Grenzen der Religionsfreiheit

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Mai 052019
 

Bedingungen einer pluralistischen Gesellschaft

Religion gehört zu unserer Gesellschaft dazu, und die freie Religionsausübung wird von der Verfassung gewährleistet. Zunächst ist dies ein Individualrecht: Niemand darf zu einer bestimmten Religion gezwungen werden, und jedermann hat das Recht, sich einer Religion anzuschließen oder von ihr zu trennen. Eine Vorrangstellung oder Diskriminierung darf sich weder aus dem einen noch aus dem anderen Grund ergeben. Immer wieder ausgehandelt werden muss aber die Grenze zwischen öffentlicher und privater Religionsausübung. Hier bildet auch die Rechtsprechung das geltende Recht behutsam weiter.

Religion als Privatsache ist ein einfacher Slogan aus der französischen Aufklärung. Der französische Staat hat daraus mit seinem Prinzip des Laizismus die gesellschaftliche und rechtliche Konsequenz gezogen. Unstrittig ist aber auch in allen anderen europäischen Ländern (Ländern, die sich in irgend einer Weise der Aufklärung verpflichtet fühlen), dass die pivate Ausübung religiöser Handlungen wie Beten, Fasten, Andachten halten im eigenen Haus ebenso wie in kirchlichen wie anderen religiösen Gebäuden möglich und garantiert ist. Klar ist auch hierbei, dass der Rahmen von Recht und Gesetz auch im privaten Bereich gilt. Auch die Berufung auf Brauch und Herkommen kann keine vermeintlich religiöse Praxis etwa der Unterdrückung der Frau oder der Disziplinierung von Kindern rechtfertigen. Bei Übergriffen zu Hause können und müssen Polizei und Gerichte gefragt sein.

Was aber gilt für die öffentliche Ausübung religiöser Handlungen und Praktiken? Natürlich gilt auch hier in erster Linie Recht und Gesetz insbesondere in dem Rahmen, den unsere freiheitliche Verfassung festlegt. Bei uns gibt es die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten und von den Partnern verabredeten Zusammenenwirken von staatlichen und kirchlichen Organen, zum Beispiel in der Erteilung von Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen oder bei dem (kostenpflichtigen) Einzug der Kirchensteuern. Die religiöse Pluralität und Diversifizierung erzwingt aber ein neues Nachdenken über die Beziehung zwischen dem Staat, den religiösen Gemeinschaften und dem rechtlichen Rahmen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Die Frage stellt sich besonders angesichts der wachsenden Bedeutung des Islam. Die christlichen Kirchen befinden sich schon seit geraumer Zeit auf dem Rückzug aus dem öffentlichen Raum und aus der öffentlichen Wahrnehmung. Das mag auf dem Lande im katholischen Bayern zum Beispiel bei Prozessionen noch anders sein, aber in den Großstädten ist das öffentliche Auftreten des Christentums trotz seiner andauernden Bedeutung nicht mehr dominant. Man bescheidet sich mit Zurückhaltung, um keinen Anstoß zu erregen.

Kirche Moschee

Darum geht es nun aber vielfach genau dann, wenn man den Eindruck gewinnt, dass Muslime in der Öffentlichkeit ihre religiösen Praktiken demonstrativ und offensiv vertreten. Öffentliches Fastenbrechen, Forderung nach Gebetsräumen in Schulen, die Erwartung der Rücksichtnahme der Schulen auf den Fastenmonat, das Verbot der Teilnahme am Schwimmunterricht usw. sind solche Punkte. Hier geht es offenbar um ein demonstratives öffentliches Zurschaustellen und Beanspruchen von religiösen Handlungen und Gebräuchen zu missionarischen Zwecken. Letztlich geht es dabei auch um einen Machtanspruch, – zumindest den religiösen Diskurs zu bestimmen und Grenzen auszutesten. Hier waren Staat und Gesellschaft anfangs zu lax und zu blauäugig. Das hat sich inzwischen geändert.

Zum einen werden zum Beispiel Kleidungsvorschriften als Teil der religiösen Identität behauptet, obwohl es hier um ursprünglich regionale Sitten und Gebräuche geht (Türkei – Anatolien). Das Kopftuch der Russlanddeutschen gehört nicht in diesen Kontext, weil es nie religiös aufgeladen war. Auch die Mönchskutte gehört nicht hierher, weil sie erstens die große Ausnahme in der Bevölkerung ist und zweitens ersichtlich freiwillig und nicht diskriminierend getragen wird. Das kann man bei dem angeblichen Verhüllungsgebot der Muslime kaum behaupten. Hier müssen Staat und Gesellschaft einen neuen Umgang mit „religiösen“ Ansprüchen aushandeln und durchsetzen, wie es inzwischen weithin geschieht. Sitten und Gebräuche sind zwar nicht in jedem Falle trennscharf von religiöser Praxis zu unterscheiden, aber hier muss das Recht gelten, dass niemand religiös gezwungen oder diskriminiert werden darf. Gerichte müssen hier unter Umständen die einzelne Frau in einer muslimischen Gemeinschaft vor dem Anpassungsdruck dieser Gemeinschaft selbst schützen.

Es ist inzwischen klarer geworden, dass der Staat gerade auch in der Schule keinen religiösen Rabatt geben darf. Lehrer und Lehrerinnen sollten auf religiöse Symbole verzichten, Sexualkundeunterricht muss es für alle geben, Sport- und Schwimmunterricht für Kinder vor der Pubertät ist koedukativ zu gestalten. Dass das Zugeständnis zum Tragen einer Bade-Burka beim Schulschwimmen richtig und sinnvoll ist, darf man bezweifeln. Kinder müssen auch während des Ramadan in der Schule mit Essen und Trinken versorgt werden. Dass einer weiblichen Lehrkraft (von wem auch immer) der Handschlag verweigert wird, ist disziplinarisch zu ahnden. Kurz: Toleranz funktioniert nur in einem Freiraum, der gemeinsame Regeln für alle akzeptiert. Nur so kann das Miteinander der Religionen gedeihlich sein, auch wenn die Mitglieder religiöser Gemeinschaften aus unterschiedlichen historischen Zusammenhängen und gesellschaftlichen Verhältnissen stammen. Ein Fundamentalismus, der sich über die grundgesetzlichen Normen stellt, hat darin keinen Platz.

Ein abschreckendes Beispiel gibt die jüngste Vergangenheit der christlichen Kirchen. Die zahlreichen Missbrauchsfälle haben zu Recht zu einem immensen Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen geführt. Hier haben Staat und Gesellschaft viel zu lange den Freiraum der Kirchen unbeaufsichtigt gelassen. Schuld sind allerdings allein die Kirchen, die diesen massenhaften Missbrauch bis in die jüngste Zeit zugelassen und gedeckt haben. Das muss dazu mahnen, nicht noch einmal unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit Praktiken hinzunehmen oder gar zu dulden, die den Menschenrechten und Freiheitswerten der Verfassung eklatant widersprechen, sei es öffentlich, sei es privat. Heute ist diese Aufmerksamkeit gegenüber den segregativen Tendenzen vieler Muslime bzw. gegenüber dem konservativen, fundamentalistischen Islam dringend geboten.

Reinhart Gruhn

Update 07.05.2019: Bildung ist der Anfang von allem, auch der echten Religionsfreiheit. Siehe FAZ – Bericht über die ungenügende Integration an deutschen Grundschulen.

Moderne und Aufklärung

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Jan 222019
 

Neue Diskussion über Mythologie und Rationalität

I

Kürzlich (16.01.2019) erschien im Blog „Geschichte der Gegenwart“ ein Beitrag von Philipp Sarasin „Die Kinder der #Moderne“. Er wurde verschiedentlich aufgegriffen und spiegelt eine neue Diskussion. Zu Beginn seines Artikels heißt es:

Was war die Moderne – eine Epoche? Oder ist die Moderne so etwas wie eine „Haltung“, ein „unvollendetes Projekt“, das wir von der Aufklärung geerbt haben? Und sind daher nur die, die sich auf die Aufklärung beziehen, die rechtmässigen „Kinder der Moderne“?

Es gibt Begriffe, die so schil­lernd sind, dass sie ohne Einord­nung miss- oder unver­ständ­lich bleiben – und zwar so sehr, dass sie einen bei unbe­dachtem Gebrauch oft selbst verwirren. In diesem Sinne miss­ver­ständ­lich war die Formu­lie­rung „Zänke­reien unter den Kindern der Moderne“, die ich am Ende meines Arti­kels über „die Neue Rechte von Arnold Gehlen bis Botho Strauß“ verwendet habe. Beab­sich­tigt war, den poli­ti­schen Streit unter all jenen, die sich in der Tradi­tion des aufklä­re­ri­schen Denkens sehen, von den Posi­tionen der Neuen Rechten abzu­grenzen, die für die Aufklä­rung nur noch ein höhni­sches Lachen übrig hat.

Soweit die gute Absicht. Allein, die Aussage war falsch, denn auch die Neue Rechte gehört fraglos zu den „Kindern der Moderne“.

Damit ist die Antwort auf die Lead-Frage schon gegeben. Im Folgenden verfolgt Sarasin Herkunft und Gebrauch des Begriffes „Moderne“ bzw. „modern“ in der Soziologie (Max Weber), in England und Frankreich seit der französischen Revolution („…ein neues Zeit- oder viel­mehr Gegen­warts­ge­fühl zu formu­lieren; bis in die Mitte des 19. Jahr­hun­derts wurde dieser Ausdruck zum geläu­figen Code­wort für die schnelle Verän­de­rung aller Lebens­ver­hält­nisse.“), im Kommunistischen Manifest (Marx / Engels) und bei Charles Beaudelaire (Moderne als Haltung, ohne tradi­tio­nelles Muster der Lebens­füh­rung, ganz der Gegen­wart, dem Wechsel der Moden zugewandt, 1862) und schließlich bei Michel Foucault, für den gilt: „…diese (moderne) „Praxis der Frei­heit“ achtet zwar, prag­ma­tisch, das Wirk­liche als Realität, tut ihm aber inso­fern auch „Gewalt“ an, als das Subjekt sich selbst und die Welt verän­dern bzw. umge­stalten kann und will. Die Moder­nität, so Foucault, nötige den Menschen „zu der Aufgabe, sich selbst auszu­ar­beiten“ (1984). Auf Immanuel Kant (Aufklärung = „Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“) folgt Jürgen Habermas, für den die vernünftige Gestaltung der Welt Programm und „unvollendetes Projekt“ der Aufklärung ist.

Dieser Geschichte des Begriffs stellt Sarasin die gesellschaftliche Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert gegenüber. Sie konterkariert die emanzipatorische Emphase, mit der die Aufklärung zum „Aufbruch aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ aufruft.

