Jul 172019
 

Einführung in die Technikwissenschaften [Langtext]

I. Einführung

Technik und technische Produkte umgeben uns ständig, wir nutzen sie fortwährend und selbstverständlich. Uns stößt nur dann etwas Technisches auf, wenn es nicht funktioniert, wie es soll. Funktionierende Technik ist im Alltag ein transparenter Gegenstand oder Vorgang, dem an sich selbst wenig Beachtung geschenkt wird. Wichtig ist das Handeln, die Praktik mit einem bestimmten Ziel, die sich eines technischen Mittels, des Lichtschalters zum Beispiel, bedient. Schon diese wenigen Sätze sind recht voraussetzungsvoll. Fangen wir darum mit den Begriffen an.

Wir sprechen von Technik, wenn wir das Funktionieren eines Alltagsgegenstandes meinen, z.B. von der Technik des Kühlschranks reden. Wir können ‚Technik‘ aber auch umfassend gebrauchen, wie in der Zusammensetzung ‚Welt der Technik‘. Der Duden beschreibt fünf Bedeutungsweisen des Begriffes „Technik“:

  1. Gesamtheit der Maßnahmen, Einrichtungen und Verfahren, die dazu dienen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für den Menschen praktisch nutzbar zu machen
    BEISPIELE
    1. die moderne Technik
    2. ein Wunder der Technik
    3. auf dem neuesten Stand der Technik
  2. besondere, in bestimmter Weise festgelegte Art, Methode des Vorgehens, der Ausführung von etwas
    BEISPIELE
    • die virtuose, brillante, saubere Technik der Pianistin
    • eine Technik erlernen, beherrschen
  3. technische Ausrüstung, Einrichtung für die Produktion
    BEISPIELE
    • eine Werkstatt mit modernster Technik
    • unsere Technik ist veraltet
  4. technische Beschaffenheit eines Geräts, einer Maschine o. Ä.
    BEISPIEL
    • mit der Technik einer Maschine vertraut sein
  5. Stab von Technikern
    BEISPIEL
    • unsere Technik hat ein Problem

Davon zu unterscheiden ist der Begriff ‚Technologie‘, der zunehmend gleichbedeutend mit dem allgemeinen Verständnis von ‚Technik‘ gebraucht wird. Der Duden definiert „Technologie“ so:

  1. Wissenschaft von der Umwandlung von Roh- und Werkstoffen in fertige Produkte und Gebrauchsartikel, indem naturwissenschaftliche und technische Erkenntnisse angewendet werden
  2. Gesamtheit der zur Gewinnung oder Bearbeitung von Stoffen nötigen Prozesse und Arbeitsgänge; Produktionstechnik
    BEISPIEL
    • moderne, neue Technologien einführen, anwenden

Da haben wir nun die Wissenschaft (episteme) mit dabei, die bei Aristoteles von der Herstellung (techne) unterschieden wird, aber als Methodik zur herstellenden Tätigkeit insgesamt (poiesis) hinzutritt. „Jede Kunst ist ein System von festen Regeln, die auf den Einzelfall angewendet werden müssen. Sie hat zwei Seiten: die theoretische des auf das Erkennen der Ursachen beruhenden, geregelten Verfahrens (μέϑοδος, méthodos) und die praktische, anwendungsbezogene einer entsprechenden Kompetenz oder Fähigkeit (δύναμς, dýnamis), die der hat, welcher das Werk … hervorbringt.“ (Franz-Hubert Robling, zit nach Wikipedia). Über das Verhältnis zwischen der Praxis der Herstellung und den dazu erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten, also zwischen episteme und techne, denkt die Technikphilosophie nach, genauer die Philosophie der Technikwissenschaften (Theory of Design), die einen Bereich der Wissenschaftsphilosophie darstellt. Auch wenn Technikphilosophie im Wissenschaftsbetrieb hierzulande bislang nur eine geringe Rolle spielt, ist sie keineswegs eine müßige Beschäftigung. Sie sucht die Hintergründe und Zusammenhänge eines so wichtigen Lebensbereiches wie den der ‚Technik‘ analytisch zu erhellen. Eigentlich müsste es eine Basiswissenschaft sein.

II. Die Problemstellung

An den niederländischen Universitäten ist das viel stärker der Fall, darum stammt das derzeitige Grundlagenwerk zum Thema Technikphilosophie auch von holländischen Wissenschaftlern: Anthonie Meijers, (ed.), Philosophy of Thechnology and Engineering Science, Handbook of the Philosophy of Science Vol. 9, Elsevier 2009. Anthonie Meijers lehrt an der Technischen Universität Eindhoven. Auf seiner Homepage findet sich das Motto: „Technical objects are also material things with social functions. I think it is essential that engineers understand this.“ Darauf werden wir noch zurückkommen. In seiner Einführung in den umfangreichen Sammelband schreibt er:

“Now, if there are no artifacts, then there are no
philosophical problems about artifacts.”
[Van Inwagen, 1990, p. 128]
Not so very long ago most philosophers of science maintained that the subjectmatter of this volume was uninteresting and most ontologists claimed it was nonexistent. It was thought to be uninteresting because technology was taken to be an applied science in which the application itself presented no new philosophical challenges. It was believed to be non-existent, because technological artifacts and systems did not live up to the criteria for being part of the ultimate inventory of the world. A combination of these two views leads to the rather fatal conclusion that the philosophy of technology and engineering sciences is boring stuff about non-existing entities! This volume shows how completely wrong that conclusion is.

a.a.O. S. 1

Damit ist zunächst die Situation beschrieben, dass herkömmlich der Technikphilosophie keine eigene Rolle zugewiesen wird, weil sie ‚irgendwie‘ zwischen den theoretischen Naturwissenschaften und der praktischen Anfertigung von Artefakten (Ingenieurwesen) steht, materiellen Dingen und Systemen also, deren Eigendynamik und Eigenwert damit übersehen wird. Denn Artefakten kommen von Anfang an soziale Funktionen zu, genau dies ist für sie wesentlich. Wie genau materielle Artefakte (Technik) und (soziale) Funktionen zusammenhängen, ist ein weites Feld der Erörterung.

… technology and engineering cannot be identified exclusively in terms of a body of systematic knowledge. After all they do not aim at knowledge for its own sake, but rather at the development and use of knowledge for practical purposes. Technology or engineering is primarily a practice which is knowledge-based. In this practice scientific knowledge, but also experience-based know-how, codes and standards, customer requirements, organizational, legal and economic constraints, physical circumstances, scarcity of resources, uncertainty and ignorance play an important role.

Carl Mitcham made a useful distinction between four modes of technology:
• technology as a set of artifacts or systems of artifacts;
• technology as a form of knowledge (for the design, production, maintenance and use of technological artifacts and systems);
• technology as a range of activities (designing, producing, maintaining and using artifacts); and
• technology as an expression of the will of its makers, designers and producers (volition).
This distinction shows in another way that the cognitive dimension of technology is important, but does not suffice to define technology.

a.a.O.. S. 3; 4

Ein anderes grundlegendes Werk zum Thema ist schon fünfzig Jahre alt und stammt von dem US-Nobelpreisträger (Ökonomie) Herbert Alexander Simon (1916 – 2001): The Sciences of the Artificial, 1969, 3. überarbeitete Auflage 1996, 4. Aufl. als re-print 2001. Der Text der dritten Auflage ist frei verfügbar. Nachdem Simon im ersten Kapitel „Understanding the Natural and Artificial Worlds“ den weiten Themenrahmen abgesteckt hat, befasst er sich in Kapitel 5 und 6 speziell mit „The Science of Design: Creating the Artificial“ und „Social Planning: Designing the Evolving Artifact“. Im Unterschied zur natürlichen Welt gibt es in der ‚künstlichen‘ Welt der Artefakte eine Reihe von Besonderheiten, die einem zunächst gar nicht auffallen, die aber genauer zu untersuchen sind. Seine Aufgabe beschreibt Simon so:

