelt neu etablieren und sich dann als beständiges Selbst im Rückblick auf die eigene Vergangenheit jeweils in veränderlicher Weise konstruieren. Man baut sich zu unterschiedlichen Zeiten und aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen eine unterschiedliche Geschichte seiner selbst, schafft immer wieder andere „Selbstmodelle“ (Metzinger), die eine Kontinuität des Selbst nur suggerieren. Was also bleibt als Kontinuum meiner Selbst? Was ist das Ich als Intregral eines biologischen, psychischen, geistigen Wesens? So viel ist sicher: Was es denn ist bzw. als was man es am sachgemäßesten bestimmt, das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit – und keine einfache Aufgabe. Denn bei der Suche nach der Identität müsste auch der Aspekt der Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten mit einfließen, wobei der Zirkelschluss des sich selbst denkenden Menschen vielleicht noch die einfachste Weise des Vorgehens ist.

Kreis und Linie, Kugel und Spirale, geometrische Metaphern und Modelle für Natur, Leben, Mensch, Dasein, Welt, weisen darauf hin, dass ein Nachdenken über den Menschen und das Leben so etwas ist, wie den Vogel im Fluge zu zeichnen. Ich benutze damit ein Bild aus der Sprache der Dialektischen Theologie aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man braucht keine Theologie und man muss kein Theologe sein, um dieses Bild als ein Sinnbild des Bemühens anzusehen, sich selbst als lebendiges Wesen und Teil der Natur und zugleich als ein einmaliges, unverwechselbares Individuum, als Person zu verstehen. Das kann wohl nur als ein circulus vitiosus, nein viel besser als ein circulus virtuosus angegangen werden, so dass der wirklich lebende Mensch der Lebens-Künstler ist.

Mai 292014
 

Welches Weltbild, welche Weltanschauung treibt uns?

[Natur, Kosmos]

Sprache zeigt unser Denken. Man muss jetzt nicht entscheiden, was zuerst ist. Sprache und Denken hängen jedenfalls engstens zusammen. Wie wir sprechen macht deutlich, wie wir denken. Dies gilt insbesondere für die großen Dinge, für die allgemeinen Zusammenhänge, in denen Menschen sich bewegen. Wie man davon spricht zeigt, wie man sich darin orientiert. Umgekehrt gilt auch: Was man sprachlich vermeidet oder gar nicht ausdrückt, kann oder will man nicht denken. Die Grenzen der Sprache sind zwar nicht die Grenzen der Wirklichkeit, wie Wittgenstein meinte, aber immerhin die Grenzen unseres Denkens. Sofern Menschen mit der Sprache ihre Welt erfassen und beschreiben, zeigt Sprache die Grenzen der jeweils eigenen Welt auf. Die Betrachtung des Ganzen unserer Welt führt zu dem, was wir Weltbild oder Weltanschauung nennen.

In unserem Weltbild manifestiert sich der historisch und soziokulturell vermittelte Blickwinkel, aus dem wir innerhalb einer Epoche unsere Welt wahrnehmen. Während man bei dem Begriff „Weltbild“ eher das begrenzt Konstruierte, perspektivisch Bedingte und theoretisch Postulierte im Unterschied zur dahinter liegenden Wirklichkeit im Bewusstsein hat, bezieht sich das Wort „Weltanschauung“ mehr auf ein ideologisches Gesamtverständnis des Zusammenhangs, Sinns und Zwecks von Mensch und Welt. Das „Weltbild“ ist bescheidener. Man spricht von dem ptolemäischen oder dem kopernikanischen Weltbild, die jeweiligen Bahnen der Gestirne wirklich als Bild zeichnend, und andererseits von einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Das Weltbild beschreibt nur einen zum Beispiel kosmologischen Teilbereich der Wirklichkeit. Die Weltanschauung aber gibt die zulässigen Regeln und den möglichen Gegenstandsbereich der Erkenntnis von Wirklichkeit überhaupt an. Was diesen Regeln nicht genügt, kann nicht „wirklich“ sein. Weltanschauung ist also nicht nur ein umfassenderer Begriff als der Begriff Weltbild, sondern auch ein normativer. Ein „Weltbild“ kann auch bloß zeitweise eine brauchbare heuristische Funktion erfüllen (das Bild des Bohrschen Atommodells), während eine Weltanschauung einen totaleren und allgemein gültigen Anspruch erhebt.