Die Zirku­la­tion von Kapital, Gütern, Menschen, Spra­chen und Zeichen hat Gesell­schaften, Produk­ti­ons­weisen und „Kulturen“ aus ihren tradi­tio­nellen Veran­ke­rungen gelöst und Gewiss­heiten aufge­weicht. Zudem hat die Moderne, wie die Sozio­logen sagen, die „Fremd­re­fe­renzen“ Reli­gion und Natur gekappt: Gesell­schaft­liche Verhält­nisse können nicht länger reli­giös fundiert oder als „natür­liche“ begründet werden.

Die Vernunft selbst wird relativiert und als letzte ‚absolute‘ Bastion der Subjektivität geschleift. Niklas Luhmann bringt das für Sarasin auf den Punkt als „radi­kalen Endpunkt der Moderne“.

Moderne Gesell­schaften sind, so gesehen, ganz auf sich selbst gestellt, und sogar ihre Bindung an die „Vernunft“ musste in den Strudel dieser stän­digen Auflö­sungs­be­we­gung geraten. Niklas Luhmann formu­lierte die unlös­bare Wider­sprüch­lich­keit, in die die Moderne auf diese Weise gerät, eini­ger­maßen scharf (aber nicht nost­al­gisch oder gar reak­tionär): Die Moderne „kennt keine Posi­tionen, von denen aus die Gesell­schaft in der Gesell­schaft für andere verbind­lich beschrieben werden könnte“ – es gibt, mit anderen Worten, keinen Stand­punkt „außer­halb“, keine der Geschichte entho­bene „Vernunft“, von dem aus und mit der sich alle Aussagen gültig beur­teilen ließen. Luhmann folgert daraus: „Es geht daher nicht um Eman­zi­pa­tion zur Vernunft, sondern um Eman­zi­pa­tion von der Vernunft, und diese Eman­zi­pa­tion ist nicht anzu­streben, sondern bereits passiert. Wer immer sich für vernünftig hält und dies sagt, wird beob­achtet und dekon­stru­iert.“

Im Folgenden erörtert Sarasin die stabilisierenden Faktoren westlich-moderner Gesellschaften, durch Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit dem Anspruch und den Gefahren der Moderne gleichzeitig – ungleichzeitig zu begegnen. Denn auch die Totalitarismen der „Rasse“ bzw. der „Klasse“ stehen mit ihrem Programm der „Schaffung des neuen Menschen“ in der Tradition der Moderne. Heute werde die „Natur“ und der „Körper“ zu „(Über-) Lebensmythen“, wenn ansonsten „alle meta­phy­si­schen Sinn­be­züge entfallen“. Sarasin endet mit einem Appell, denn wir leben ->

… in der Post­mo­derne – in einem diffusen Zustand nach der Moderne. Wir sind zwar alle­samt Kinder und Enkel der Moderne, aber ohne den Glauben, dass die Welt sich wie auf einem weißen Blatt Papier neu gestalten lasse. Und obwohl uns gerade eine tech­ni­sche Revo­lu­tion fort­reißt, die wir verstehen müssten, erleben gleich­zeitig die Mythen des Volkes, der Natur und des Marktes ein revival, das einen zwingt, den Glauben an die Aufklä­rung nicht aufzu­geben.

Gezwungen zum Glauben an die Aufklärung? – eine merkwürdige Formulierung. An die Aufklärung kann man schlecht glauben, wohl aber an die unter allen Widerwärtigkeiten verborgene Kraft und „List“ der Vernunft. Sie, die Vernunft, die erhellende, emanzipative Funktion des subjektiven Geistes, steht im Zentrum der aufklärerischen Tradition der Moderne. Es bleibt dann doch wieder und ’nur‘ mit Habermas die Zuflucht zur „substanziellen“ Vernunft, die das Projekt der Aufklärung des Menschen als freie Subjekte ihres Handelns und der Freiheit der Subjektivität ihres Denkens fortschreibt. Angesichts der neuen totalitären rassistischen oder nationalistischen „Obsessionen“ ist das keine leichte, aber auch keine falsche Aufgabe.

II

Bei einer zufälligen Lektüre kommt mir ein ganz anderer Text in den Sinn von Eva Hoffmann, Lost in Translation, 1992. Sie beschreibt darin ihre Emigration 1959 als polnische Jüdin und ihr „Ankommen“ als Migrantin in den späten sechziger Jahren in „Amerika“.

Manchmal fühle ich mich getäuscht von dieser Verquickung rigide vertretener Meinungen und proteusartiger Veränderlichkeit, die meine Kommilitonen für mich unfaßbar macht. In den Nebelschwaden von Proklamationen und Argumenten ist es schwer für mich, Moden von ehrlichen Meinungen zu unterscheiden, leidenschaftliche Überzeugungen von defensiven Dogmen. Was denken sie, was fühlen sie, was ist ihnen lieb… [S. 252]

Wie und woran soll man sich in einer zersplitterten Gesellschaft assimilieren? Anpassung an die Zersplitterung? … Ich teile mit den Amerikanern meiner Generation ein akutes Gefühl der Zerrissenheit und die ebenso akute Herausforderung, einen Platz und eine Identität im Leben für mich erfinden zu müssen, ohne daß ich mich auf Traditionen stützen könnte. Man könnte behaupten, die Generation, der ich angehöre, ließe sich dadurch charakterisieren, daß sie sich unverhältnismäßig lange geweigert hat, sich anzupassen – und eben in meiner Entwurzelung bin ich eine Angehörige dieser Generation. Tatsächlich könnte man sagen: Das Exil ist die archetypische Lebensbedingung in unserer Zeit. [S. 253]

Besonders der letzte Satz lässt aufhorchen. Die heute für Millionen Menschen so reale Situation der Migration ist vielleicht die heutige Form eines ‚Lebens im Exil‘, dessen Zerrissenheit und Heimatlosigkeit („Lost in Translation“) Eva Hoffmann beschreibt. Und die scharfe Zerrissenheit der US-amerikanischen Gesellschaft vor 50 Jahren scheint der von heute mehr zu gleichen, als es vielen Heutigen bewusst ist. Das „Exil“, die Migration, die Zerrissenheit zwischen Kulturen, Religionen und Sprachen, die „Nebelschwaden von Proklamationen und Argumenten“, mit heutigen Worten die Wutausbrüche, Hasstiraden, Unflätigkeiten besonders in den Sozialen Medien – all das zusammen verdichtet in den Begriffen von Fremdheit, von Exil, könnte tatsächlich zu den „archetypischen Lebensbedingungen“ unserer Zeit“ gehören. Der aufklärerische Imperativ und die optimistische Hoffnung, dass die Vernunft es schon richten wird, geht ins Leere. Das Vertrauen in die Diskursfähigkeit, also in die grundsätzliche Kompromissbereitschaft und Konsensfähigkeit in unseren Gesellschaften scheint zu schwinden. Nicht erst die „filter bubbles“ der Netzwelten isolieren, sondern reale Sprachlosigkeit zwischen ideologisch eingeigelten Teilen einer Gesellschaft bzw. einer Nation (Brexit) herrscht da, wo die eigene Meinung absolut gesetzt wird und nur die eigene ‚Wahrheit‘ / Weltsicht gilt. Das ist der Kern des Populismus.

Der Populismus arbeitet mit der Konstruktion eines Gegensatzes zwischen dem Volk und den Eliten. Wie es der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller plausibel herausgearbeitet hat, ist der Kern der diversen Populismen ein Alleinvertretungsanspruch. Man artikuliere die wahren Interessen und authentischen Werte des eigenen Volkes, der „kleinen Leute“, der eigentlichen Deutschen, Franzosen, Amerikaner etc. Die Populisten halten sich damit für die eigentlichen Demokraten, für diejenigen, die dem Volk unmittelbar eine Stimme geben. Mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Orbán gesprochen, ist das die Form einer illiberalen Demokratie: illiberal im Sinne von antipluralistisch. Aus der Sicht der Populisten braucht man den liberalen Pluralismus, die Artikulation unterschiedlicher Interessen und unterschiedlicher Werte, die Verschiedenheit der Parteien und Verbände, schließlich auch die Pluralität der Medien gar nicht, ja, ist ihnen feindlich gesinnt. Denn es gilt ja: „Wir repräsentieren das Volk.“ [Andreas Reckwitz, Alternativlosigkeit ist Gift]

ZEIT vom 20.01.2019
Flammarion
nach Camille Flammarion, 1888 (CC) Wikimedia

III

Wo also ist das „aufklärerische Projekt“ geblieben? Ist es nur die inzwischen etwas absonderliche Idee einer westlich-liberalen Elite, die sich auf kulturelle Vielfalt beruft und individuelle Selbstermächtigung einfordert über trennende „Zuschreibungen“ hinweg? Es ist ein berechtigter Einwand, denn tatsächlich ist es nur der kleinste Teil der Menschheit, der den Schritt zur radikalen Subjektivität ohne jede „Fremdreferenz“ gegangen ist: Der weitaus größte Teil der Weltbevölkerung lebt in religiösen Traditionssystemen, in traditionellen Familienverbänden, in Beziehung zu allerlei „Fremdreferenzen“, auf die einzurichten und sich damit abzufinden die Lebenserfahrung und Lebensklugheit gebieten, egal ob man nach Lateinamerika, Afrika, Arabien samt muslimischem Gürtel, Indien und China schaut. Russland hat gerade erst die orthodoxe Religiosität als Sinn- und Rechtfertigungssystem re-installiert, nachdem der totalitäre Kommunismus untergegangen ist. Auch in den westeuropäischen und skandinavischen Ländern hat zwar die Bedeutung des Christentums nachgelassen, aber immer noch gehören bei uns in Deutschland mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer Kirche an – ganz zu schweigen von der Ausbreitung vielfältiger religiöser und spiritueller Gruppen und Organisationen, welche die frei gewordene Stelle einer „Fremdreferenz“ rasch eingenommen haben. Die freie, selbstbestimmte, multikulturelle Persönlichkeit, die sich in vernunftbestimmter Autonomie stets „neu erfindet“, ist eine Fiktion, die nur im Feuilleton real wird. Ein etwas altertümlicher, aber nichtsdestoweniger richtiger Spruch lautet: „Wirfst du Gott zum Fenster hinaus, kommt schon der Götze zur Tür herein.“ Statt Leerstellen (gekappte Fremdreferenzen) gibt es nun Stellvertreter und Platzhalter: Ersatzfiguren.