The kernel of the problem lies in the phrase „artificial science.“ The
previous chapters have, shown that a science of artificial phenomena is always in imminent danger of dissolving and vanishing. The peculiar properties of the artifact lie on the thin interface between the natural laws within it and the natural laws without. What can we say about it? What is there to study besides the boundary sciences – those that govern the means and the task environment?
The artificial world is centered precisely on this interface between the inner and outer environments; it is concerned with attaining goals by adapting the former to the latter. The proper study of those who are concerned with the artificial is the way in which that adaptation of means to environments is brought about – and central to that is the process of design itself.

a.a.O. S. 113

Als wesentliche Elemente einer Theory of Design fasst Simon folgende Punkte programmatisch für ein „Curriculum“ zusammen:

THE EVALUATION OF DESIGNS
1. Theory of evaluation: utility theory, statistical decision theory
2. Computational methods:
a. Algorithms for choosing optimal alternatives such as linear programming computations, control theory, dynamic programming
b. Algorithms and heuristics for choosing satisfactory alternatives
3. THE FORMAL LOGIC OF DESIGN: imperative and declarative logics
THE SEARCH FOR ALTERNATIVES
4. Heuristic search: factorization and means-ends analysis
5. Allocation of resources for search
6. THEORY OF STRUCTURE AND DESIGN ORGANIZATION: hierarchic systems
REPRESENTATION OF DESIGN PROBLEMS

a.a.O. S. 134

III. Einzelne Positionen

Folgende Problemkreise haben sich in der Diskussion über eine Theory of Design ergeben:

  • a) die Bestimmung der „richtigen“ Funktion (proper function)
  • b) die Bedeutung der Intention des Herstellers (belief of the maker)
  • c) das mögliche Auftreten von Emergenz bei komplexen Artefakten (ontological – epistemic; control-paradigm)
  • d) eine allgemeine Definition von Funktion und Design (intentional + non-intentional function)

zu a) Dass technische Artefakte Dinge für etwas sind, also einen Zweck oder eine bestimmte Funktion haben, scheint einfach auf der Hand zu liegen, aber welchen? Der Stuhl ist dazu gemacht, um darauf zu sitzen, – aber wenn ich ihn als Tritt benutze, um oben ans Regal zu kommen, – ist der Stuhl dann zur Leiter geworden, oder hat sich nur seine Funktion geändert? Schaut man näher bzw weiter hin, dann wird man kaum einen artifiziellen Gegenstand finden, der nicht irgendwie anders benutzt oder gebraucht werden kann, als es sein „ursprünglicher“ Zweck erkennen ließ. Aber was ist dann überhaupt der ursprüngliche Zweck, die „richtige“ Funktion? Ruth Millikan (1) und Beth Preston (2) haben dann sehr folgerichtig unterschieden zwischen „proper function“ und „system function“: proper function hat mehr etwas mit dem zugedachten Zweck eines Gegenstandes zu tun, verweist also auf seine Herkunftsgeschichte (kausal) ebenso wie auf die Intention seiner überwiegenden Nutzer. System function stellt den erweiterten Gebrauchsbereich dar, welche Funktion(en) ein Gegenstand innerhalb eines übergreifenden Systems tatsächlich hat. In einer Wohnung hat ein Stuhl sowohl die normale Aufgabe, Sitzgelegenheit zu sein, aber auch die, gelegentlich als Tritt zu dienen oder als Ablage für andere Gegenstände, usw. Das jeweilige Umfeld oder der Rahmen des Gebrauchs (System) bestimmt dann die konkrete Funktion. Preston weist darauf hin, dass proper function nur als Spezialfall einer immer umfassender gegebenen system function angesehen werden kann. Der proper use ergibt sich aus der jeweiligen ‚Umwelt‘. Überhaupt kann die Funktion eines technischen Artefakts auch als sein use plan (types of use, Houkes / Vermaas, (3)) beschrieben werden, der abhängig ist von der praktischen Verwendung.

Rathausuhr Heilbronn (c) Wikimedia

zu b) Eine ausführliche Diskussion wird über die Bedeutung der Absichten des Herstellers (intentions of the maker) eines Artefakts geführt. Die Akzente können in zweierlei Hinsicht gesetzt werden: Einmal ist es die Frage nach dem Wozu eines hergestellten Gegenstands, im Sinne von ‚Was hat sich der Hersteller dabei gedacht, ein solches Ding zu schaffen?‘. Beispiele werden besonders aus der ethnologischen und archäologischen Forschung angeführt, wenn unbekannten Gegenständen eine bestimmte Nutzungsweise zugeschrieben werden soll. Das ist durchaus nicht immer trivial, wenn zum Beispiel eine besondere ‚Verzierung‘ sich erst später als kunstvoller Kalender entpuppt (Bronzezeitlicher Goldhut). Zur Entdeckung einer solchen Funktion ist die (vermutete) Kenntnis der Intention des Herstellers innerhalb seines sozialen Umfeldes erforderlich; sie macht die besondere Bedeutung dieses Artefakts aus. Sofern Artefakte von Menschen hergestellte materielle Gegenstände (oder Systeme z. B: wie Aquädukte) sind, scheint das jeweilige Herstellungskonzept, die motivierende Intention, wesentlich zu einem Artefakt hinzuzugehören.

Dies arbeitet insbesondere Amie L. Thomasson heraus (4). Sie bestimmt die Gattung der „artifactual kinds“ strikt im Unterschied zu den „natural kinds“ eben aufgrund der mit ihnen verbundenen Intentionen: „metaphysical natures of artifactual kinds are constituted by the concepts and intentions of the makers – crucially apart from natural kinds“. „Thus the sense in which these artifacts and artifactual kinds are human creations does have important consequences for their metaphysics, and for our epistemic relation to them – consequences that mark them as importanly different from the objects and kinds of the natural sciences.“ Für Thomasson fallen somit die proper functions mit den intended functions zusammen. Zudem liegt darin ein privilegierter Wissenszugang der Hersteller (privileged knowledge of the makers) des jeweiligen Artefakts begründet. Auch wenn diese Analyse nicht überall Zustimmung findet, ist hier doch eine (die?) Besonderheit von Artefakten herausgearbeitet, nämlich der unlösbare Zusammenhang konkreter materieller Dinge mit menschlichen Konzepten, Intentionen und Absichten. Artefakte führen ein Design mit sich.

zu c) Von der Seite eines Ingenieurs nähert sich Peter Kroes (5) der Frage, inwieweit das Design von technischen Systemen, bestehend aus unterschiedlichen technischen Artefakten, zu emergenten Eigenschaften des artifiziellen Gesamtsystems führt. Sein Interesse ist geleitet vom „Kontrollparadigma“ innerhalb der engineering practice: Ein Design sollte so gestaltet werden können, dass unerwünschte oder nicht vorhersehbare Auswirkungen im System vermieden werden. Er untersucht den Begriff ‚Emergenz‘ in seiner ontologischen und epistemischen Bedeutung im Hinblick auf technische Artefakte. Entscheidend dabei ist, ob ontologisch emergentes Verhalten eines Gesamtsystems eigene ‚kausale Kraft‘ (causal power) besitzt, oder ob sich das Verhalten kausal auf die physikalische Grundstruktur zurückführen lässt. Dies ist normalerweise der Fall (sein Beispiel: Eigenschaft der Zeitmessung einer Uhr ist auf ihre mechanische Konstruktion kausal zu reduzieren). ‚Starke‘ ontologische Emergenz / Unableitbarkeit („nonpredictable“ and „nonexplainable“) kommt wenn überhaupt nur bei speziellen Phänomenen vor (Quanteneffekte) und hat bei herkömmlichen technischen Artefakten keine Bedeutung. Die häufigste ‚Emergenz‘ nach Kroes ist die epistemische; sie drückt dann das unvollständige oder noch unbekannte Wissen aus. ‚Starke‘ epistemische Emergenz wie bei komplexen Systemen der Selbstorganisation wird durch größere Rechenkapazitäten (Simulationen) oder den Zeitfaktor auf die physikalische Basis zurückgeführt werden können. Auch sie dürfte das Kontrollparadigma nicht infrage stellen und ist darum für engineering practice derzeit kein Problem. Dementsprechend fasst Kroes seine Position folgendermaßen zusammen:

The function of a technical artifact such as a mechanical clock is ontologically emergent on its physical structure in the sense that its function is not a property that may be attributed to its parts and is not realized by the physical structure of the clock. Although ontologically emergent in this sense, the functions of simple technical artifacts have no causal powers of their own. Therefore they pose no threat to the control paradigm of traditional engineering. Ontologically emergent functions (features) with causal powers of their own would seriously undermine that paradigm; such a strong form of ontological emergence, however, does not appear to be very likely. As far as weak forms of epistemic emergence are concerned, they are part and parcel of routine engineering practice and constitute no significant threat to the control paradigm. The functions of technical artifacts as well as the physical phenomena upon which they are based may be weakly epistemically emergent. I argue that it is a mistake to assume that weak epistemic emergence implies unexpectedness and on that ground poses a threat to the control paradigm. Strong epistemic emergence endangers the control paradigm on the grounds that it is incompatible with techniques such as functional decomposition. Whether the extreme complexity of some of the modern technical systems implies a strong kind of epistemic emergence remains to be seen. Without a doubt, the complexity of these systems stretches to the very limit the capabilities of traditional methods of designing and controlling technical systems, stretching them sometimes so far beyond that these methods are no longer applicable. The search by engineers for new principles of design and control appears warranted. However, complexity within systems is not necessarily proof that such systems will display features that are strongly epistemically emergent. For the time being, with respect to the impact of emergence on engineering practice, we may have to revert to the age-old saying Nihil nove sub sole.

a.a.O. S. 289

zu d) Eine allgemeine Fassung des Funktionsbegriffs, der sowohl intentionales als auch nicht-intentionales Design umfasst, legt Ulrich Krohs (6) vor. Er geht davon aus, dass technische Artefakte in soziale Systeme der Nutzer eingebettet sind und damit vom social design mitbestimmt werden. Grundlegend für den Design – Begriff ist die Unterscheidung von intentionalem und nicht-intentionalem Design: Technische Artefakte sind immer intentional, dagegen sind biologische und evolutionäre Prozesse nicht-intentional. Krohs möchte für beides einen allgemeinen Begriff entwickeln. Zunächst unterscheidet er zwischen design und design process, weil unterschiedliche Design-Prozesse zum selben Ergebnis, dem gewünschten Design, führen können. „… we may regard as the design the result of the design process that fixes the designed entity, or, more precisely, the type of the designed entity.“ So bestimmt er Design als „type fixation of a complex entity“, die in jeweiligen token realisiert wird. Diese Definition umfasst sowohl intentionales als auch nicht-intentionales Design wie bei biologischen oder auch komplexen sozialen Systemen – „Design“ aufgrund der ihnen zugrunde liegenden Struktur (DNA) oder aufgrund ihrer Selbstorganisation. Auch hier liegt Typen-Fixierung und somit realisiertes Design vor.

In sozio-technischen Systemen findet Typen-Fixierung auf verschiedenen Ebenen statt. Bei einem industriellen Herstellungsprozess findet sich eine solche Typfixierung auf der Ebene der jeweiligen Komponenten: Geräte und Maschinen, Mensch-Maschine -Schnittstellen, Arbeitsplatzanforderungen und – besetzung usw. Die Typfixierung der Komponenten ist also transitiv hinsichtlich der Typfixierung des sozio-technischen Gesamtsystems. Diese Analyse weist Krohs den Weg zur Definition von „Funktion“, einem der Zentralbegriffe für das Verständnis von Design (sozio-) technischer Artefakte: „a function is a contribution of a type-fixed component to a capacity of a system that is the realization of a design.“ Diese Definition hebt auf die Rolle ab, die eine Komponente innerhalb eines funktionierenden Systems tatsächlich hat, unabhängig davon, ob die Funktion für diese Rolle ursprünglich gedacht war (intention of the maker). Der so definierte Begriff löst sich vom Gegensatz proper function und system function, indem er auf die faktische Rolle einer Komponente innerhalb eines Systems Bezug nimmt.

So a function is the role that a component has according to a design, where it is not asked whether it was designed to have this role. As in the case of the design concept, this concept of function is applicable to functions of components of intentionally designed entities and to functions of components of naturally designed entities. Precondition is only the ascription of design in terms of type fixation.

a.a.O. S. 239

Insofern wird „Funktion“ nicht als Eigenschaft eines Artefakts, sondern als ausschließlich relational realisierte Rolle in einem System gedacht. Der ursprüngliche Designer und seine Absichten kommen nur noch vor als abstrakte intended function. Dieses Verständnis von Funktion und Design macht Krohs‘ Analyse flexibel für die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche und tatsächlichen Vorkommen sozio-technischer Systeme. Der springende Punkt ist jeweils die Typfixierung. Bei hochkomplexen Systemen (Evo-Devo) und Selbstorganisation sozialer Systeme bleibt die Fixierung von Typen allerdings wenig stabil bzw. ist ständiger Veränderung und Anpassung unterworfen, weil die Systeme selbst in fortwährender Anpassung begriffen sind. Genau hier stellt sich dann die Frage, ob noch sinnvoll von Typfixierung gesprochen werden kann, wenn die Typen und tatsächlichen Rollen nur als Token vorkommen und sich als solche in ständiger Veränderung und Anpassung befinden. Letztlich entscheidet die analytische Zuschreibung darüber, was als Design fixiert und was als zufälliger Status „von selbst“ entsteht (evolviert) und vergeht (adaptiert). So fasst Krohs einschränkend zusammen:

– The type fixation that can be found in society will be a highly dispersed patchwork: the designs of related components of a society may originate from completely different sources and may be realized independently rather than in a coordinated way.
– These pieces of design are subject to continuous change, which again may be uncoordinated: in newly designed socio-technical systems, which form components of the society, machines may be used for functions they were never designed for. In the case of type-fixing positions, the individuals who exert these positions may modify the type fixation and by this mediate a deviation of the society from its previous design.
– Societies are, to a high degree, self-organizing instead of assembled according to a plan and may be dependent largely on contingent side-conditions. Therefore, the actual role of a type-fixed technical artifact will often deviate from what its function would be according to any design of a system it belongs to.