Die eben angeführten Beispiele sind nicht zufällig. Während uns bestimmte Weltbilder näher oder ferner, bekannter oder unbekannter sein können, folgen wir in unserem Denken doch stets einer mehr oder weniger bewusst wirkenden Weltanschauung. Obwohl das kopernikanische Weltbild als allgemein anerkannte Selbstverständlichkeit gilt, zeigen Befragungen doch immer wieder erstaunliche Ergebnisse, und zwar nicht nur der Uninformiertheit, sondern auch des willentlich nicht Anerkennens, zum Beispiel aus religiösen Gründen. Anders sieht es beim Bohrschen Atommodell aus, dessen Weltbild (Atome als Planetensystem im Kleinen) zwar anschaulich, aber im Grunde falsch weil sachlich unangemessen ist. Was in der Chemie noch passen mag, stimmt in der Teilchenphysik längst nicht mehr. Solche theoretischen Modellierungen weisen auf die Grenzen von Welt-Bildern hin: Es sind sprachliche Modelle und visuelle Bilder, die nicht die Abstraktion aufrecht erhalten können, die eine mathematische Beschreibung vermittelt. Sofern das für den Alltag irrelevant ist, bleibt der Streit um die Angemessenheit bestimmter Weltbilder – von den inzwischen offensichtlichen einmal abgesehen – eine Sache von Spezialisten. Ob die Big-Bang-Theorie zutreffend ist, mag für Kosmologen und Astrophysiker spannend sein, für das alltägliche Leben ist die Frage des „richtigen“ kosmologischen Weltbildes völlig irrelevant. Die Naturwissenschaftler sprechen heute statt von Weltbildern lieber vom jeweiligen „Standardmodell“.

Ganz anders sieht es bei Weltanschauungen aus. Ihre umfassende Interpretationskraft und ihr allgemeiner Gültigkeitsanspruch sowohl hinsichtlich der Tatsachen als auch hinsichtlich der zu deren Gewinnung angewandten Werte und Normen machen ihre Wirksamkeit totalitärer. Sie prägen oftmals mehr unbewusst als bewusst die gesamte Art und Weise, wie Menschen einer Epoche innerhalb eines Kulturkreises ihre Welt insgesamt wahrnehmen und deuten. Wird der eigene Lebenszusammenhang in den Kontext einer so umfassenden Vermittlung und Schau der Welt mit eingebracht, dann ist der Schritt zur Ausprägung einer Religion nur ein kleiner. In der Religion wird dasjenige in rituelle Praxis und kultische Bekräftigung von Ordnung überführt, was eine Weltanschauung als Wirklichkeits- und Sinnzusammenhang ausmacht. Insofern ist Religion mehr als nur eine Weltanschauung, aber jede Religion enthält eine bestimmte Weltanschauung in sich. Ebenso kann eine Weltanschauung auch unabhängig von einer jeweilig mit ihr verbundenen religiösen Praxis betrachtet und analysiert werden. Offen bleibt zudem, ob jede Weltanschauung gar notwendig eine Religion oder eine bestimmte religiöse Lebensweise zur Folge hat. Jedenfalls gibt es zumindest im westlich-abendländischen Kulturkreis ein Selbstverständnis, das Weltanschauung und Religion unterscheidet und von einander trennt. Im Gefolge dieser neuzeitlichen Sichtweise kommt es mir hier nur auf die Weltanschauung an.

Eine Weltanschauung zu beschreiben, in der man fast selbstverständlich lebt und die einen wie die Luft zum Atmen umgibt, ist etwas schwierig. Es setzt eine Distanzierung und Objektivierung voraus, die nur in Grenzen möglich, aber systematisch notwendig ist. Ähnlich wie die Religionswissenschaft bei der Betrachtung von Religionen distanziert-kritisch verfährt und darum eben nicht „Theologie“ sein kann, so muss auch eine distanziert-kritische Betrachtung der bei uns allgemein gültigen Weltanschauung quasi von einem neutralen Außen erfolgen. Das ist natürlich eine methodische Konstruktion, denn de facto bleibt jede aktuelle Betrachtung den Bedingungen und Kriterien der jeweiligen Zeit und der jeweiligen Kultur unterworfen. Dennoch ist diese methodische Distanzierung möglich und nötig, will man den Schleier des allzu Selbstverständlichen lüften. In früherer Begrifflichkeit könnte man von der Notwendigkeit einer Ideologiekritik sprechen, die selber nicht wieder ideologisch sein darf und nur eine Weltanschauung mit einer neuen vertauscht. Dies muss beachtet werden.