Zugespitzt wird der neuzeitliche Zwang, sich selbst erfinden zu müssen, in konstruktivistischen Theorien, die alle Bezüge und Abhängigkeiten, erst recht alle Fremdreferenzen als menschengemachte und interessegeleitete Konstruktionen entlarven. Vor den fake news kommen die fake facts. Die kulturalistische Interpretation kann dann alles und jedes als jeweils zeit- und kulturabhängige Gegebenheit bzw Konstruktion gelten lassen oder rechtfertigen. Was aber geht verloren, wenn der triumphierende Subjektivismus, getarnt als Autonomie, als blanker Egoismus oder rücksichtsloser „Wille zur Macht“, ohne Maß auftritt und ohne Widerspruch bleibt? Die französischen Existenzialisten haben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ebenfalls als „Kinder der Moderne“ die Sinnlosigkeit der modernen, auf sich allein gestellten Existenz deutlich gemacht (Camus). Die Moder­nität, sagt Foucault, nötige den Menschen „zu der Aufgabe, sich selbst auszu­ar­beiten“, aber funktioniert das wirklich? – Eva Hoffmann schreibt von der Aufgabe, „eine Identität im Leben für mich erfinden zu müssen, ohne daß ich mich auf Traditionen stützen könnte“. Ist das jedem einzelnen Menschen heute eingeschrieben und überhaupt möglich und zumutbar? – „Fremd­re­fe­renzen“ hatten und haben eine enorm stabilisierende und entlastende Wirkung. Es ist sehr die Frage, ob man als funktionale Existenzform zur Selbstkonstituierung und Selbstoptimierung überhaupt menschlich leben und Mensch bleiben kann. Die neuen rechten Bewegungen, die den zwangsweise ‚globalisierten‘, also verunsicherten, entwurzelten und orientierungslosen Menschen so erfolgreich ansprechen können, bieten als Antwort doch genau das alte Rezept der „Fremdreferenz“, die als das eigentlich sinnstiftende Kollektiv die Lücke des Individualismus füllt und Geborgenheit verheißt: Volk, Nation, ‚Rasse‘, Hautfarbe, Fan(atismus). Die multikulturell ausgerichteten global agierenden Liberalen sind ihnen das Feindbild, für das sich wieder einmal der Antisemitismus als Urform negativer, gewaltbereiter Projektionen eignet.

Neuen Schwung für das „Projekt“ oder besser Programm einer aufgeklärten Moderne könnte eine Besinnung auf die alte Dialektik zwischen Freiheit und Bindung verleihen. Man könnte auch an der Kritik Hegels gegenüber dem Aufklärer Kant anknüpfen, letzterer etabliere in seinen Kritiken nur eine verkürzende Verstandes-Rationalität, welche die Vernunft-Rationaliät des Geistes noch nicht eingeholt habe: Das Denken des Absoluten ist das Denken des Absoluten, wie es die Philosophie des Geistes (Hegel) als „absolutes Denken“ durchführen wollte. Nun, wir können und wollen nicht zurück zu alten Aporien und überholten Streitfragen (-> Fichte, Schelling – Marx, Engels usw.) Aber der Hinweis darauf, dass Freiheit, Autonomie, kulturelle Eigenständigkeit und Wertschätzung der Subjektivität samt ihrer Kreativität (und zugleich Borniertheit) nicht im Widerspruch stehen müssen zu „Fremdreferenzen“ und Heteronomien, die unverstanden und unbeachtet ohnehin ihre tatsächlichen mächtigen Wirkungen entfalten. Nation und Weltoffenheit muss ja kein Gegensatz sein, Selbstverwirklichung und Gemeinschaftsbindung ebensowenig. Der Geist der Freiheit und die Freiheit des Geistes sind jenseits der Funktionsaspekte, wie sie Neurowissenschaften beschreiben, durchaus angewiesen auf einen Bezug zu einem Ganzen, Vollkommenen, Absoluten (-> Platon), gegen den abzugrenzen allerst konkrete Freiheit und sich selbst bestimmende (und damit begrenzende) Subjektivität ermöglicht.

Es gibt verschiedene Wege und Ansätze, dieses Ziel eines neo-aufklärerischen Programms zu verfolgen. Es kann die Weiterführung und Fortentwicklung des Gedankens Gottes sein, wie es insbesondere die neuzeitliche Geschichte der christlichen Religion und Theologie überliefert, es kann ebenso gut der Begriff eines „absoluten Geistes“ sein, der philosophisch als erkenntnisleitendes Prinzip und / oder als regulative Idee des Denkens seine Widerständigkeit gegenüber allzu raschen Vereinnahmungen durch eine willkürliche und sich unbeschränkt wähnende Subjektivität beweisen müsste. Der instrumentellen, technischen Vernunft, die heute in der Form algorithmischer Intelligenz (KI) Geltung beansprucht, ebenso wie einer technisch-ökonomischen Rationalität, die macht, was machbar ist, und vermehrt, was vermehrbar ist (Wachstum) wäre dann eine kreative, offene und nachhaltige Vernunft entgegenzusetzen (vielleicht auch zu ergänzen?), die um ihre Grenzen weiß, weil sie sich selber nur als Abbild und Teil eines umfassenden Ganzen des Geistes versteht, nach dem man streben, den man aber nie erreichen und in die Hände bekommen kann. Der Ideologie des modernen homo faber ebenso wie dem postmodernen Konstrukt eines homo globalis oder homo nationalis , also eines seine Identität völkisch und ‚rassisch‘ definierenden Nationalisten oder eines sich selbstoptimierenden digitalen Freelancers , ist nur zu begegnen durch einen Entwurf des Denkens, der die aufklärerische individuelle Freiheit und Menschenwürde verbindet mit einem Denken des Ganzen, das auch die eigenen Grenzen und Abhängigkeiten einbezieht. Dass Menschen „Fremdreferenz“ nötig haben, also den Bezug brauchen zu einer Heteronomie und Totalität außerhalb und unabhängig von eigenem Leben, aktueller Geschichte, digitaler Technisierung und sozialer Bindung an die jeweilige Zeit und Gesellschaft, – das ist nicht zuletzt eine Erkenntnis und ein Erfordernis aus den totalen Brüchen und Katastrophen der (insbesondere westlichen) Moderne.

Etwas erratisch bleibt es bei der Diagnose einer „Dialektik der Aufklärung“. Es ist verwunderlich, dass Philipp Sarasin in seinem eingangs zitierten Beitrag weder diesen Begriff gebraucht noch die gleichnamige Schrift von Theodor Adorno und Max Horkheimer (1944) erwähnt. Im Grunde behandelt sie sein Thema und hat nicht viel von ihrer Aktualität verloren. Besonders der erste Teil über den Zusammenhang von Mythos und Aufklärung gewinnt angesichts der Hanges zu neuen Mythologien (oder der Wiedergeburt alter Mythen) neue Brisanz. Eine Streitschrift aus den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, unmittelbar während der nationalsozialistischen und stalinistischen Katastrophen geschrieben, ist nicht eins-zu-eins auf das Heute münzen. Man kann sich anregen lassen und ihren wirklichkeitserhellenden Gedankengängen und Kritiken nachspüren. Adorno und Horkheimer jedenfalls wussten etwas von der zerstörerischen Gewalt einer Moderne, die Aufklärung zum Mythos macht und den enthemmten Subjekten totalitärer Herrschaft nationalistischer, rassistischer und technizistischer Ideologien („instrumentelle Vernunft“) freien Lauf lässt. Angesichts der heutigen Populismen wird solches Denken ganz schnell wieder hochaktuell.

Reinhart Gruhn

Jenseits der Vernunft

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Jan 202017
 
Nach der Aufklärung folgte die Romantik. Das stimmt zwar zeitlich nicht genau, denn die Romantik verlief weitgehend parallel zur Aufklärung, gewissermaßen als ihre sie begleitende Gegenbewegung. Dem Triumph der Vernunft im Rationalismus trat das Gefühl, jetzt besonders im Gemüt gefasst, zur Seite. Aus der Herrschaft der allgemeinen Vernunft folgten einerseits die Forderung nach allgemeinen Rechten (Menschenrechte) und Freiheiten (Republik), andererseits eine technische Rationalität, die in der aufkommenden Industrialisierung alles Alte auf den Kopf stellte und Bewährtes obsolet werden ließ. Die Romantik dagegen, übrigens auch als Rückzug vor der politischen Reaktion in die Innerlichkeit verstanden, suchte das Herz, das Gefühl, die innere Befindlichkeit des Menschen in seinem Gemüt in den Mittelpunkt zu stellen, seine Sehnsüchte und Träume („blaue Blume“) aufzunehmen und künstlich-künstlerisch zu verarbeiten. Beide Seiten umfassend konnte der Theologe und Philosoph Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher die Religion neu bestimmen als das einigende Band im Menschen, das jenes unbestimmte „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ zum Ausdruck brachte. „Anschauung des Universums“ war das Motto seiner „Reden über die Religion – an die Gebildeten unter ihren Verächtern.“  Im „Deutschen Idealismus“ schließlich feierte die Subjektivität, bei Hegel in der Form des absoluten Geistes, ihren Höhepunkt.

Die durch die Restauration nicht aufzuhaltende Idee der Nation und die Bildung der Nationalstaaten begünstigte einerseits die weitere Industrialisierung und die Frühformen des (nationalen) Kapitalismus, andererseits beförderte dieselbe Idee einen nationalistischen Überschwang, der in der Folge mehrerer ‚moderner‘ Kriege (Krimkrieg 1853-56, die Preußisch-Deutschen Kriege 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1871 gegen Frankreich) zu imperialistischen Großmachtträumen und -gelüsten auf verschiedenen Seiten, insbesondere der deutschen, führte. Der Erste Weltkrieg 1914 – 1918 war das Ergebnis und das Fanal dieser Spannungen. Wo war da die Vernunft, wo das Gefühl geblieben? Die darauf folgenden kommunistischen und faschistischen Bewegungen und der deutsche Nationalsozialismus steigerten die hybriden Erwartungen des Deutschen Reiches und führten in die bis dato absolute Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Die Extreme der isolierten Vernunft und des übersteigerten Gefühls, angetrieben durch globalisierte Kapitalinteressen im Spätkolonialismus und Imperialismus, produzierten den Untergang von Vernunft und Menschlichkeit, zurück blieb das Gefühl der Trauer und der Leere, nicht nur in Deutschland. Das „So nie wieder!“ führte zu der „Nachkriegsordnung“ mit UNO, NATO, später EU, welche die vergangenen sieben friedlichen Jahrzehnte in Europa geprägt haben. Mit den geistigen und gesellschaftlichen Wurzeln der vorausgegangenen Katastrophe rechneten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ab in ihrer programmatischen Schrift „Die Diaklektik der Aufklärung“, New York 1944, noch im Exil erschienen: Sie beschrieben die Verkehrung der emanzipatorischen Vernunft in die herrschende Unvernunft, nämlich die Unvernunft der Herrschenden in Form von Faschismus und Monopolkapitalismus. Die folgenden Zeiten der Prosperität und der Zusammenbruch des Kommunismus als Gegenpol haben dies alles schnell in Vergessenheit geraten lassen.