a.a.O: S. 243

IV. Ausblick

Der Überblick über wesentliche Themen einer Philosophie der Technikwissenschaften zeigt eine Reihe von Fragestellungen, die zu aktuellen Problemen unserer Welt, zu ihren Strukturen von Technik und Gesellschaft durchaus passen. Ich erinnere an das oben zitierte Motto von Anthonie Meijers: „Technical objects are also material things with social functions.“ Schon Herbert Simon hatte dem social design in seinem oben genannten Buch ein eigenes Kapitel 6 gewidmet: „Social Planning: Designing the Evolving Artifact“. Und zuletzt hat Ulrich Krohs seinen Aufsatz überschrieben: „Co-Designing Social Systems by Designing Technical Artifacts“ und sich, wie dargestellt, mit der Typfixierung von sozio-technischem und gesellschaftlichem Design beschäftigt. Die Ansichten haben sich in den fünf Jahrzehnten seit Simons Werk stark gewandelt, aber nach meinem Eindruck kommt das Thema gesellschaftspolitischer Steuerung in einer digitalisierten, vernetzten und globalisierten Welt gerade wieder stärker auf die Tagesordnung, besonders unter dem Aspekt einer energiepolitischen Wende. Die Frage der Steuerungswirkung einer CO2-Bepreisung (Steuer, Zertifikate) ist derzeit besonders aktuell und zeigt, dass das klima-ökologische Problem eben kein rein technisches ist, sondern eminent sozio-technische Implikationen hat: Wie kann eine Industriegesellschaft so umgestaltet werden, dass sie die naturwissenschaftlich evaluierten Rahmenbedingungen der CO2-Reduktion erfüllt und zugleich Lebensqualität, Prosperität und Wohlstand für alle sichert? Die Aufgabe ist ersichtlich von ungeheurer Komplexität, enthält viel gesellschaftspolitischen Sprengstoff, und ihr Gelingen ist politisch keineswegs gesichert. Gesellschaften evolvieren nicht unbedingt rational und ethisch verantwortbar. Nicht nur der homo oeconomicus ist eine unrealistische Abstraktion, auch der homo politicus ist nicht unbedingt der Rationalität oder gar der Wissenschaft verpflichtet. Wie kann da die Anwendung von social design helfen?

In den 1970er und 1980er Jahren war man da sehr viel optimistischer und vielleicht auch naiver. Besonders H. Simons viele Beispiele aus seiner eigenen politischen Praxis zeigen, wie sehr man in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg auf politische Planung (Marshall -Plan, ERP), auf Städteplanung und landesweite Verkehrsplanung setzte. Die 1960er Jahre waren in Westdeutschland geprägt von der Idee der „Globalsteuerung“ der Wirtschaft (Karl Schiller), das Thema Kybernetik in seiner Anwendung auf gesellschaftliche Projekte beschäftigte die Öffentlichkeit (siehe Karl Steinbuch; Frederic Vester, Das kybernetische Zeitalter, 1974; bis hin zur Cebit ab 1986). Heute spricht man eher von Informatik, Netzwerktheorie, Systemtheorie – oder in den Feuilletons von „Schwarmintelligenz“ oder „Künstlicher Intelligenz“. Aber auch hierbei geht es immer um Steuerung und Gestaltung, also um die Anwendung von Design auf Prozesse sozio-technischer Veränderung. Denn das ist ja gerade das Besondere am „social planning“: das evolvierende Artefakt (Simon) oder System, das heißt die fortwährende Veränderung in Voraussetzung, Ausführung und Nebenwirkung, und damit auch die jeweils notwendige Anpassung des Designs. Ulrich Krohs stellt dazu illusionslos fest:

Social Systems Design (SSD) nevertheless tries to determine a social system exactly on the level of such interactions and mutual relationships between components, and to institutionalize all acceptable interactions within the system. This seems only to work in small systems of cooperative individuals, e.g., in educational systems in a benevolent environment, where, in addition, the number of involved artifacts is very limited and interactions are almost completely social.

a.a.O. S. 242

Und Krohs schließt mit der Feststellung (und ich zitiere hier aus seiner bereits oben angeführten Liste den ersten Punkt):

– The design of a society will always be incomplete. Not all components of the social system will be type-fixed and presumably only a small fraction of them is. Humans do not only exert type-fixed positions (instead, they will engage in numerous different self-imposed tasks), nor are all their acts institutionalized (they will interact as well according to free and deliberate, though bounded, choice). And nothing else would be compatible with human freedom.

a.a.O. S. 242f

Trotzdem sind wir heute ‚aus der Not geboren‘ dazu verpflichtet, ein umfassendes Design zu finden, das die Energiewende ermöglicht und Gesellschaften zu möglichst klimaneutralem Verhalten bringt oder zwingt. Eigentlich hat schon Herbert Simon vor vielen Jahrten sehr weitsichtig einen noch heute gültigen Anspruch für jegliches social planning formuliert – im Grunde einen politischen Auftrag, der heute aktueller ist als je: Unseren Enkelkindern eine Welt mit ebenso viel Offenheit, Chancen und Freiheitsmöglichkeiten zu hinterlassen, wie wir selber sie hatten. Dies zu hoffen bedarf auch heute einer guten Portion Optimismus. Ein entsprechendes Design zu finden liegt in unserer Verantwortung. Mit Herbert Simon gesprochen:

Our age is one in which people are not reluctant to express their pessimism and anxieties. It is true that humanity is faced with many problems. It always has been but perhaps not always with such keen awareness of them as we have today. We might be more optimistic if we recognized that we do not have to solve all of these problems. Our essential task—a big enough one to be sure—is simply to keep open the options for the future or perhaps even to broaden them a bit by creating new variety and new niches. Our grandchildren cannot ask more of us than that we offer to them the same chance for adventure, for the pursuit of new and interesting designs, that we have had.


(1) Ruth Millikan, Language, Thought and other Biological Categories, MA, The MIT Press, 1984; dieselb., White Queen. Psychology and Other Essays for Alice, London and Cambridge, MA. The MIT Press, 1993 [zurück]

(2) Beth Preston, THE FUNCTIONS OF THINGS, A philosophical perspective on material culture, in: MATTER, MATERIALITY AND MODERN CULTURE, Edited by P.M. Graves-Brown, London and New York, 2000 [zurück]

(3) Wybo Houkes, Pieter Vermaas, Actions Versus Functions: A Plea for an Alternative Metaphysics of Artifacts, in: The Monist,vol. 87 no. 1, 2004 [zurück]

(4) Amie L. Thomasson, Artifacts and Human Concepts, in: Creations of the Mind. Theories of Artifacts and Their Representation, ed. by Eric Margolis and Stephen Laurence, Oxford University Press, New York 2007 [zurück]

(5) Peter Kroes, Technical Artifacts, Engineering Practice, and Emergence, in: Functions in Biological and Artificial Worlds. Comparative Philosophical Perspectives, ed by Ulrich Krohs and Peter Kroes, MIT Press, Cambridge and London 2009 [zurück]

(6) Ulrich Krohs, Co-Designing Social Systems by Designing Technical Artifacts. A Conceptual Approach, in: P. E. Vermaas et al. (eds.). Philosophy and Design. © Springer 2008 [zurück]

(Dieser Beitrag wurde angeregt durch ein philosophisches Seminar von Prof. Ulrich Krohs im SS 2019 an der WWU Münster.)

Der Text dieses Beitrags steht auch als E-Book (PDF) zur verfügung.

art.

Gottessehnsucht

 Anthropologie, Naturwissenschaft, Philosophie, Religion, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Gottessehnsucht
Jun 102019
 

Träume in der Wirklichkeit

Ich bin es gewohnt, die Welt naturwissenschaftlich zu betrachten. Im Alltag hat mich vieles die Erfahrung gelehrt. Beim philosophischen Nachdenken über den Alltag hinaus öffnen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften Wege, zwischen Realität und Schein, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden und die Welt außerhalb meiner selbst besser und angemessener zu begreifen. So verschmelzen alltägliche Erfahrung und naturwissenschaftliche Erkenntnis zu einem umfassenderen Weltbild, das ich mir angeeignet habe und das meinen Wirklichkeitssinn prägt.

Natürlich liegen die Dinge beim Erkennen der Wirklichkeit sehr viel komplizierter, als es in wenigen Sätzen ausgesagt werden kann. Jedes Nomen in diesem letzten Satz ist ein problematischer Begriff, der allererst genauer bestimmt werden müsste, um den Sinn des Satzes zu erhellen. Was sind überhaupt ‚Dinge‘ außer mir, und was bedeutet ‚Erkennen‘? Über welche ‚Wirklichkeit‘ kann ich Aussagen machen, die zutreffen und darum einen sinnvollen ‚Satz‘ ergeben? Diesen Fragen widmet sich die Erkenntnistheorie, und es ist gut und wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und die verschiedenen Positionen der Philosophien in Vergangenheit und Gegenwart kennenzulernen und gegeneinander abzuwägen. Dort, wo es gute und plausible Gründe gibt, können eigene Überzeugungen wachsen.