Die Weltanschauung unserer Zeit und gewissermaßen unserer globalisierten Welt ist die naturwissenschaftlich-technische. Welche Begriffe von Wissenschaft, von Natur, von Technik, darüber hinaus von Wirklichkeit und Wahrheit, zumindest Validierung, von Welt und Mensch dieser Weltanschauung zugrunde liegen, gilt es zu bestimmen. Ein solches Projekt fängt nicht bei Null an, denn es kann sich auf eine Vielzahl von Analysen und Beschreibungen, kritischen Darstellungen und Aufarbeitungen von Teilaspekten stützen, die längst vorhanden sind. Ich möchte auch in weiteren Blog-Beiträgen einige dieser Aspekte thematisieren. Gerade angesichts einer Entwicklung, in der sich durch die Digitalisierung und Vernetzung (big data) der Zugriff auf die Wirklichkeit, die technischen Möglichkeiten und das Bild (!) von Mensch und Welt, also die Erscheinungsweisen aller sozialen und kulturellen Bereiche dramatisch verändern, ist eine solche kritische Distanzgewinnung vonnöten. Diese rasante Veränderung steht jedenfalls im Hintergrund meines Interesses. Um das Ausmaß dieser Veränderung zu verstehen und einzuschätzen, sollte man schon auf die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen eingehen, die zu unserer heutigen Entwicklung geführt haben. Es geht dabei um die Frage nach der Denkweise, die sich in den heutigen naturwissenschaftlich-technischen Umwälzungen ausdrückt. Man wird dabei auch auf die Herkunft dieses Denkens, auf historische Zusammenhänge achten müssen. Ziel ist es zu fragen, ob und wenn ja, welche Alternativen es zur heutigen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation gibt. Ist etwas anderes überhaupt denkbar, überhaupt realistisch? Eine ‚alternativlose‘ Kultur wäre allerdings zugleich das Ende der Freiheit. Die bisherige kulturelle Entwicklung des Menschen bestand ja gerade darin, oft erstaunlicherweise, oft auch erschreckenderweise ‚anders‘ zu können. Oder ist die globale Digitalisierung (mit Totalerfassung und Verhaltens-Prädiktion) das Ende der Alternativen?

Sprachlich ist es bezeichnend, wie wir unsere Welt in Worte fassen. Wir sprechen vom Urknall, von einer anfänglichen Singularität, aus der heraus sich Energie in Materie ausbildete und in den noch unstrukturierten Dichteschwankungen den Keim für Sternensysteme legte. Wir verstehen noch nicht, welche Kräfte das bewirkten, was überhaupt unsere vorhandene Materie gegenüber der „dunklen Materie“ bevorzugte. Wir datieren die Entstehung des Sonnensystems und sind uns recht sicher über den Zeitraum, innerhalb dessen auf dem Planeten Erde Leben entstand. Vielleicht sagen wir auch lieber „sich entwickelte“ in Anlehnung an das lateinische Wort Evolution. Im Zeitraffer tauchen quasi unerklärliche Einzelereignisse auf: da: big bang; da: Materie; da: Sterne; da: Sternensysteme; da: Planeten; da: die Erde; da: Leben; da: der Mensch. Wir verbinden diese Ereignisse mit dem Begriff der Evolution: es entwickelte sich – und verhüllen damit mehr als wir erklären. Es entwickelt sich: was? warum? woher? wohin? Wir formulieren selbst-reflexiv. Eine andere, frühere Weltanschauung sprach indikativisch, sogar imperativ: Eine(r) schuf, machte, „es werde“, vollendete. „Schaffen“ spricht und denkt in Brüchen, „entwickelt sich“ spricht und denkt in einem Kontinuum. Das bleibt ein Gegensatz, solange die reflexiv-passive Form kein Subjekt hat, nur „es“. Dies durchzuhalten fällt schwer, darum sprechen wir oft davon, „die Natur“ hätte dies und das bewirkt und hervor gebracht. Aber wer oder was ist „die Natur“? Die Erde hat Leben hervor gebracht, sagen wir, sie hat sich durch und durch belebt – aber wer oder was ist die Erde, symbolisch als Gaia bezeichnet? Wenn man also genauer hinschaut, erklärt hier unsere Sprache, wenn sie von „Evolution“ spricht, gar nichts; sie verhüllt Leerstellen. Darum könnte es gehen: Diese Leerstellen ein wenig aufzuklären, den Zusammenhang von anscheinend innerer Notwendigkeit (Evolution) und äußerem Antrieb (technischer Instrumentalisierung) begrifflich und sachlich zu erhellen.