Geschichtliche Erfahrung wird bewusst selten länger als in einer Generation bewahrt. Auch geistesgeschichtliche Entwicklungen verlaufen in Wellen, dazu noch mit regionalen Unterschieden. Der angelsächsische Raum scheint sich bisweilen vom europäischen abgekoppelt zu haben – trotz oder wegen (?) des durch die Nazis verursachten brain drain in die Staaten. In der Philosophie dort wurde die Analytische Philosophie zum kulturellen Mainstream: Wissenschaft ist Naturwissenschaft ist Technik ist Fortschritt. Der Fortschritt aber beruht auf möglichst schranken- und grenzenloser, das heißt globaler Expansion des Kapitals. In der Gestalt eines praktischen Materialismus ist diese Denkweise auch bei uns in Europa und in Deutschland eingezogen und vorherrschend geworden. Vernünftig ist, was die Ökonomen beschreiben, auch wenn ihre Voraussagen fast nie eintrafen. Vernünftig ist Wachstum, vernünftig ist die technische Rationalität des „Immer mehr – immer höher – immer weiter“, vernünftig ist die effektive Verwaltung, unter anderem durch Beseitigen von Hindernissen globaler Wirtschaft und globalen Handels. Vernünftig ist die Zweckrationalität, die vorhandene Ziele einfach fortschreibt und quantitativ überbietet. Vernünftig ist Wirtschaftsplanung, Bildungsplanung, Familienplanung, Hochschulplanung, Raumplanung, Verkehrsplanung, überhaupt jegliche Art von Planung und „Planfeststellung“. Vernünftig ist das Funktionieren in einer globalisiert arbeitsteiligen, pluralistischen Gesellschaft, der die Verbindlichkeit einer Religion und das Gefühl für das Nichtverfügbare, Zufällige, Mysteriöse, abhanden gekommen scheint und die allgemein verbindliche Werte offiziell nur auf der Folie eines „Verfassungspatriotismus“ artikulieren kann. Dem entspricht eine Schulpolitik, deren Hauptaugenmerk auf den technisch-rationalen MINT-Fächern liegt. Die Kehre, die Gegenbewegung kann nicht ausbleiben.

Vernunft und Unvernunft

Vernunft und Unvernunft (c) rouva14 [fc-foto:25623599]

Und sie lässt nicht lange auf sich warten. In der Anthoposophie und den Waldorfschulen war sie immer da. In den Bestsellerlisten des Buchhandels finden sich schon seit längerem Titel, die Anleitung zum Glücklichsein, zur Work-Life-Balance, zur Suche nach dem Ich anleiten. Erst Peter Sloterdijk, dann Richard David Precht sind die Autoren, die Populärphilosophie im Monatstakt produzieren: „Stress und Freiheit“, „Zorn und Zeit“, „Gottes Eifer“, „Kritik der zynischen Vernunft“, „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“, „Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik“, „Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche“, „Was geschah im 20. Jahrhundert? Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft“ – so lauten Sloterdijks Buchtitel der letzten Jahre, und Precht fügt sich da nahtlos an: „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“, „Liebe – ein unordentliches Gefühl“, „Erkenne dich selbst“, „Anna, die Schule und der liebe Gott“, „Die Kunst kein Egoist zu sein“, „Erkenne die Welt“, „Tiere denken“. Beide Autoren stehen hier als viel gelesene Beispiele für Themen und ihre Tendenz. Bestsellerautoren müssen ihr Ohr dicht am Bedürfnis einer großen Zahl intellektuell interessierter Leser haben. Die Ausweitung der Sicht auf größere Teile der Bevölkerung könnte eine Liste der diversen Talkshow-Themen geben, die es in den letzten Jahren gab. Sie werden allerdings mehr einen Spiegel der politischen Aufgeregtheiten vermitteln. Die sogenannten sozialen Medien, also Internet-Plattformen, verstärken und verlängern diese und ähnliche Tendenzen ins Extreme und Alarmistische. Und plötzlich (eigentlich gar nicht so plötzlich) sind da gesellschaftliche und politische Bewegungen in der ‚realen Welt‘, die sich am rechten Rand artikulieren, populistisch aufblasen und nach einem Auslöse-Ereignis (Flüchtlinge) an Einfluss, Aufmerksamkeit und Deutungsmacht gewinnen.

Und dann sind da zwei Ereignisse, die alle bisherige Erfahrung von Rationalität und Mainstream auf den Kopf zu stellen scheinen: Die Brexit-Entscheidung und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. In beiden Fällen scheint sich eine machtvolle Irrationalität Bahn zu brechen, gekennzeichnet durch die Schlagworte postfaktisch und fake news. Dass politische Entscheidungen in Abstimmungen nie rein rationale Kalküle sind, ist nichts Neues. Aber dass ein vehementer Protest gegen Verfahrens- und Verhandlungsweisen zur Konfliktregelung in der Gesellschaft, gegen anerkannte Regeln und Verbindlichkeiten, gegen Argumente und Begründungen, schlicht gegen das, was bisher als vernünftig und richtig galt (ich vermeide hier, von Werten zu sprechen), sich derart massiv Gehör und Geltung verschafft, das ist neu und unerwartet. Die Beunruhigung ist darum umso größer. Mir scheint, dass auf dem Grunde realer ökonomischer, sozialer und psychologischer Ursachen auch ein ‚geistesgeschichtlicher‘ Trend zu erkennen ist: die Infragestellung einer ‚instrumentellen Vernunft‘, die nun die Kinder und die Nutznießer der Wohlstandsgesellschaften bedroht. Die Zurückgelassenen melden sich machtvoll zurück auf der politischen Bühne. Die reine Innerlichkeit und Sinnsuche des intellektuellen Spiels der vergangenen Jahre war nur Symptom und kein Ventil. Auf einmal triumphieren wieder die Nicht-Vernunft, die öffentlich zur Schau getragene Wut, der Hass, die Diffamierung, der pure Wille zur Macht, der die Regeln der Wahrhaftigkeit, der Sachlichkeit und der Fairness über den Haufen wirft – natürlich unter emphatischen Behauptungen, es ginge ihm nur um die Wahrheit und das Recht: „Lügenpresse“ und „Du bist fake-news“ (Trump zu CNN-Reporter). Das dadurch initiierte intellektuelle und soziale Spiel ist perfide: Es geht dabei nämlich um die Kaperung von Begriffen und um die Umkehrung ihrer Bedeutung und Bewertung. „Breitbart“ ist dafür das krasseste Beispiel. Ich bin sicher, wir werden davon noch mehr erleben.

Die überwunden oder uninteressant gewordene Religion meldet sich wieder deutlicher zu Wort, zunächst allerdings als unverstandener islamischer Fundamentalismus. Dabei gibt es christlichen und buddhistischen Fundamentalismus ebenso lange und bisweilen ebenfalls gewalttätig. Dass es moderne Menschen gibt, denen religiöse Verpflichtungen wichtig sind für ihre Lebensgestaltung, scheint etwas Neues zu sein im Aufmerksamkeitsfokus mancher Medien. Aber auch die Philosophie in ihrer wissenschaftlichen Form wendet sich auf einmal wieder der Religion, der Theologie zu. In diesem Blog habe ich entsprechende neue Bücher vorgestellt (Holm Tetens, Volker Gerhardt), aber es wäre auch der Theologe und Religionsphilospoph Friedrich Wilhelm Graf zu nennen, der über die „Wiederkehr der Götter“ und „Götter global“ geschrieben hat. Es sind weitere zu nennen wie Thomas Buchheim, Michael Hampe oder Pirmin Stekeler-Weithofer, die sich vor allem gegen einen dogmatischen Naturalismus und Materialismus zur Wehr setzen und dabei auch auf die Religion verweisen. Im angelsächsischen Raum ist besonders Alvin Plantinga zu nennen, der, wahrlich ein analytischer Erkenntnistheoretiker, die Möglichkeit des (christlichen) Gottesgedankens philosophisch neu begründet. Das hat unerwartete Aktualität gewonnen und den kämpferischen Atheisten und Darwinisten Richard Dawkins in den medialen Hintergrund gedrängt. Von vielerlei Schrifttum über Spirituelles, Mystisches, Okkultes gar nicht extra zu reden. Das Bedürfnis nach dem Irrationalen, Nicht-Vernünftigen, Nicht-Funktionalem scheint in dem Maße zu wachsen, wie die Jünger digitaler Selbstverwirklichung das Eintreffen der „Singularität“ als der Zündung einer evolutionären Maschinen-Intelligenz erwarten (Ray Kurzweil, Menschheit 2.0. Die Singularität naht, 2013).

Man tut wie schon immer gut daran, die Vernunft nicht absolut zu setzen, weder die analytische noch die instrumentelle noch die kritische noch die digitale. Vernunft, das lehrt zumindest die Philosophiegeschichte auch, hat immer ihre Gegenspieler zur Seite: den Willen, die Über-Vernunft („höher als alle Vernunft“ Philipper 4,7), die Nicht-Vernunft, die Vernunft-Kritik und die Unvernunft. Der Wille kann sich zwar auch vernünftig rechtfertigen, aber er braucht das nicht; der Wille will, woher auch immer angetrieben – Hass, Liebe, Macht, Lust, Tod. Die Über-Vernunft beansprucht mehr zu wissen als die bloße Vernunft zulässt, sei es im Glauben, sei es im Fühlen oder ‚Schauen‘. Die Nicht-Vernunft verweist auf den engen Raum, welcher der Vernunfterkenntnis zugewiesen ist, und zugleich auf das weite Feld, dass es neben und außer aller Vernünftigkeit zum Beispiel in Kunst und Natur zu erfahren gibt. Die Vernunft-Kritik ist gewissermaßen die innere Selbstkritik der Vernunft, die sich kritisch ihr Vermögen, ihre Reichweite und ihre Grenzen bewusst macht – klassisch bei Immanuel Kant. Die Unvernunft schließlich wendet sich bewusst und mit Absicht gegen das „Diktat“ der Vernunft, gegen die Sachlichkeit und den Zwang der Faktizität, sie äußert sich kontrafaktisch und produziert unter anderem mit Lust fake news. [Letztere können allerdings auch durchaus im Dienst eines ‚vernünftigen‘ im Sinne von zweckrationalen politischen Kalküls zur Desinformation und Verunsicherung stehen.] Philosophie als diejenige Wissenschaft und Denkbewegung, die „ihre Zeit in Gedanken fasst“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Rechtsphilosophie), kann selber kaum anders als vernünftig sein, weil die Vernunft ihr Arbeitsmittel ist. Aber sie kann und soll aus Gründen der Vernunft den mächtigen und wirkungsvollen Bereich all dessen zur Kenntnis nehmen und zu verstehen suchen, was nicht Vernunft ist. Bis vor kurzem hätte man sagen können: Das ist vor allem der Bereich des Gefühls und des Religiösen. Heute muss man allerdings hinzufügen: – und des aktuell Politischen.