Von ‚Wahrheit‘ ist bisher nicht die Rede, auch nicht davon, die einzig richtige Erklärung eines Sachverhalts zu finden. Zweieinhalbtausend Jahre Geschichte des geordneten Denkens und Erkennens, also der Philosophiegeschichte, haben nicht zu einer einzigen, sondern zu vielen unterschiedlichen Positionen und Erklärungsweisen geführt. Man sollte dies weniger als einen Missstand denn als einen Reichtum ansehen. Die eine einzige Methode, die eine einzige Wahrheit, die eine einzige Antwort oder Lösung auf die vielen Fragen des Menschen gibt es offenbar nicht. Ich muss sagen, ich finde das sehr gut so.

Nun bleibt allerdings keineswegs nur ein resignierter Relativismus oder Skeptizismus übrig. Es gibt durchaus Erkenntnisse und Aussagen, die plausibler sind als andere. Es gibt besonders im Bereich der Naturwissenschaften einschließlich der Biologie einen Bereich des Wissens, der durch sehr genaue Regeln des Vorgehens und der Theoriekonstruktion geprägt ist. Solche Erkenntnisse gewinnen ihre Plausibilität dadurch, dass sie an der Wirklichkeit überprüft werden können. Sie sind überzeugend, wenn zwei methodische Bedingungen erfüllt sind: a) Die Erkenntnisse (Aussagen, Sätze, Gleichungen) sind ‚allgemein gültig‘, das heißt an allen Orten und zu allen Zeiten von jedermann nachvollziehbar. b) Diese Erkenntnisse lassen begründete Voraussagen zu, die durch Erfahrung (Beobachtung, Messung, Experiment) überprüft werden können. Beides zusammen ergibt eine hohe Verlässlichkeit und Plausibilität. Es ergibt aber keine Wahrheit.

Denn welche Wirklichkeit wird dabei erkannt? Wie verhalten sich Beobachter und Beobachtetes zueinander? Was ist Entdeckung, was Zuschreibung und Interpretation? Inwiefern sind Theorien Modelle, die zwar Wirklichkeit erhellen, aber auch verstellen können? Die Geschichte der Wissenschaft ist voller Wege und Irrwege, die einen davor warnen, allzu vollmundig eine bestimmte Erkenntnis als nun allein- und letzt- gültig zu behaupten. „Bis zum Erweis des Gegenteils“, muss stets hinzugefügt werden. Poppers Methode der Falsifikation beschreibt Wissenschaft überhaupt nur als Eingrenzung bzw. Verringerung des Irrtums. Aber auch positivere Haltungen sind möglich, die davon ausgehen, dass Realität zwar nie vollständig, aber doch zunehmend plausibel und begründet, und sei es auch in komplementären Modellen, beschreibbar ist. Naturgesetze und fundamentale Konstanten gelten dabei als unverrückbare Leuchttürme, die der wissenschaftlichen Erforschung einen festen Rahmen geben.

Aber ich muss da aus meiner Sicht gleich einschränken. Alles, was an Erkenntis möglich ist, sind Aussagen / Modelle / Systeme, die jeweils unterschiedliche Beschreibungen eines Sachverhalts darstellen. Manche davon mögen andere auschließen, andere nur ergänzen. Wenn wir Sachverhalte sinnvoll in Sprache fassen – und das müssen wir, wenn überhaupt von Erkenntnis die Rede sein soll, unabhängig davon, wie abstrakt / symbolisch [mathematisch, logisch] oder nahe am alltäglichen Sprachgebrauch die Aussagen formuliert werden – , befinden wir uns stets auf der Ebene der Beschreibung. Man kann dann weiter darüber nachdenken, welche Qualität das Bezeichnende und das Bezeichnete hat, welchen Sinn und Bedeutung einer Sache zukommt, wenn ihr denn überhaupt eine solche zukommt. Das reale ‚Ding‘ hinter der Beschreibung bleibt dem Zugriff des Begreifens letztlich entzogen: Kants „Ding an sich“ ist unerkennbar. Einen Realismus des Erkennens und Beschreibens kann man behaupten, – aber man kann ihn nur behaupten. Insofern sind auch die Naturgesetze, Konstanten und die mathematischen Gleichungen, die sie formulieren, Beschreibungen der Wirklichkeit, wie wir sie methodisch exakt bestenfalls erreichen können. Sie haben höchsten Wert und größte Plausibilität. Aber es sind keine letzten Wahrheiten, keine Enthüllungen der Realität hinter den Beschreibungen.

Gerade so kann ich mich aber an den faszinierenden Ergebnissen und Möglichkeiten der Quantenmechanik, der Genetik und Entwicklungsbiologie, der Kosmologie, des Aufspannens neuer mathematischer Räume und ‚Schäume‘ begeistern. Ich bin fröhlich und zufrieden damit, dass in der Natur, wie wir sie erkennen, alles seine Ursachen und Wirkungen, seine Zusammenhänge und Sprünge hat. Natur außerhalb des Menschen kennt keine Intentionalität, keine Teleologie, kein „intelligent design“, sondern nur Kausalität und Chaos, Determinismus und Fließgleichgewichte, Thermodynamik und einen geheimnisvollen Zeitpfeil, dessen Inhalt die Entropie ist. Oder auch umgekehrt, da streitet die Wissenschaft. Kann ich erkennen, was vor dem Urknall ist, wenn doch mit dem Urknall auch allererst der Lichtkegel unseres Ereignishorizontes entsteht? Fragen darf ich aber schon danach. Kann ich wissen, was jenseits unserer vierdimensionalen Raumzeit existiert – und gibt es da etwas, auf das die Begriffe ‚Existenz‘ und ‚Wissen‘ zutreffen? Ist es plausibel, die Entstehung von Leben als einem allgemeinen Entwicklungsgesetz folgend prinzipiell überall im Kosmos als möglich zu erwarten, oder ist es eine singuläre Erscheinung des Planeten Erde, was anzunehmen der Wissenschaft nicht leicht fiele? Kurzum – auch wenn unser gesichertes Wissen immer begrenzt, möglicherweise widersprüchlich und lückenhaft bleibt, es ist so voller Reichtum und Schönheit, dass man über den forschenden und erkennenden Geist des Menschen nur staunen kann!

St. Petri Soest

Erkenntnis, Wissenschaft ist insofern wie eine unendliche Sinfonie. Sie zeigt Klangfülle, Harmonien, Dissonanzen, aber kein Ende, kein Ziel. Sie lässt Grenzen entdecken – und überschreiten. Aber sie sieht, erkennt, weiß, sagt nie das Ganze. Der erkennende Mensch ist immer ein Teil des zu Erkennenden; es gibt keinen Punkt im Nirgendwo, von wo aus alles ‚einen Sinn‘ ergibt. Vielleicht ist es dies, das mich zu einer anderen, zu einer weiteren Erfahrung führt. Ich kann sie nicht als Konkurrenz, nicht einmal als Ergänzung oder Überhöhung ansehen. Diese Erfahrung ist anders und umfasst und betrifft mich ebenso gänzlich wie mein Streben nach begründeter Erkenntnis. Man kann diese ‚andere‘ Erfahrung gewiss in unterschiedlichen Zusammenhängen machen. Es handelt sich um eine Erfahrung von Ganzheitlichkeit und Vollkommenheit, wie sie mir in der Kunst, in der Musik, in der Religion begegnet.