Man sieht: Mit dem Nichtwissen verhält es sich ähnlich wie mit der dunklen Materie: 96 % unserer Welt besteht daraus. Ein bisschen Aufklärung kann also nicht schaden.

Feb 162014
 

[Anthropologie]

Gelegentlich habe ich zwei Phantasien. Die eine: Was geschieht eigentlich, wenn es mit der Menschheit einmal aus und vorbei ist? Die andere hängt damit zusammen: Welche neue Verzweigung der Evolution ist vorstellbar?

Die erste Phantasie ist kein Szenario des Weltuntergangs. Ich denke da eher an Ereignisse, die sich im Verlauf der Erdgeschichte schon einige Male ereignet haben. Meteoriteneinschläge haben das Gesicht der Erde entscheidend verändert. Wir können heute einige solcher Riesenereignisse recht genau lokalisieren und datieren. Einer der größten ist der Vredefort-Krater in Südafrika, vor ca. 3 Milliarden Jahren entstanden mit mehr als 200 km Durchmesser. Die Wucht kann nicht mehr angegeben werden, doch das Ausmaß des Kraters macht eine globale Veränderung wahrscheinlich. Genaueres wissen wir vom Chicxulub-Krater in Yucatán, dessen Impact die Erde vor 65 Millionen Jahren traf. Dieser Einschlag wird mit dem Aussterben eines Großteils der Lebensformen auf der Erde, unter anderem der Dinosaurier, in Zusammenhang gebracht.

Während des Auftretens des homo sapiens hat es mehrere größere Einschläge gegeben, wie der Barringer Krater in Arizona (vor 50.000 Jahren) und der Kamil-Krater in Ägypten (vor 5000 Jahren, also in geschichtlicher Zeit) zeigen. Gut bekannt sind die Auswirkungen des vergleichsweise kleinen Tswaing-Kraters in Südafrika, dessen Einschlag zwar nur einen Durchmesser von gut 1 km hinterließ, dessen Wucht aber 1000 Hiroshima-Bomben entsprach. Dass es Meteoriteneinschläge auch in unserer Region gab, zeigt das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken. Einige Rätsel gab eine Zeit lang das Tunguska-Ereignis auf, das auf 1908 datiert wird und vermutlich den Einschlag eines mittelgroßen Asteroiden dokumentiert. Bislang ist eine Abwehr allenfalls kleinerer Asteroiden denkbar. Gegenüber größeren Meteoriten und anderen planetarischen Ereignissen dagegen sind wir auf absehbare Zeit hin hilflos.

Auf ganz andere umwälzende Ereignisse der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens weist die „Kambrische Explosion“ vor 540 Millionen Jahren hin. Damals entstanden die Grundformen des höher entwickelten Lebens, wie es sie bis heute gibt. Die Auslöser für diese Entwicklung sind unbekannt, aber es werden globale Ereignisse vermutet wie eine plötzliche Erwärmung, nachdem für Jahrmillionen die Erde durch eine veränderte Umlaufbahn fast komplett vereist war (Theorie der „Schneeball-Erde“). Es gibt noch mehr solcher Großereignisse, die die Entwicklung der Erde und des Lebens ermöglicht, verändert und umgelenkt haben. Man kann das alles ausgiebig nachlesen, Wikipedia bietet einen guten Einstieg dafür. Es sind Tatsachen, die geschehen sind.