Zukünftige Philosophie – Fragen und Aufgaben

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Jun 022016
 
Wie kann der naturwissenschaftliche Wissensbegriff für die zukünftige Philosophie aufgebrochen und auf eine interkulturelle Philosophie des Geistes hin ausgeweitet werden? Skizzen philosophischer Fragen und Aufgaben.

Nach den aktuellen Fragestellungen und daraus erkennbaren Aufgaben heutiger Philosophie zu fragen, scheint ein kaum lösbares und vermessenes Unterfangen zu sein. Allein die Bestimmung dessen, was denn „Philosophie heute“ sei, führte in umfangreiche Erörterungen. Man kann unterscheiden zwischen dem, was in der allgemeinen Öffentlichkeit unter Philosophie verstanden und verhandelt wird, und dem, was die akademische Philosophie ihrem Selbstverständnis und den Themen ihrer Beschäftigung nach darstellt. Dies nicht nur in einem nationalen oder auf einen Sprachraum bezogenen Kontext zu tun, sondern im Hinblick auf eine internationale Leser- und Wissenschaftsgemeinde, bringt eine weitere Fülle von Material und Perspektiven mit sich. Die Sichtung verschiedener philosophischer Fachzeitungen und mehr feuilletonistischer Artikel und Zeitschriften lässt eine solche Vielfalt von Einzelthemen und Fragestellungen entdecken, dass es schier unmöglich erscheint, hier zu einem einigermaßen vollständigen oder wenigstens befriedigenden Überblick zu gelangen. Wie immer im Wissenschaftsbetrieb und noch stärker in der öffentlichen Diskussion sind aber Tendenzen und Strömungen zu erkennen, Fragestellungen, die gerade besonders häufig und wiederkehrend auftauchen. Befassen sich aktuelle Bücher, die man im weitesten Sinne philosophisch nennen könnte, mit Fragen des Glücks und nach dem Sinn des Lebens, so sind die Fachdisziplinen der wissenschaftlichen Philosophie seit einigen Jahrzehnten auf die Erkenntnisse in den Neuro- und Kognitionswissenschaften fokussiert. Kein Wunder, dass sich philosophisches Nachdenken hierdurch herausgefordert sieht, denn dies sind Bereiche, in denen sich derzeit vielleicht der größte Zuwachs an Erkenntnissen verbunden mit einem noch nicht abzuschätzenden Wandel des Welt- und Menschenbildes vollzieht.

Der Anspruch der hier angestellten Überlegungen ist sehr viel bescheidener (1). Ich möchte aus subjektiver Sicht und auf der Basis begrenzter Lektüre diejenigen Fragen stellen und daraus folgende Aufgaben beschreiben, die mir im Blick auf eine zukünftige (theoretische (2)) Philosophie wichtig erscheinen und die von einem allgemeinen Interesse geleitet sind. Die Auswahl ist knapp, wirkt vielleicht willkürlich und entbehrt jedes Anspruches auf Vollständigkeit. Ich nenne einfach einige Punkte.

1. Philosophy of Mind oder Philosophie des Geistes

Da ist zuerst und immer wieder die Philosophie des Geistes. Inwiefern ist sie auch (oder exklusiv)  ‚philosophy of mind‘, also eine Theorie mentaler Zustände und Wirkungen, also Bewusstseinsphilosophie, und was unterscheidet beides voneinander? Lässt sich ‚Geist‘ auf neuronale Prozesse reduzieren, oder allgemeiner, geht die Bedeutung des Begriffes ‚Geist‘ über das hinaus, was unter mentalen Zuständen (und ihren Korrelaten) verstanden werden kann? Ist das, was man bisher unter ‚Geist‘ verstand, funktional, computational, neuronal erschöpfend zu beschreiben und dahingehend aufzulösen? Was ist das überhaupt, was man ‚bisher‘ oder ’sonst‘ unter ‚Geist‘ versteht? Wenn der Begriff ‚Geist‘ noch mehr und anderes enthalten sollte als das, was in einem breiten Strom der analytischen Philosophie während der letzten Jahrzehnte ausgearbeitet worden ist, wie ist dieses ‚andere‘ konsistent bestimmbar, abgrenzbar, in seiner Relevanz beschreibbar? Wie kann das berechtigte Interesse, den ‚missing link‘ zu finden zwischen ‚Neuro‘ und ‚Nous‘, in eine fruchtbare Aufgabenstellung überführt werden? Korrelation, Supervenienz, Parallelismus usw., all das, was gerne mit Formulierungen wie „beruht auf“ und „ist verbunden mit“ umschrieben wird, ist zu wenig, bringt sicher noch nicht die gesuchten Antworten. Wie kann man aus einer möglichen naturalistisch-materialistischen Sackgasse heraus finden, ohne den Bezug zu den Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu verlieren? Oder finden sich gerade von den Naturwissenschaften her neue Fragestellungen, die das bisher gültige, fast noch mechanistische Weltbild des Determinismus und der kausalen Geschlossenheit zumindest ergänzen, vielleicht revidieren könnten (3)? Vielleicht gehen ja die Vertreter eines „Neuen Realismus“ in diese Richtung weiter (siehe „Wir brauchen mehr Philosophie“ von Markus Gabriel).

2. Linguistik – Sprache – Öffentlichkeit

Seit dem ‚linguistic turn‘ in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist sehr intensiv über das Verhältnis von Sprache – Erkenntnis – Wirklichkeit geforscht worden mit einer Fülle unschätzbar wichtiger Ergebnisse. Soziolinguistik, Sprachphilosophie, Psycholinguistik usw. sind nur einige der fachlichen Verzweigungen, die daraus folgen und die sich auch philosophisch und soziologisch widerspiegeln. Im Laufe der Diskussion hat sich ein Schwerpunkt gebildet in der Sprachlogik bzw. der Logik der Sprache und der Logik des Mentalen überhaupt. Die Frage nach ‚Bedeutung‘, nach Extension, Intension, Referenz usw. hat sich fast zu einer eigenen Sphäre entwickelt, die bisweilen wie ein Glasperlenspiel anmuten kann. Jedenfalls haben Formalisierung, formale Logiken und Symbolsysteme ein Gegenüber bzw. eine Entsprechung gefunden in Computerwissenschaften und Informatik. Ist dabei vielleicht die soziale Dimension, die gesellschaftliche Einbettung und Verankerung von Sprache, Bewusstsein und Wirklichkeitsbezug aus dem Blick geraten? Die Resonanz auf die gründliche und spannende Ausarbeitung von Volker Gerhardt, ‚Öffentlichkeit‘ als die soziale Existenzweise des Bewusstseins und kommunikative, ‚politische‘ Seinsform des Geistes zu verstehen, ist bisher doch recht überschaubar geblieben. Wie kann die sprachliche Erfassung der Wirklichkeit so beschrieben werden, dass dabei die wirkliche Lebenswelt, also Zeit-, Orts- und Personbezug sprachlicher Kommunikation, als konstitutiv berücksichtigt wird? Anders gefragt, welche Wege könnte es aus einer sprach-logischen Engführung heraus geben, die zugleich Pfade zu einer interkulturellen Philosophie zeigen könnten? Sprache als kommunikative Form der Wahrnehmung könnte in einer philosophischen Ästhetik eine neue Darstellung finden, welche die Sicht der Kunst bzw. des Künstlers in die Beschreibung des Sprachvollzuges aufnimmt. Sprachphilosophie ohne Poesie, Dramatik, Emotion und Pragmatik ist eigentlich ein Unding.

3. Naturwissenschaft – Weltbild – Metaphysik: ’noëtic turn‘

Nach einer Phase der Dominanz des Materialismus und Physikalismus, meist gepaart mit einem methodischen Reduktionismus, kommen die ungelösten Fragen der Metaphysik wieder zum Vorschein: Worin besteht Erkenntnis? Was ist der Bereich des Wissens? Auf welchen Voraussetzungen beruhen unsere Wissenschaften? Was ist Sein? Wird Wissenschaft mit Naturwissenschaft gleich gesetzt, so ist bereits eine weitreichende Vorentscheidung über Gegenstandsbereich und Methodik getroffen. Eine ‚voraussetzungslose‘, pragmatische (Natur-)Wissenschaft ist sich bestenfalls nicht klar über ihre Voraussetzungen und schlimmstenfalls dogmatisch. Dies gilt umso mehr, wenn kausale Geschlossenheit im Sinne des Physikalismus als rational alternativlos behauptet wird. Wissenschaft sollte, und das wäre eine klare Aufgabe, ihre Voraussetzungen und Grundannahmen vorgängig klären bzw. klären lassen. Es ist dies die klassische Aufgabe der Metaphysik, heute der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie. Physikalische Rahmenbedingungen können durchaus den legitimen Bereich einer Wissenschaft bestimmen, die durch ein eigenes Weltbild heuristisch und prognostisch äußerst erfolgreich ist. Aber das Weltbild, das heißt die Summe der Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Methoden, darf nicht zur Weltanschauung werden. Hier gilt es wieder ein Stück wissenschaftliche Weite und Offenheit zurück zu gewinnen. Logische und mathematische Symbolsprachen können auch im Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sinnvolle Hilfsmittel sein. Ein Logizismus muss damit nicht verbunden werden. Die Aufgabe besteht darin, sich nicht von den technischen Errungenschaften als erfolgreichen Nachweis der Tauglichkeit des naturwissenschaftlichen Weltbildes blenden zu lassen, ganz abgesehen von den hohen ‚Nebenkosten‘ der technischen Weltbewältigung, – sondern neben Rationalität und Kausalität auch Kreativität und Spontaneität in den Begriff von Wissenschaft mit einzubeziehen und zum Beispiel die Formen der Kunst als die ‚andere‘ Weise des Wissens zu begreifen. Nach dem ‚linguistic turn‘ könnte man vor Aufgabe eines ’noëtic turn‘ sprechen: Wissenschaft, Philosophie und Metaphysik haben es nicht nur mit technischer oder logischer Ratio, sondern mit dem ‚Geist‘ zu tun, das heißt mit dem, was im Griechischen recht umfassend als nous bezeichnet wird: Geist – Vernunft – Erkenntnis – Wissen – Weisheit – Einheit, um das Feld der Begriffe zu skizzieren. In Zukunft sollte es darum gehen, den Fehler eines Dualismus zu vermeiden, der viele Jahrhunderte das philosophische Denken bestimmt – und belastet hat. Die ‚Einheit der Wissenschaft‘ ist ein hohes Gut, die ihren Grund hat in der einen Welt, die es als den Wirklichkeits- und Lebensbereich des Menschen zu entdecken und zu verstehen gilt. Darin sind unterschiedliche Seinsbereiche zu bestimmen, die zu differenzierten Ontologien führen können. Insofern besteht die weitere Aufgabe darin, einen solchen ’noëtic turn‘ nicht als Kehrtwende und Abkehr von der bisherigen z.B. analytischen Philosophie zu sehen, sondern als Ausweitung und Neubestimmung, die eine dogmatische Engführung, wie sie in der physikalistisch – materialistischen Weltanschauung und im szientifischen Wissenschaftsbegriff vorliegt, hinter sich lässt. Es gibt ja genügend „postmoderne“(4) phantasie- und verheißungsvolle Ansätze und Denkmodelle, die nur vom philosophischen  Rand in die Mitte gerückt werden müssen, – von denen aus man weiter denken kann.