Ich sitze in einem Kirchenraum. In meiner Vorstellung und auch tatsächlich ist es eine sehr alte Kirche mit den verschiedensten Stilelementen, angefangen bei der Romanik über die Gotik hin zu einer neuzeitlichen (Nachkriegs-) Rekonstruktion, die einen zufriedenstellenden architektonischen Gesamteindruck vermittelt. Ich bin christlich – evangelisch sozialisiert und durchaus religiös ‚musikalisch‘. Ich mag wieder einen schönen Gottesdienst. Ich spreche das Glaubensbekenntnis und stoße mich überhaupt nicht am „Schöpfer des Himmels und der Erde“, auch an der „Jungfrau Maria“ nicht. Lieder und Gebete, Lesungen und Klänge erfüllen den Raum, durch dessen bunte Glasfenster die Morgensonne Bilder leuchten lässt. Ich fühle mich gut aufgehoben und wohl, vielleicht weil ich überhaupt nicht nachdenken muss und will. „Erhebet eure Herzen“ – nein, wir erheben sie nicht, wir werden erhoben zum ‚Herrn‘. Ich habe lange gebraucht, einen Gottesdienst wieder so fröhlich und unbeschwert feiern zu können mit all den Menschen (erstaunlich viel Mittelalter) neben mir und mit mir beim Mahl am Altar. Ich genieße die wundervolle Orgel. Erstaunlicherweise finde ich auch Predigten oft bewegend und gut. Was ist es, das diesen angenehmen Wärmestrom hervorbringt?

Man kann es sehr schnell psychologisch und vielleicht sogar gerontologisch erklären. Kindheitserinnerungen, Gefühl der Geborgenheit, Altwerden. Dieses und noch mehr Erklärliches mag zutreffen, aber es trifft mich nicht wirklich. Es ist tatsächlich eine andere Art Erfahrung des Wirklichen und des Lebens. Ich möchte diese Erfahrung „Gottessehnsucht“ nennen. An klassischen Theologen hat sie vielleicht am deutlichsten Friedrich Schleiermacher formuliert. In diesen religiösen oder musikalischen Erfahrungen werden andere ‚Welten‘ spürbar, Gefühle und innere Bewegungen, die durchaus ‚real‘ sind. Es spielt dafür zunächst überhaupt keine Rolle, ob diesem Gefühl eine äußere Realität entspricht, ob also das geheimnisvolle Ganze, das ich als ‚Gott‘ erfahre, ein Produkt meiner Phantasie oder ein Ergebnis meiner Träumereien ist. Es ist jedenfalls eine Art Sehnsucht nach Ganzheit, Heilsein, Geborgenheit, Versöhntsein mit all dem Übrigen in der Welt. Das Widerwärtige und Widerspenstige bleibt hier draußen, außen vor, und nur so ‚erhoben‘ und getröstet fühle ich mich bereit, all den anderen Erfahrungen von Rationalität und Realität wieder zu begegnen. Vielleicht gibt diese Sehnsucht, die einen Moment lang als gestillt erfahrbar wird, auch die Kraft, die vielen Widerwärtigkeiten und Grausamkeiten, die Hast, Gier, Niederträchtigkeit in der alltäglichen Welt auszuhalten.

Gottessehnsucht ist wie ein Korrektiv. Sie weist auf Fülle und Ganzheit, die sonst nirgendwo zu finden ist. Sie ist eine andere ‚Sinfonie‘ als die ‚Sinfonie‘ der Wissenschaft. Beide stehen in keiner Konkurrenz, weil sie auf ganz verschiedenen Ebenen des Menschseins zu Hause sind. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht, vielleicht lege ich mir das nur passend zurecht. Was wäre daran verkehrt? Die Wirklichkeiten der Welt, die Erkenntnisse und Erfahrungen in Wissenschaft, Philosophie, Religion, Kunst sind alles nur unterschiedliche Weisen des Menschen, ‚das Universum‘ anzuschauen. –
Und vielleicht ist die ‚Gottessehnsucht‘ doch so etwas wie der Cantus firmus. Es ist nur eine Vermutung – aber was können wir schon mehr?

Reinhart Gruhn, zu Pfingsten

Rätsel der Einfachheit

 Mensch, Natur, Philosophie, Wissenschaftstheorie  Kommentare deaktiviert für Rätsel der Einfachheit
Aug 282018
 
Im früheren Beitrag Einheit und Vielfalt wurde schon darauf hingewiesen, dass durch eine Theorienreduktion zwar eine Vereinheitlichung der Wissenschaft angestrebt wird, aber der Begriff Reduktion zugleich unscharf und problematisch ist. Erhard Scheibe hat in seinem Buch „Die Reduktion physikalischer Theorien. Ein Beitrag zur Einheit der Physik“ (1997) die vielleicht gründlichste Aufarbeitung des Begriffs Reduktion für den Bereich der Naturwissenschaften am Beispiel der Physik vorgelegt. Zunächst soll daher das Anliegen seines Buches dargestellt werden.

Einige „Rätsel“ der Natur zeigen eine bisher unverstandene Einfachheit, die offenbar der Einheit und Vielfalt der Natur zugrunde liegt. Wie aber kann der Zusammenhang von Einheit und Einfachheit gedacht werden und was verstehen wir eigentlich unter ‚Natur‘?

I.

In seiner Exposition des Problems stellt Erhard Scheibe das Problem der sogenannten „großen“ programmatischen Reduktionen zum Beispiel der Chemie oder der Biologie auf die Physik fest:

Wiederum würde aber eine Resümierung dieser Ergebnisse als einer Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie die Sachlage eher verschleiern als aufklären. Wie schon im Falle der Mechanisierung der Physik würde eine solche Zusammenfassung der mühsam errungenen molekular-biologischen Erfolge deren nun erreichten wissenschaftlichen Standard durch die Heranziehung von noch nicht hinreichend durchdachter reduktionistischer Begrifflichkeit wieder aufs Spiel setzen. Es ist viel zu unklar, welches bei derart unqualifizierten Reduktionsbehauptungen schon die Reduktionspartner sind, ganz zu schweigen, was unter der jeweiligen Reduktion selbst verstanden werden soll. Schon die generalisierende Analyse von Phänomenen – die Theoriebildung – ist eine Art Reduktion der Phänomene auf eine Theorie. Man kann Sprachen auf andere Sprachen reduzieren, Theorien auf andere Theorien, Gegenstände auf andere Gegenstände, aus denen sie bestehen, – all dies fließt unkontrolliert in die allgemeine Diskussion um diese Reduktionen ein und läßt kaum erkennen, worum es überhaupt gehen soll. [Scheibe, S. 2f.]

Darum möchte Scheibe „die grandiosen Perspektiven, wie sie durch eine Reduktion
der Chemie auf die Physik, der Biologie auf die Chemie oder gar der Psychologie
auf die Physik gegeben sind, zunächst einmal ganz auszuklammern.“ Deswegen beschränkt er sich auf den Bereich der Physik und darin auf eine präzise Durchführung einer „rationalen Rekonstruktion“ des Reduktionsbegriffs, ausgeführt also als „Theorienreduktion, … also Reduktionen, durch die Theorien auf andere Theorien reduziert werden.“ [S. 3]

In diesem inhaltlich auf die Physik eingeschränkten und methodisch rekonstruktionistisch eingestellten Rahmen ist das eigentlich Neue, das den Leser in diesem Buch erwartet, zum einen eine in der Literatur bisher nicht nachweisbare Theorie der Reduktion, also genauer eine Metatheorie der Reduktion physikalischer Theorien, und zum anderen eine besonders ausführliche Exemplifikation des Reduktionsproblems. [S. 3]