Kurzes Fazit: Es kann jederzeit wieder passieren. Dass während der vergleichsweise kurzen Periode des Auftretens des modernen Menschen (homo sapiens) vor rund 2 Millionen Jahren kein planetarisches Großereignis aufgetreten ist, will nichts heißen; es ist Zufall. Erst aus menschlicher Sicht kann man solche Ereignisse auch Katastrophen nennen, ebenso wie die Erdbeben und Vulkanausbrüche, weil sie für den Menschen katastrophale Auswirkungen haben. Das muss nicht im selben Sinne für andere Lebensformen und für die Erde als Ganzes gelten. Wie heißt es bezüglich des Kapitalismus? „Destruktive Kraft der Erneuerung“ oder „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) – genau so darf man sich auch globale Naturereignisse aus neutraler Warte vorstellen. Hinzu kommt, dass eine solche Riesenkatastrophe die Welt in einer sehr ungünstigen Lage treffen würde, nämlich einer solchen, die man beim Ackerbau „Monokultur“ nennt. Die globale Welt der Wirtschaft und der Technik ist tatsächlich eine einzige anthropozentrische Monokultur geworden mit entsprechender Einseitigkeit, Verletzlichkeit und begrenzter Fähigkeit, sich biologisch aus sich selbst heraus durch alternative Entwicklungen erneuern zu können. Um den Menschen herum ist es einsam geworden, wie das Artensterben belegt. Es gibt neben dem Menschen keine Alternativen des höher entwickelten Lebens.

Oder doch? Das führt mich zu der zweiten Phantasie. Was wäre, wenn wir etwas weniger anthropozentrisch denken und etwas mehr die alternativen Potentiale intelligenter Entwicklungen auf der Erde beachten und erforschen würden? Zumindest die Tierwelt hat da einiges an Überraschungen bereit – und was wissen wir schon von der Welt der Pflanzen und ihrer Überlebensstrategien? Während langer Epochen der Kulturgeschichte waren die Tiere zwar als andere und eigentümliche, aber nicht unbedingt als geringer wertige Lebewesen gegenüber dem Menschen anerkannt und darum auch natürlich (!) als beseelt gedacht (Aristoteles). Das änderte sich spätestens in der abendländischen Neuzeit. Jetzt wurde tierisches Leben allenfalls als mechanischer Automatismus erkannt, weil ihnen ja der Geist fehle. Darum konnte Descartes Tiere auch als biologische Maschinen auf die Seite der „ausgedehnten Sachen“ stellen, was bis heute Auswirkungen auf Tierhaltung, Tierversuche und auf die Rechtsprechnung hat. Erst sehr allmählich führt eine Diskussion über die Ethik der Tiere zu einem vorsichtigen Umdenken, das den Tieren eigene Würde und eigenes kreatürliches Recht zubilligen möchte. Von einer Würdigung der Tiere als gleichwertige hoch entwickelte Lebewesen sind wir noch weit entfernt. Gleichwertigkeit schließt übrigens Tötung und Verzehr nicht aus, wie die Jagdkultur vieler alter Völker beweist. [Nebenbemerkung: gerade Vegetarier und vor allem Veganer („alles was ein Gesicht hat“) vermenschlichen Tiere und vereinnahmen sie damit für die eigene Ideologie.] Es schlösse aber wohl fabrikmäßige Zucht und Schlachtung aus. Ethik der Tiere – in eigenes wichtiges Thema.

Die Verhaltensforschung, Neurobiologie und Intelligenzforschung haben in den vergangenen Jahrzehnten immer öfter Entdeckungen bei Tieren gemacht, die unser bisheriges Urteil über fehlende Intelligenz bei vielen Tierarten erheblich infrage stellen. Abgesehen davon, dass der Maßstab „Intelligenz“ durch und durch anthropogen definiert ist, findet man heute bei Walen, Delfinen, Kraken, einigen Primaten und verschiedenen Vögeln (Raben, Papageien) eine ausgeprägte Intelligenz vor, die zwar verschieden von unserer eigenen Intelligenz ist, aber ihr durchaus evolutionär nahe kommt. Sogar die Frage des Selbstbewusstseins lässt sich bei bestimmten Tieren nicht mehr ohne Weiteres verneinen. Verhaltensexperimente beweisen, dass einzelne Schimpansen und übrigens auch Rabenvögel ein intelligentes ’selbstbewusstes‘ Verhalten zeigen, das dem von 3 – 4 jährigen Kindern gleicht (z. B. Täuschen, sich in den anderen Hineinversetzen, Strategien entwickeln). Auch die Frage nach der Sprachfähigkeit der Tiere (Wale, bestimmte Affenarten) muss neu gestellt werden, nachdem tierische Laute bei einigen Arten als differenzierte Mitteilungen und soziale Verständigungsmuster erkannt wurden. Wenn Sprache als Voraussetzung des Denkens betrachtet wird (Lingualismus), dann müsste man einigen Tieren bzw. Tierarten eine begrenzte Denkfähigkeit bescheinigen, die strukturell und potentiell der menschlichen Denkfähigkeit nahe steht.