Synagoge Berlin

Synagoge Berlin (c) Wikimedia

4. Wissenschaft und die Frage nach Gott

Der Berliner Philosoph Holm Tetens hat in einigen Aufsätzen und in seinem aufsehenerregenden Büchlein „Gott denken“ den Versuch unternommen, in heutiger Zeit (2015) eine „rationale Theologie“ im Rahmen der Philosophie zu skizzieren (siehe meine Rezension). Damit ist ein Thema angesprochen, das philosophisch als längst überwunden und neuzeitlich obsolet galt. Allerdings dürfte das religionsgeschichtliche bzw. religionssoziologische Phänomen einer „Rückkehr der Religion“ , einer „Rückkehr des Religiösen“ (Detlef Pollack) oder der „Wiederkehr der Götter“ (Friedrich Wilhelm Graf) auch philosophisch nicht unbeantwortet bleiben. Die Debatte dazu ist inzwischen uferlos, insbesondere im Zusammenhang der Diskussion über Religion und Fundamentalismus. Immerhin zeigt sich auf diese Weise, dass die neuzeitliche Religionskritik (Feuerbach – Nietzsche – Marx – Freud) und der gesellschaftliche Prozess der Säkularisierung wohl Kirchen, aber nicht Religion als solche wirklich getroffen hat. Es besteht darum aller Anlass, auch in der Philosophie das ‚religiöse Phänomen‘ anzugehen, und zwar nicht nur widerwillig und mit Fingerspitzen, sondern als eine offenbar vorhandene Lücke philosophischer Arbeit an der Erkenntnis des Menschen. Damit ist in jedem Falle die Religionsphilosophie und die philosophische Anthropologie gefordert, aber nicht nur diese. Die ‚Gottesfrage‘ als eine metaphysische Grundfrage kann ja nur solange berechtigterweise ausgeblendet werden, als Einigkeit darüber besteht, dass dafür im Wissenschaftsbegriff und im Wissenschaftsbetrieb kein Platz sein kann. Aber die Rückgewinnung eines erweiterten, nicht-naturalistischen und nicht-materialistischen Wissens- und Wissenschaftsbegriffs kann auch die Frage nach den Grenzen der Endlichkeit, nach dem Unendlichen, nach einem unendlichen Geist, aber auch auf der anderen Seite nach dem Nichts und dem schlechthin ‚Bösen‘ durchaus begründet stellen. Rückgewinnung kann niemals Rückkehr zu vormodernen Überzeugungen bedeuten, aber es kann, und darin besteht die Aufgabe, eine Erweiterung des Feldes der Wissenschaft und dann auch eine Neubestimmung des Wissensbegriffs erfolgen, die Erkenntnisse aus vor- und nicht-technischer Welt aufnehmen und sie im Kontext einer interkulturellen Philosophie des Geistes und des Menschen im Hinblick auf sein endliches Sein und unendliches Denken (Denken des Unendlichen, personal oder apersonal) auf dem Hintergrund des Nichts ausweiten und neu erarbeiten könnte (5). Hier werden Perspektiven sichtbar, die noch einmal von einer anderen Warte aus die naturwissenschaftlich-technische Engführung der Wissenschaft und mit ihr der wissenschaftlichen Philosophie aufsprengen und neu ausrichten können. Holm Tetens‘ Ansatz reicht dafür sicher nicht aus, es ist aber ein hilfreicher Anstoß.

5. Interkulturelle Philosophie der Zukunft

Eine solche interkulturell ausgerichtete Philosophie der Zukunft könnte auch den Graben zwischen Lebensweisheit, Lebenserfahrung und geschichtlich überliefertem Wissen auf der einen Seite und einer rationalistischen, logisch und empirisch-analytisch verfahrenden ’science‘ (Natur-Wissenschaft) schließen. Dieser Graben prägt das neuzeitliche Gebäude der Wissenschaft, die sich auf der anderen Seite zugute hält, die dualistische Zweiteilung der Wirklichkeit überwunden zu haben. So einfach war das offenbar nicht verlustfrei möglich. Die neue Aufgabe besteht genau darin, eine nach-neuzeitliche Philosophie zu entwerfen, die auch Religion und das Anliegen religiöser Erfahrung in ihren Wissensbegriff einbeziehen kann. Dies wird nur in kritischer Distanz von allen Fundamentalismen und Dogmatismen möglich sein, – aber Kritik des Dogmatismus ist der ‚modernen‘ Naturwissenschaft ja ebenfalls nicht fremd. Insofern geht es auch um eine neue Grenzbestimmung dessen, was Wissen wissen und was Wissenschaft erkennen und erklären kann. Ein Abschied von der Rationalität ist jedenfalls nicht damit gemeint, eher eine Thematisierung der Selbstbegrenzung. Hier hat eine künftige Philosophie einiges zu leisten, kann dabei auch einiges vom Wissen und von Vorstellungen anderer Kulturen ebenso wie von wissenschaftlichen Theologen zu lernen, insbesondere im Hinblick auf das (ontologisch) radikal Nichtige und Böse (6). Hybris ist auf keiner Seite angebracht. Es kann in jedem Falle spannend sein, manche philosophischen Traditionen und Themen durch das neuzeitlich-naturalistische Bad hindurch geläutert zu erleben, in ihrer Aktualität zu erkennen und für das Verstehen von Mensch und Welt in all seinen Facetten und Ambivalenzen neu zu gewinnen.

 

Anmerkungen

(1) Fast ein kleiner Lichtblick ist der Artikel von Julian Nida-Rümelin über das neue Buch von Willy Hochkeppel, Philosophische Traktate abseits des Geläufigen in der Süddeutschen Zeitung. [zurück]

(2) Ich beschränke mich in meinen Überlegungen auf den Bereich der sogenannten theoretischen Philosophie, lasse also den vielleicht größeren und wichtigeren Bereich der philosophischen Ethik außer Betracht. [zurück]

(3) vgl. zum Beispiel die sehr präzise Darstellung des quantenmechanischen Zufallsprinzips und des darin enthaltenen bias bei Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall, Nichtlokalität, Teleportation und weitere Seltsamkeiten der Quantenphysik, 2014 [zurück]

(4) Hierbei ist eben nicht nur an die philosophische ‚Opposition‘ eines Jacques Derrida oder Michel Foucault zu denken, sondern an die vielen Anregungen und Entwürfe der nicht nur angelsächsisch bestimmten Philosophie (siehe zum Beispiel Michael Hampe). [zurück]

(5) Es sei auf das sehr informative Buch eines US-Wissenschaftsjournalisten zu diesem Thema verwiesen: Jim Holt, Gibt es Alles oder Nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte, 2012 / 2014. Holt gelingt es vorbildlich, philosophische und naturwissenschaftliche Meinungen ins Gespräch zu bringen. [zurück]

(6) Es geht um die säkularisierte Form des Theodizeeproblems. Nicht: Wie kann Gott das Böse zulassen?, sondern: Wie kommt das radikal Böse, Vernichtende in die Welt? Dies ist zuerst eine ontologische und sodann eine ethische Frage. [zurück]

Zustand postmoderner Pluralität

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Mai 012014
 

[Philosophie]

Unser Zustand ist bemerkenswert unklar. Welcher Zustand? Damit beginnt es schon. „Geistesgeschichtlich“ hätte man vielleicht früher gesagt, aber das ist viel zu akademisch, positionell und einseitig. „Kulturell“, nun das wäre dann gleich so weit gefasst, dass man darunter alles und nichts verstehen kann. Der „öffentliche Diskurs“ – oje, was ist mit „öffentlich“ gemeint, und wer sollte dort welcher Art Diskurs führen? Was ist überhaupt ein Diskurs? Eine fiktionale, abstrahierte, idealisierte Diskussion, und dann von wem und worüber? Ah, „gesellschaftlich“, jaja, auf die Gesellschaft bezogen soll es natürlich auch sein, was wären wir ohne die Gesellschaft? Und schon wieder die Unklarheit: Welche Gesellschaft ist gemeint, eine theoretische, soziologisch bestimmte, eine irgendwie praktisch vorhandene oder die jeweilige begrenzte „Gesellschaft“, in der ich mich gerade befinde? Und in „schlechter Gesellschaft“ möchte ich auch nicht sein. Also bleibt nur die ganz allgemeine Formulierung „Zustand“ – „How are you?“ – Nein, das ist nur eine Floskel. Wenn „Zustand“ so etwas wie ein andauernder Zeitraum ohne Veränderung sein sollte, trifft es noch nicht einmal dieses Wort, denn ich befinde mich nicht in Ruhe (vielleicht im „Ruhestand“ – oder „Unruhestand“?), sondern ich bewege mich in einer Umwelt, die ständig in Bewegung ist, verändere mich in einem Umfeld, das sich seinerseits andauernd verändert, treffe Menschen, die kommen und gehen, so wie ich selber komme und gehe, denke und verwerfe, beobachte und die Augen verschließe, wahrnehme und ausblende. Also frage ich einfach: Wie bin ich in diesem ständigen Wechsel, der sich „Leben“ nennt, dran? Wie sind die Umstände, wie ist das Umfeld dieses Lebensvollzugs und Lebensbezugs? – Aber nein, das klingt ja fürchterlich – abgehoben.