Das führt Scheibe zu einer Zweiteilung des Buches, wobei der zweite Teil den ausführlichen Beispielen gewidmet ist – mathematisch und physikalisch sehr anspruchsvoll. Nicht weniger anspruchsvoll ist der erste Teil, in dem er seinen Reduktionsbegriff entfaltet und immerhin mit einigen ausgeführten Beispielen erläutert. Für seine theoretische Rekonstruktion stellt er fest:

Ihre Neuheit besteht darin, daß der sonst übliche Versuch, in den Mittelpunkt einer solchen Theorie einen für alle Einzelfälle verbindlichen allgemeinen Begriff der Reduktion zu stellen, ersetzt wird durch die Auffindung unterschiedlicher, möglichst spezieller, nicht mehr echt zerlegbarer Reduktionsarten, durch deren Kombination  (Hintereinanderausführung) dann weitere Reduktionsarten gebildet werden. [S. 3]

Dieser „synthetische (oder: rekursive) Aufbau des Reduktionsbegriffs“ vermeidet einen vorgängigen Allgemeinbegriff von Reduktion, den es dann auf die Einzelfälle und Beispiele herunterzubrechen und abzuwandeln gelte. Sein mehr induktiver Ansatz führt Scheibe von vornherein zu einem mehrfach gegliederten und in sich differenzierten Begriff von Reduktion und verschiedenen Reduktionsarten. Das „Iterative“ zeigt sich darin, dass zur Beschreibung einer bestimmten Theorienreduktion verschiedene reduktive Schritte unterschiedlicher Arten nacheinander unternommen werden müssen, um den exakten Vorgang der Übersetzung einer Ausgangstheorie in ihre Zieltheorie auch mathematisch korrekt zu beschreiben. Es ist der mühsame Weg über das konkrete Einzelne, um der Genauigkeit einer gewissen Verallgemeinerung willen. „Im übrigen erfolgt der hier bevorzugte synthetische Aufbau des Reduktionsbegriffs unbeschadet der allgemeinen Leitidee, daß eine physikalische Theorie durch Reduktion im Prinzip entbehrlich oder überflüssig oder redundant gemacht wird durch eben die Theorie, auf die sie reduziert wird.“ [S. 4]

Zwei weitere Problembereiche werden benannt und in der Durchführung seiner Arbeit zumindest gestreift oder teilweise erfüllt. Zum einen geht es um den Nachweis, dass physikalische Reduktionen auch einem empirischen Fortschritt darstellen und sich dadurch bewähren müssen. Die Schwierigkeiten zu zeigen, dass eine Nachfolgetheorie „vollinhaltlich“ die frühere Theorie ersetzen sollte, haben bereits Feyerabend und Kuhn 1) unter dem Stichwort „semantischer Inkommensurabilität“ beschäftigt. – Zum anderen verweist Scheibe auf den „Typ einer ontologischen Reduktion“, wenn „die Gegenstände der reduzierten Theorie aus den Gegenständen der reduzierenden in irgend einem Sinne bestehen.“ [S.5] Klassischer Fall dafür ist die Tradition des Atomismus, die sich heute in dem Schichtenmodell der Elementarteilchen wiederfindet. Hier will Scheibe im Konkreten nachfragen und dabei auch prüfen, wieweit „andererseits anti-reduktionistische Vorstellungen von Ganzheit und Emergenz zu rechtfertigen sind“. [S. 5]

Die grundlegenden Reduktionsarten nach Scheibe sind die exakten und die approximativen Reduktionen 2). In zusammengesetzten Reduktionen, also dem Normalfall, kommt exakten Reduktionen (Punkt-zu-Punkt-Ersetzung durch Verallgemeinerungen oder Äquivalenzen 3)) eine besondere Bedeutung zu. Ein Reduktionsverfahren ist allerdings insgesamt approximativ, wenn auch nur auf einer Stufe eine approximative Reduktion vorkommt. Insgesamt decken die approximativen Reduktionen den größten Bereich ab. 4) Eine größere Bedeutung kommt in der Praxis der Physik aber einem Bereich zu, den Scheibe gar nicht mehr den eigentlichen Reduktionen und Erklärungen zurechnet, nämlich dem Bereich der „partiellen Reduktionen“. Hier hinein gehören die Grenzfall-Reduktionen (z.B. Newton-Mechanik als Grenzfall der Quantenmechanik) und all diejenigen Fälle, in denen nur teilweise Reduktionen (micro-reductions) möglich sind. „Es kommt hinzu – und hier geht es, wenn überhaupt, nur noch um eine Konzession an das menschliche Erkenntnisvermögen -, daß in der Entwicklung der Physik eine Theorie durch eine andere ersetzt und wirklich verbessert werden könnte, auch ohne daß sich erstere auf letztere total reduzieren läßt.“ [S. 8]

Ein schönes Beispiel für Scheibes Vorgehen ist sein Modell des geschlossenen bzw. offenen Reduktionsquadrates innerhalb des Gebietes der partiellen Reduktionen.

gschlossenes Reduktionsquadrat

Das geschlossene Reduktionsquadrat

Angenommen Σ und Σ‘ sind die Axiome je einer Theorie T bzw. T‘, und es ist Σ auf Σ‘ approximativ (und total) reduzierbar. Wenn nun eine Aussage β aus Σ und eventuellen Zusatzannahmen ableitbar ist, so wird man vermuten, daß es eine in demselben Sinne aus Σ‘ gewinnbare Aussage β‘ gibt, welche im Lichte der (totalen) Reduktion von Σ auf Σ‘ die Verbesserung von β in Σ‘ ist. Sofern β und β‘ ebenfalls als Axiome selbstständiger Theorien gelten können, wird nun auch β auf β‘ approximativ reduzierbar sein. Und insofern dies gilt, wird Σ auch partiell, nämlich eben durch die Reduktion von β auf β‘ reduziert sein. [S. 207]

 

offenes Reduktionsquadrat

Das offene Reduktionsquadrat der ,echten‘ partiellen Reduktionen

Hier fehlt also die Angabe einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘, und wir erfahren nur, daß ein ,Ergebnis‘ β von Σ auf ein ,Ergebnis‘ β‘ von Σ‘ (approximativ) reduzierbar ist – allerdings auch hier in der Weise, daß β‘ das ,Ergebnis‘ von Σ‘ ist, welches β in Σ entspricht und also zugleich die Verbesserung von β in Σ‘. In diesem Sinne wäre hier Σ auf Σ‘ also nur partiell reduziert, nämlich in Gestalt der Reduktion von β auf β‘ in ihrer Rolle innerhalb Σ bzw. Σ‘. Das Offenlassen einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘ kann den Grund haben, daß man keine kennt, möglicherweise auch den, daß es keine gibt. [S. 212]

Dies offene Reduktionsquadrat als Modell einer partiellen Reduktion führt Scheibe am Beispiel der Reduktion der klassischen Mechanik auf die Quantenmechanik durch. Uns genügt an dieser Stelle der bloße Hinweis. Mit diesem ‚Umweg-Modell‘ des offenen Reduktionsquadrates gelingt es Scheibe, die in der Physik häufig vorkommenden teilweisen oder nur näherungsweisen Reduktionen zu fassen. Es sind Erklärungen, die in der einen (alten) Theorie gegeben sind und besseren Erklärungen entsprechen, die zu einer neuen Theorie führen. In jedem Falle muss die Durchführung exakt erfolgen und mathematisch quasi Zeile für Zeile rekonstruiert werden können. Nur auf diesem Wege gelingt es Scheibe, einen präzise bestimmten Begriff von Reduktionen zu gewinnen – ein aufwendiges, aber lohnendes und überzeugendes Programm. Scheibe zeigt sehr detailliert, was der Reduktionsbegriff in der Physik tatsächlich leisten und was er nicht leisten kann: Er leistet eine fundierte Kombination, In-Beziehung-Setzung und ‚Rückführung‘ von einzelnen, grundlegenden Theorien aufeinander und erweitert, verbessert, verfeinert unser Verständnis physikalischer Gegebenheiten und Erklärungsmodelle. Er leistet dagegen nicht, uns eine einfache Super-Theorie an die Hand zu geben, mit der alles erklärt und verstanden werden kann.