Potentiell – damit meine ich: Was wäre da evolutionär alles vorstellbar, wenn man einmal vom Menschen absieht? Welche Tierarten könnten das Erbe der Menschheit in der Geschichte der Evolution antreten, wenn es den Menschen zum Beispiel durch eigenes Zutun (Seuchen, Klimaveränderung, Gen-Unfälle) eines Tages nicht mehr oder nur noch in marginalen Restpopulationen gibt? Auch Technik könnte dann verloren und Wissen untergegangen sein. „Schöpferische Zerstörung“ könnte eine andere Spezies zur Blüte bringen, die Erde also einen weiteren Anlauf für die Entwicklung neuer Lebens- und Organisationsformen nehmen. Es ist vorstellbar, man kann darüber phantasieren. Zumindest veranlasst mich ein solches Überlegen, sehr viel stärker nach den bisher unentdeckten und nicht wahrgenommenen, geschweige denn gewürdigten Möglichkeiten (Potentialen) der jetzt schon gegebenen und vorhandenen Lebensformen, Arten und Anlagen zu suchen. Es wäre ein Konzept des Fragens und Forschens, das den anthropozentrischen Rahmen als zu eng verlässt. Vielleicht liegt es ja schon in der Natur der Dinge, immer wieder andere Möglichkeiten in sich zu tragen, die entfaltet werden können, also schon an sich selber ein Potential zu besitzen, das Weiterentwicklungen und Alternativen bereit hält. Konvergenzen hat es in der Evolution immer gegeben, und Umformungen und neue Ausprägungen ebenfalls. Der Gedanke der ontologischen Teleologie (Prozess-Ontologie) macht es mir leichter, solche Phantasien durchaus als Denk-Alternativen zu begreifen. Vielleicht bringt einen ja doch unsere Phantasie weiter als die naturgegebene „schöpferische Zerstörung“.

Aug 222013
 

Schon die Begrifflichkeit ist schwierig. Ist mit Natur die uns umgebende Welt schlechthin gemeint oder die grüne Romantik im Garten oder das Urlaubsparadies? Ist Geist der kopflastige Gegenstand der Philosophen, die Würze des Alkohols oder irgend ein Gespenst? Könnte das Gegensatzpaar nicht auch Materie  – Geist lauten? oder Physis – Psyche? oder physikalisch – mental? oder Leib – Seele? oder Körper – Geist? oder „science“ – „humanities“, oder (nach Schröder) Wissenschaft – Gedöns?

Ich gehe von den Begriffen Natur und Geist aus. Natur ist der weite Bereich der Welt, wie sie uns naturwissenschaftlich, physikalisch erschlossen wird. Dass das Wort Natur darüber hinaus ein noch viel weiteres Bedeutungsfeld umschreibt, sollte dabei durchaus mitklingen. Der Begriff Geist ist nicht ein aufs Mentale reduziertes inkommensurables Relikt, sondern bezeichnet den weiten Bereich des Denkens, Fühlens, Empfindens, der Vernunft und der Intuition, der Kunst und der Kultur.

Ist der Begriff Natur, Physis, und ihr Wissenschaftsbereich, die Physik, scheinbar eindeutig bestimmt, so ist der (griechische) Begriff des Nous = Geist ungleich vielschichtiger, vielleicht sogar diffuser, unbestimmter. Ihm entspricht kein eindeutiger Wissenschaftsbereich. Die englische Bezeichnung „humanities“ für das, was bei uns Geisteswissenschaften heißt, enthüllt aber einen besonderen Sinn. Der Geist wird offenbar als etwas spezifisch Menschliches angesehen. Dem stand früher der Begriff Seele (anima, psyche) zur Seite als dasjenige, was alle Lebewesen gleichermaßen erfüllt. Den vielleicht umfassendsten Begriff des Geistes hat die griechische Philosophie entwickelt, die sich ihrerseits von persischen und indischen Denkweisen anregen ließ.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci, Embryo (Wikimedia)