Fang ich nochmal an. Eigentlich möchte ich nur einen vorübergehend distanzierten Blick werfen auf die Welt, in der ich lebe. Es ist wie eine Momentaufnahme: Sie hat eine bestimmte Perspektive, schneidet aus, blendet aus, fängt etwas Bestimmtes ein. Mehrerer solcher Aufnahmen ergeben unterschiedliche Bilder der „Welten“ um mich herum. Denn genau genommen besteht die Welt, in der ich lebe, aus vielen kleinen Mikro-Welten und aus vielen unterschiedlichen Makro-Perspektiven. Zusammen mit anderen Menschen, mit denen ich kommuniziere, mich austausche in Wort, Bild, Schrift, ergibt sich ein buntes Mosaik ganz verschiedener kleinerer oder größerer Welten. Man mag auch sagen, das wären unterschiedliche Weltbezüge, also Verhaltensweisen zur einen, ganzen Welt. Aber ich glaube, diese eine, umfassende Welt ist selber nur eine Fiktion, eine Konstruktion aus Blickwinkel und Nivellierung. Ich lasse es lieber bei den vielen, fast unsagbar vielfältigen Mikro-, Medio- und Makro-Welten und den Perspektiven, die sie mir erscheinen lassen, und den Bezügen, die mich mit ihnen verbinden. Beides, Perspektive und Bezug, ändert sich fortwährend. Schon die „Festschreibung“ einer Welt ist eine objektivierende Abstraktion. Um mich in der Bewegung und Veränderung des Lebens in und mit meinen „Welten“ zu orientieren, brauche ich so etwas wie Bezugspunkte, Fluchtlinien, Wegmarken. Sie mögen für mich eine Zeit lang gelten und hilfreich sein, dann aber können auch sie wieder verschwinden und durch andere ersetzt werden, wie es in der Bewegung der Zeit und des Lebens eben geschieht. ‚Alles ist in Bewegung‘, „alles ist Veränderung‘ muss nicht heißen, alles sei relativ. Es bedeutet aber zumindest, dass die Welten, in denen ich lebe und mich in Beziehungen setze, für mich keine Konstanten sind. Was sie für sich genommen sind, weiß ich nicht. Offenbar sind Wechsel und Veränderung der Perspektiven, des Denkens und des Lebens der Eigentümlichkeit meiner heutigen Existenz eingeschrieben.

Schaue ich nun auf solche Momentaufnahmen wie auf ein paar perspektivische Standfotos aus einem fortlaufenden Film, dann ergibt sich ein recht merkwürdiger, äußerst vielfältiger, disparater Eindruck. Vieles, von dem ich annahm, es habe Gültigkeit, verliert diese. Viele „Erklärungen“ haben den Charakter von Prophezeiungen, Verheißungen, begründet oder leer. Viel Glanz, wenig Gloria.

Die Menschheit wächst zusammen, hieß es.

Es entsteht eine Weltgesellschaft aus verschiedenen Kulturen.

Europa einig Vaterland.

Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind auf dem Vormarsch.

Die finsteren Zeiten von Okkultismus und Aberglauben sind vorbei.

 

An die Stelle roher Gewalt tritt der mediatisierende Ausgleich.

Vernunft und Wissenschaft triumphieren.

Die Technik verbessert unser Leben unaufhaltsam.

Es geht immer weiter aufwärts, bis zum Mond und zu den Sternen und weiter.

Die Wissenschaft ist dabei, die letzten Rätsel des Kosmos, des Lebens und des Bewusstseins zu lösen.

 

Die Digitalisierung katapultiert die Menschheit auf eine neue Stufe der kulturellen Evolution.

Mensch und Maschine werden eins.

Nicht Materielles, nicht gegenständliche Güter, sondern Daten und ihre Verknüpfung sind die wichtigsten Ressourcen der Zukunft.

Die Herrschaft über die Algorithmen bildet die neue herrschende Elite.

Die Rationalität selbstlernender Systeme ist so umfassend, dass sich der Mensch ihnen nur noch anpassen, sich ihrer bedienen bzw. von ihnen ‚bedient‘ werden kann.

 

Das Nirwana der Religionen verwandelt sich in die endlosen Weiten des Cyberspace.

Kultur und Geist sind Spielwiesen des neuen Menschen, dem Privatheit fremd sein wird.

Alles wird gut.

Mmh.

 

Doch dann sehe ich etwas ganz anderes, andere Momente tauchen auf, völlig verschiedene Welten präsentieren sich.

Menschen denken und handeln nur sehr begrenzt rational.

Die Sehnsucht nach dem Geheimnis, nach Mystik, nach dem Unerklärlichen, Unendlichen ist riesengroß.

Die Suche nach Sinn und Erfüllung jenseits zweckrationaler Prinzipien ist höchst aktuell.

Selten ist das Angebot der Religionen so groß gewesen, selten das freiwillige Eingehen von letztgültigen Verbindlichkeiten so umfassend.

 

Keine Theorie des Marktes, des Psychologie oder Soziologie hat bisher das Handeln und Verhalten eines einzelnen Menschen auch nur annähernd zutreffend beschreiben können. Nur der Durchschnitt gilt in Gauss’scher Verteilung.

Menschen lieben Emotionalität, Spontaneität, Kreativität, hassen und lieben, sogar grundlos.

Menschen fürchten Andersartigkeit, Fremdheit, Dunkelheit, Einsamkeit.

Die kleine, nahe Gefahr wird wichtig genommen, die große, aber ferne wird ignoriert.

Was die einen als Gängelung und Bevormundung empfinden, betrachten die anderen als Sicherheit und Bequemlichkeit.

 

Androhung oder Ausübung von Gewalt ist nach wie vor das vorherrschende Mittel der Konfliktlösung.

Unser junges Jahrhundert droht das Jahrhundert der größten Flüchtlingsströme aller Zeiten zu werden.

Die digitale Welt ist auch die Welt der „Netwars„.

Kriege, asymmetrisch oder regulär, stellvertretend oder offen, zwischen Bürgern oder Warlords, zwischen Mächtigen und Mächtigen, zwischen Mächtigen und Machtlosen, mit allen Formen der Grausamkeit und des Leids und des Todes, sind tägliches Ereignis, eher zunehmend als abnehmend. Industrien leben davon.

„Failed states“ scheint die am schnellsten wachsende Staatengruppe zu sein.

Das Bedrohliche eines realen Krieges macht auch vor Europa nicht halt; vielleicht geht eine Ausnahmezeit zu Ende. Man wagt es nicht zu denken.

Der Kampf um materielle Ressourcen, um Macht und Raum ist weiterhin der am meisten verbreitete Kampf, die wichtigste Motivation. Das hat sich seit der Steinzeit wenig geändert.

 

Die Philosophen, die versuchen, „ihre Zeit in Gedanken zu fassen“, haben das weithin aufgegeben. Viel Stückwerk, viel Glasperlenspiel in geistreicher Selbstzufriedenheit oder tatsächlicher Irrelevanz.

Postmoderne Pluralität hat man das genannt. Die große Unübersichtlichkeit. Vielleicht auch die ratlose Richtungslosigkeit.

Scharlatane und Glücksapostel haben Konjunktur, auch und gerade in den digitalen Welten.

Es bleibt nichts anderes übrig, als wach zu bleiben und selber zu denken. So lange man kann.

Das Gefühl ständiger Unbeständigkeit gehört einfach zur Postmoderne.

Bild aus. Licht an. Der Film geht weiter.

Religion und Säkularisierung

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Nov 142013
 
Im Allgemeinbewusstsein wird Säkularisierung gerne mit Religionslosigkeit gleichgesetzt. Wenn dann noch Religion mit (katholischer) Kirche identifiziert und dieser Vorgang als Folge der Aufklärung dargestellt wird, scheint eine einleuchtende Erklärung für den heutigen Schwund von Kirchlichkeit und den Rückzug der Kirchen aus der Öffentlichkeit gegeben zu sein. Beim näheren Hinsehen ist diese Erklärung aber fragwürdig.

Schon der Begriff „Säkularisierung“ ist nicht eindeutig. Wenn man sich mit Böckenförde darauf verständigt, Säkularisierung als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“ (nach Wikipedia, leider ohne genaue Fundstelle), hat man zumindest einen staatsphilosophisch klaren Begriff. Allerdings lässt diese Definition den gesellschaftlichen Aspekt der Säkularisierung außer Acht. Würde man darauf hin analog formulieren, Säkularisierung sei ebenso die „Ablösung gesellschaftlicher Werte und Normen von ihrer kirchlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“, so käme man der gemeinten Sache schon recht nahe. Dieser neuzeitliche Vorgang wird gemeinhin als gesellschaftliche Lösung von christlich-kirchlicher Bevormundung verstanden. Säkularisierung wird dann faktisch als Entkirchlichung interpretiert.

Stadion

EM Stadion Charkov

Religionsphilosophisch müsste man noch einmal ganz anders an die Betrachtung des Begriffs Säkularisierung heran gehen. Dabei wird deutlich, dass Säkularisierung nicht Religionslosigkeit meinen kann. Religion ist immer zugleich eine Sache der Welt, schon der vermeintliche Gegensatz von „Religion“ und „Welt“ ist künstlich. Religion kann als Teil kultureller Lebensäußerungen angesehen werden. Religion ist Teil der Welt und hat insofern immer auch eine säkulare Gestalt. Säkulares und religiöses Verhalten durchdringen sich gegenseitig. Dass Religionen in konkreter geschichtlicher Ausprägung auch ihr konstitutives Eigenleben führen, ist davon unabhängig.

Wesentlich für das Verständnis von Religion sind die Elemente Kultus und Ritus. Ein „Kult“ ist etwas symbolisch Aufgeladenes, in bestimmte Handlungs- oder Anschauungsformen Geprägtes. Rituale bestimmen religiöse Handlungs- und Verhaltensweisen, äußern sich aber ebenso auch im alltäglichen Verhalten. Jeder hat sein Morgenritual, sagen wir und meinen damit eine stetige Wiederholung derselben Handlungsmuster. Kultische Handlungen, Zeremonien und Rituale, alles Begriffe aus der religiösen Welt, sind aber in der ’säkularen‘ Welt ebenso fest verwurzelt. Die fälschliche Ineinssetzung von Säkularisierung und Religionslosigkeit verdeckt dies nur.

Der Sport hatte immer schon eine Nähe zur Religion, man denke nur an den Ursprung der „olympischen“ Spiele als religiöse Kulthandlungen. Heute finden sich im Ablauf sportlicher Veranstaltungen ein Vielzahl von Ritualen, die wir ansonsten nur im religiösen Bereich zu finden meinen. Fußball ist dafür ein heraus ragendes Beispiel. Der Ablauf eines Fußballspiels im Stadion, sei es bei der Europameisterschaft, Weltmeisterschaft oder Champions League, aber immer öfter auch bei Bundesligaspielen, hat durchweg zeremoniellen Charakter. Der heilige Rasen, die Flaggen auf dem Platz (ich meine nicht die Fähnchen, die kommen als Zuschauer-Echo noch dazu), die rituelle Kleidung (Trikots), der Einzug der Mannschaften als durchgeformte Prozession unter Beteiligung von Kindern, der feierliche Einzug der Schiedsrichter als „Hohepriester“ in schwarzer Kluft, neuerdings den Ball vom Sockel (Altar) nehmend und wie eine Monstranz vor sich her tragend, die Begleitmusik mit Fanfaren und Hymnen, der Jubel der Zuschauer bis zur Stille beim Anpfiff, das Stadion als Tempel, – all dies ist eine Choreographie, wie sie sonst nur im religiösen Bereich zu Hause ist: Sport als säkulares Ritual zur festen Zeit an besonders bestimmten Ort, Sport als quasi-religiöser, eben säkularer Kult.

Ähnliches könnte man beim „Star-Kult“ aufzeigen. Große Ereignisse im Showbiz haben immer schon von der Dramaturgie religiöser Zeremonien gelernt. Der Ablauf des Eurovision Song Contest weist eine Vielzahl von rituellen Elementen auf, die im Starkult (übrigens wie im Fußball) gipfeln. Kleidungsstücke der Stars, sogar Rasenstücke beim Fußball können be- und gehandelt werden wie Reliquien. „Das ist doch alles nur Show.“ Klar, aber jede Show folgt einem rituellen Muster, und die ältesten Shows sind tatsächlich die religiösen Zeremonien. (Historische Nebenbemerkung: Wer Zeremonien beseitigt wie einst beim „Bildersturm“, nimmt ein Stück vom Wesen der Religion.) Man könnte außerdem auf den kultischen Charakter kultureller Events wie der Wagner-Festspiele in Bayreuth verweisen. – Schließlich ist da der gesamte Bereich der Politik, der ohne Zeremonien und Rituale, ohne Kult und Akklamation überhaupt nicht auskommt. Das gilt nicht nur für die internationale Diplomatie mit ihren Gepflogenheiten, sondern bis in den Alltag eines Parlaments. Vielleicht ist es allerdings im britischen Unterhaus besser zu beobachten als im vergleichsweise nüchternen und bilderarmen Bundestag.

Kulte und Rituale bringen Stetigkeit und Verlässlichkeit in den ansonsten so ungewissen Alltag. Sie geben Vergewisserung über das, was immer schon so war und so auch bleiben soll. Außerdem appellieren Rituale an ein überindividuelles Ganzes, das auch ein Höheres sein kann, und stellen damit einen Bezug her, der den Einzelnen und sein kleines, bruchstückhaftes Leben umgreift und ihm Ganzheit verleihen kann. Damit eng verbunden ist es, dass Rituale, kultische Handlungen und Zeremonien Sinn stiften. Sie inaugurieren und bekräftigen eine Ordnung, die anderen, eher zufälligen Lebenssituationen allererst Halt und Orientierung gibt. Diese Strukturelemente gelten für alle Rituale, keineswegs nur für die im engeren Sinne religiösen. Sie nehmen in der Alltagswelt Funktionen wahr, die im religiösen Bereich die Religionsgemeinschaften für sich reklamieren. Religionen gehen zwar über Kulte und Rituale hinaus, aber in ihnen vollzieht sich doch für Religion Wesentliches. Solche Rituale sind das Bindeglied zwischen Alltagswelt und expliziter religiöser Erfahrungswelt.

Vielleicht ist hiermit schon deutlich geworden, dass aus meiner Sicht der Begriff der Säkularisierung vielleicht für den staatsphilosophischen Bereich sinnvoll und aussagekräftig ist, für den religionsphilosophischen und allgemein religionswissenschaftliche Bereich aber nur sehr unzureichend und ungenau ist. Der Sport, insbesondere der Fußball, hat eben nicht die Religion beerbt, der Starkult ist keine Ersatzreligion. Beide Beispiele, Sport und Showbiz, zeigen nur die Bedeutung und die wichtige Funktion von Kult und Ritual in der gesamten Lebenswelt, weit über die Religionen hinaus. Es sind Strukturelemente, die Religion und Welt, den Einzelnen und das große Ganze miteinander verbinden und Sinn vermitteln. Insofern könnte man sagen, dass viele Bereiche unserer Alltagswelt überraschend von vermeintlich religiösen Strukturelementen geprägt sind. Es bestätigt sich auch, dass Kult und Ritual als „implizite Religion“ Teil der Alltagswelt sind.

Dies gilt ganz unabhängig davon, wie sehr man die Entkirchlichung in Europa als einen welt- und kulturgeschichtlichen Sonderfall betrachtet. Explizite Religion ist eher weltweit auf dem Vormarsch. Traditionell religiös geprägte Familien haben mehr Kinder, also spricht schon die Demographie für die Religion. Das ist aber ein anderes, nicht minder interessantes Thema. Mir ging es hier nur darum, die Alltagsformen impliziter Religion in den Blick zu rücken und gewissermaßen das Säkulare religionsphilosophisch aufzuwerten. Religion ist mehr als das, was üblicherweise danach aussieht.

Jul 192013
 
I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel des Internets und der ihnen bereitwillig folgenden Internetgemeinde hat einen spürbaren Knax bekommen. Zwar muss hier zwischen der medialen und teilweise auch dem Wahlkampf geschuldeten Aufgeregtheit der veröffentlichten Meinung einerseits und dem tatsächlichen Verhalten der Internetnutzer andererseits unterschieden werden. Solange sich die derzeitige Diskussion um Big Data und #PRISM auf die Verkaufszahlen von Apple, Samsung, der Nutzerzahlen von Google, Facebook, Amazon nicht auswirkt, so lange kratzt die Diskussion offenbar nur an der gesellschaftlichen Oberfläche. Erst ein verändertes Nutzerverhalten würde hier ein gestiegenes Problembewusstsein und eine ernsthafte Sorge erkennen lassen. Dies fest zu stellen ist es noch zu früh. Vermuten kann man allerdings, dass die aktuelle Diskussion kaum dazu beitragen wird, den digitalen Graben zwischen den Techies und den eher Reservierten zu verringern. Vielleicht ist das ja auch gut so. Jedenfalls ist in der Öffentlichkeit die Diskussion über das neue Menschenbild der digitalen Welt – der verhaltenstransparente Konsument und der sicherheitsriskante Bürger – eröffnet.

II. Ganz anders ist die Lage in dem anderen, mindestens ebenso brisanten Themenfeld. Auf welche Weise die modernen Humanwissenschaften auf naturalistischer Grundlage ein neues Menschenbild, mehr noch einen neuen Menschen schaffen, dessen Gehirn in seiner Funktionsweise immer verständlicher und dessen geistige Fähigkeiten und individuelles Verhalten dementsprechend neurologisch erklärbar, kognitiv transparent und psychiatrisch manipulierbar werden, das interessiert nur am Rande gelegentlich das Feuilleton. Populärer sind allemal Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein oder zur „richtigen“ Entfaltung der eignen Potentiale. Dabei beruhen die Methoden der Neurowissenschaften immer stärker auf Computermodellen, die ebenfalls big data erfassen und verarbeiten. „Bildgebende Verfahren“ klingt da etwas naiv und harmlos, denn das ist ja nur die bunte, anschauliche Oberfläche neurologischer Forschung. Andere Verfahren erheben den gesamten elektrischen Zustand eines Gehirns und übersetzen ihn in ein algorithmengestütztes, selbstlernendes Computermodell, das, so die Erwartung, dann schlicht ein Spiegelbild eines menschlichen Gehirns ist. Ob es sich wirklich so verhält und ob es funktioniert, wird sich zeigen, aber die Fortschritte in den Neurowissenschaften sind gerade in den letzten Jahren mit wachsender Rechenpower gewaltig. Jedenfalls wachsen die Bemühungen um eine Modellierung des menschlichen Geistes bzw. des Bewusstseins weit über bloße Theorien hinaus. Es wäre leichtfertig, hier nur Spekulation und technische Phantasien am Werk zu sehen. Was bisher als science fiction erscheint, könnte schneller als gedacht science technics werden. Nachdem die Diskussion vor einigen Jahren die Frage des „freien Willens“ (ein Nebenkriegsschauplatz) publikumswirksam thematisiert hat, ist die Hirnforschung mit ihren Strategien, menschliches Gehirn und menschlichen Geist endlich in den Griff zu bekommen, weitgehend öffentlich unbeobachtet. Nur über die Stammzellenforschung hat man sich eine Zeit lang aufgeregt, auch dies aus meiner Sicht eine sehr deutsche Nebenbühne.

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

III. Im Blick auf die Neurowissenschaften und die durch sie gemeinsam mit der Biogenetik nachhaltig veränderten Humanwissenschaften hinkt eine öffentliche Diskussion, ja überhaupt Wahrnehmung der Tragweite und Auswirkungen, also der ethischen Herausforderungen und Handlungsbegleitung der Wirklichkeit auffallend hinterher. Was die digitale Transformation betrifft, haben wir soeben die Chance bekommen (Snowden sei Dank), die Diskussion um Mittel und Wege, Rechte und Grenzen, Wollen und Sollen breit und öffentlich, hoffentlich ausführlich und begründet zu führen, praktische politische und persönliche Konsequenzen eingeschlossen. Auch dies hat ethische Aspekte in der Frage, welches Menschenbild der Digitalisierung zu Grunde liegt oder liegen sollte. Es zeigt sich, dass die großen Themengebiete Digitalisierung und Hirnforschung, erweitert um das Thema der Biogenetik, uns an die Schwelle einer kulturellen Transformation ungeahnten Ausmaßes bringen. Diese Transformation wird zwar zunächst in den industrialisierten Ländern beginnen, aber kaum vor irgend einem Kontinent halt machen. Die Möglichkeit, diesen Transformationsprozess zu steuern, wird schwierig sein, weil der ihn antreibende Strom der Ereignisse und Interessen fast übermächtig ist. Umso mehr und kraftvoller muss das Bemühen um öffentliche Diskussion und Gestaltung sein. Neue ethische Maßstäbe und rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig. „Alles was wir einmal Bürgerrechte oder Privatsphäre nannten: Das ist alles weg.“ (Leyendecker). Damit nicht noch mehr von dem „weg“ ist, was uns lieb und teuer ist, sollten wir uns kundig machen und einmischen, in jedem der neuen Wissensgebiete, vor allem gegenüber den politisch-industriellen Machtkomplexen. Die Zeiten eines Nelson Mandela, der gestern seinen 95. Geburtstag beging, könnten andernfalls im Rückblick noch als rosig erscheinen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Ethik und Politik der kulturellen Transformation.