Ich versuche entgegen der heute verbreiteten szientistischen, speziell physikalistischen Tendenz ein Denken zu finden, das Natur und Geist zusammen erfasst. In dieser Skizze halte ich mich nicht mit der Kritik des einseitig physikalischen Wissenschaftsbegriff auf, dem ein physikalistisches Weltbild zugrunde liegt, betrachte auch nicht die lange philosophische Vorgeschichte, die insbesondere den wirksamen Dualismus Descartes (res extensa – res cogitans) bedenken müsste, lasse mich auch nicht von den erwartbaren Vorwürfen des metaphysischen Dualismus oder eines überholten Idealismus irritieren, sondern fange einfach mal so an, ganz vorläufig.

Ich möchte meine Position (wenn es denn überhaupt schon eine solche ist) als „physikoidealistisch“ bezeichnen. Ich versuche dabei zusammen zu denken, was beim metaphysischen Dualismus auseinander fällt und was beim physikalischen Monismus einseitig verkürzt, „reduziert“ wird: die umfassend verstandene Natur (Physis) und den gestaltenden Geist, d. h. das von der Möglichkeit zur Wirklichkeit strebende Prinzip der „Idee“ (griech. idea, lat. forma). Wie im vorigen Beitrag angedeutet, lehne ich mich dabei mangels besserer Begriffe an Aristoteles an.

Zugleich habe ich ein Unwohlsein beim Begriff des Panpsychismus, wie er neuerdings von Patrick Spät (Panpsychismus – ein Lösungsvorschlag zum Leib – Seele – Problem, 2010) vertreten wird. Auch Thomas Nagel (Der Blick von nirgendwo, 1986, dt. 2012) geht mit seinem Perspektivismus in diese Richtung. Der Panspychismus will den Fehler vermeiden, erst physikalisch anzufangen und dann das Problem zu haben, wie man das Geistige („Mentale“) widerspruchslos „hinein“ bekommt. Die analytische Philosophie des Geistes hat zumindest dies eine erbracht: Das funktioniert nicht. Supervenienz ist zwar ein analytisch beliebter Terminus, beim näheren Hinsehen bezeichnet er aber etwas kausal Überflüssiges („überdeterminiert“). Also, so die Schlussfolgerung des Panpsychismus, sollte das Geistige von Anfang an zum Materiellen hinzu gedacht werden. Alles, auch das kleinste Elementarteilchen, hat dann einen psychischen „Pol“ (Metapher aus dem Magnetismus). „Protopsychismus“ nennt es Nagel. Das könnte recht verstanden durchaus verheißungsvoll sein. Aber der Begriff Panpsychismus weckt doch die Vorstellung, alles (griech. pan) sei beseelt, der Stein, der Tisch usw. Er wird dann leicht mit einem naiven Animismus verwechselt. Außerdem versucht er den Physikalismus auf seinem eigenen Feld zu begegnen. Er fügt dem Physikalisch-Materiellen ’nur‘ einen zweiten Pol hinzu, dessen Sinn sich im Mikrophysikalischen allerdings nicht erschließt. Der psychische Pol muss deswegen von Anfang an da sein, weil er ja nicht später hinzu kommen kann, wenn denn von seiner gleich ursprünglichen physischen Realität ausgegangen werden soll. Diesen Ansatz halte ich nicht für überzeugend und verheißungsvoll. Die Zielrichtung allerdings teile ich.

Das, was ich als „physikoidealistisch“ bezeichne, geht davon aus, dass es nicht nur eine, sondern viele Wirklichkeiten in der Welt gibt. Ob es überhaupt erlaubt und sinnvoll ist, von der einen Welt zu reden (Einwand Markus Gabriel), lasse ich vorerst dahin gestellt. Viele Wirklichkeiten sind etwas anderes als nur verschiedene Perspektiven auf die eine Wirklichkeit. Viele Wirklichkeiten sind tatsächlich verschiedene Wirklichkeiten, die sich überlagern und durchdringen können und das auch weithin tun, die aber auch in Teilen für sich bestehen können. Eine Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, eigene Begriffe, eigene Regeln, eigene Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge zu etablieren. Die Kunst ist eine solche eigene Wirklichkeit. Sie besteht nicht einfach neben der Alltagswirklichkeit, sondern bezieht sich auf sie, nimmt Gegenstände aus ihr heraus, schafft ihren Raum und ihren Sinn aus sich selbst. Würde sich die Kunst nicht mit dem Alltag irgendwie überlappen, hätten wir normalerweise gar keinen Zugang zu ihr. – Die Religion ist eine weitere, recht eigentümliche Wirklichkeit neben und in unserer sonstigen Wirklichkeit, usw. Es sind eigenständige „Sinnfelder“ (Gabriel).

Die Wirklichkeit des Geistigen ist von besonderer Art. Sie scheint die einzige Wirklichkeit zu sein, die nicht nur neben der Physik besteht, sondern welche die Wirklichkeit der Natur stets und ständig überlagert und durchdringt. Man könnte es eine Dimension der natürlichen Wirklichkeit nennen, wenn bewusst bleibt, dass es sich dabei um eine Metapher handelt. Die geistige Wirklichkeit tritt zwar einerseits als unsere subjektive Perspektive zum Vorschein, ist aber durchaus etwas Objektives, an den Dingen selbst Haftendes. Man könnte es als das Strukturprinzip, als das Verwirklichungsziel und darüber hinaus als die unausgeschöpften Möglichkeiten dessen bezeichnen, was in natürlich-dinglicher Wirklichkeit aktuell gegeben ist. Jedenfalls wäre dieses Geistige in und an den Dingen der Natur als ihre „Idee“, ihre „Form“, zu bestimmen, die allem, was ist, Richtung und Ziel, kurz Sinn verleiht.

Im Blick auf die lebendige Wirklichkeit ist der Geist das, was die Natur belebt. Unser Begriff von Geist sollte also Elemente des traditionellen Seelen-Begriffs (lat. anima) integrieren können. Unabhängig davon, was die Paläobiologen über die Entstehung von Makromolekülen, die Bausteine lebendiger Organismen sind, heraus gefunden haben und noch heraus finden werden, was über Selbstorganisation durch Hyperzyklen (Manfred Eigen) theoretisch modelliert wird oder auf welche Weise Leben mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Einklang gebracht wird (I. Prigogine, „dissipative Systeme“), indem Lebensprozesse als ‚geliehene‘ (negative) Entropie interpretiert werden, – unabhängig von all diesen wahrlich schwierigen und bislang noch keineswegs befriedigend geklärten physikalischen Verhältnissen gerät auf der Ebene des Geistes das Leben als ein höher wertiger, d. h. Sinn suchender und Sinn stiftender Prozess des Seins  in den Blick (-> Prozess-Ontologie, Alfred N. Whitehead lässt grüßen).

Das Lebendige ohne die Ebene des Geistes zu betrachten ist nicht nur stark anti-intuitiv, sondern blendet schlicht entscheidende Bereiche der Wirklichkeit aus. Leben, unser menschliches eingeschlossen, ist eben wesentlich keineswegs nur „Sternenstaub“. Der Mensch begreift sich in seiner Wirklichkeit stets als sinnvoll oder aber bedroht vom Verlust des Sinnes. Letzteres ist oft genug (wörtlich) lebensbedrohlich. Um in der philosophischen Betrachtung der Welt näher an der Wirklichkeit bzw. den Wirklichkeiten zu sein, in denen wir tatsächlich leben, und die unterschiedlichen Aspekte des Lebens (natürlich, sozial, kulturell) in die ontologische Theorie mit aufzunehmen, ist ein Denken erforderlich, das diese unterschiedlichen Ebenen des Wirklichen ontologisch abbildet. Das physikalistische Weltbild ist dagegen nur eine Abstraktion.

Genau um dies zu tun, um Geist und Natur, Natur und Kultur, Kunst und Leben usw. zusammen denken zu können, ist ein Denkansatz nötig, den ich hier einmal „physikoidealistisch“ genannt habe. Auch das ist missverständlich und vor allem vorläufig und skizzenhaft. Jedenfalls möchte ich damit auch die Anregung von Markus Gabriel aufgreifen, in der Philosophie zu einem „neuen Realismus“ zu finden.

Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.