II.

Zweifellos führen Reduktionen zu einer Vereinheitlichung und Vereinfachung naturwissenschaftlicher Theorien, auch wenn die Durchführung im Einzelnen zu mehr Komplexität führen mag (z.B. quantenmechanische versus klassisch mechanische Beschreibung). Zusammenhänge und reduktive Interdependenzen aufzuzeigen und zu belegen, ist schon für sich genommen ein Schritt hin auf eine vereinheitlichte Sichtweise natürlicher Gegebenheiten. Genau aus diesem Grunde übt der Physikalismus solch eine Faszination aus. Dennoch macht Scheibes Darstellung physikalischer Reduktionen klar, dass der Traum vieler Wissenschaftsphilosophen und Erkenntnistheoretiker von einer einfachen, begrifflich klaren Theoriebildung über die Wirklichkeit der Natur eben nur ein Traum ist. Jede neue allgemeine Theorie mag zwar auf der mathematischen Ebene der Beschreibung an Abstraktion und insofern an ‚Vereinfachung‘ gewinnen, auf der semantischen Ebene aber und erst recht auf der Ebene experimenteller Überprüfung wird sie komplexer, differenzierter und eben schwieriger sein. Etwas Ähnliches findet sich auch bei den rekursiven Algorithmen des Maschinen-Lernens („KI“), deren Ausführung von äußerster Komplexität ist, so dass sie kaum mehr wirklich nachvollzogen werden kann. Aber bleiben wir bei der Physik: Was bedeutet es, dass die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Vorgänge in der Natur (Physis) zunehmend komplexer und ambivalenter wird (zum Beispiel bei der Quantenthermodynamik; bei Verschränkung und Superposition), wohingegen die Natur doch als solche, also nicht wissenschaftlich analysiert, sondern alltäglich erlebt, ganz einfach ist?

Auch für den Physiker wird die Beschreibung der Natur dann ‚ganz einfach‘, sofern er sich auf die Gegebenheit von Naturkonstanten bezieht. Fundamental sind im Grunde nur wenige, wenn man die abgeleiteten Fassungen weiterer Konstanten außer Acht lässt, dazu gehören die Lichtgeschwindigkeit, das plancksche Wirkungsquantum, die Gravitationskonstante und die Feinstrukturkonstante. Diese Konstanten sind räumlich und zeitlich unveränderlich und liegen allen Vorgängen in Raum und Zeit zugrunde 5). Zusammen mit der Feinabstimmung (anthopic coincidence) ‚vereinfachen‘ sie die Sicht auf die Vorgänge in unserem Kosmos. Auch das anthropische Prinzip 6) kann zwar als eine erkenntnistheoretische Restriktion verstanden werden, macht aber die Erkenntnis dessen, was in der Natur ist, aus menschlicher Sicht (aus welcher auch sonst?) einfacher. Dennoch aber ist die nicht nur mathematische Abstraktion und Komplexität physikalischer Theorien unermesslich im Vergleich zur alltäglich erlebten und erfahrenen Wirklichkeit der Natur. Man könnte sich fast wundern, dass alles so einfach passiert, was Naturwissenschaftler so umfangreich und kompliziert beschreiben und zu erklären suchen.

Gerade die biologische Natur, die sich als wissenschaftlich äußerst komplex, immer wieder überraschend variationsreich und zum Teil noch unerklärlich erweist, existiert einfach so und hat sich ‚einfach so‘ entwickelt. Zur Bestimmung dessen, was Leben biologisch bedeutet, ist es nötig, von Zellen, Stoffwechsel, Fortpflanzung zu reden. Wir können zwar recht gut beschreiben, was eine Zelle ist und wie sie funktioniert, aber wie es zu dieser Trennung von einem Außen und einem Innen gekommen ist, wissen wir kaum. Man kann den Metabolismus als Etablierung eines Fließgleichgewichtes am entropischen Limit beschreiben (Josef Reichholf) und die Fähigkeit zur Fortpflanzung als evolutionäre Kraft der Veränderung unter den Bedingungen größter genetischer Variabilität und Funktionalität begreifen, – all das steht in keinem Vergleich zur herrlichen Einfachheit der Schlafens und Erwachens, des Essens und Trinkens und der sexuellen Erfüllung. Zum Menschsein gehört gewiss mehr als diese basalen biologischen Grundgegebenheiten, aber ohne sie ist auch alles weitere in der Entwicklung des Geistes und der Kultur nicht möglich. Menschliches Leben ist zunächst einmal von Geburt an das Einfachste, was es gibt – Man lebt, das Baby trinkt an der Brust – , auch wenn die Einbettung in soziale Gegebenheiten sogleich zu etwas Komplexeren gehört: arm oder reich geboren zu sein, krank oder gesund usw. Dass Natur ‚einfach so‘ funktioniert, weckt immer wieder Erstaunen und lässt uns von den „Wundern der Natur“ sprechen. Umgekehrt lässt es erschrecken, wenn durch menschliche Eingriffe scheinbar unbedeutender Art Naturprozesse nachhaltig verändert und uns bedrohlich werden können. Das gilt nicht nur für den Klimawandel. Im Blick auf die gesamte Geschichte der Evolution des Lebens, soweit wir sie überblicken, gilt jedoch zuerst dies: Wäre sie nicht einfach möglich gewesen, gäbe es Natur und Mensch nicht. Uns gibt es aber ganz einfach! Einfach ist hier deswegen das rechte Wort, weil etwas, das faktisch gegeben ist, einfach da ist. Wäre es schwierig oder unmöglich, gäbe es uns nicht oder sogar nichts.

Blumen

Bauerngarten (c) R. Gruhn

Die Einfachheit natürlicher Gegebenheiten von Sonne, Mond und Sternen, Blume, Tier und Mensch hat die Romantiker beflügelt. Das Ideal des „einfachen Lebens“ lässt sich von den Vorsokratikern über die Stoiker bis hin zu den Bio-Anhängern eines ’natürlichen ländlichen Lebens‘ verfolgen. Unsere eigene Erinnerung an die Kindheit mag da, wo sie heil und gut gewesen ist, eben auch die Erinnerung an ein einfaches, unbelastetes und unkompliziertes Leben sein. Dunkle Seiten werden zum Glück leichter vergessen, solange sie nicht traumatisch waren. Der Hinweis auf die Romantik oder auf bestimmte Ideale zeigt aber schon, dass die Wirklichkeit des erlebten Lebens meist gar nicht mehr einfach ist. Individualgeschichtliche Prägungen und soziale Zusammenhänge stellen uns in ein Leben voller komplizierter Verhältnisse und Herausforderungen. Das Einfache wird oft zum reinen Wunschtraum. Das ‚Einfach leben‘ ist überhaupt nicht einfach, wenn man es auf seine Ursachen, Zusammenhänge und naturgegebenen Bedingungen hin untersucht, wie es die Naturwissenschaften umfassend, gründlich und erkenntnisreich tun, und es ist ebensowenig einfach, wenn man es in seinen kulturellen und sozialen Zusammenhängen und Interaktionen betrachtet, immer wieder infrage gestellt von einer ungewissen Zukunft.

III.

In beiden Blickrichtungen erscheint das zunächst Einfache als sachlich komplex bzw. faktisch kompliziert. Die Natur selbst erweist sich bei näherer Betrachtung als äußerst ambivalent. Natur als das dem menschlichen Bereich der Gestaltung Gegenüber- und Entgegenstehende gibt es gar nicht (oder kaum) mehr. Alles, was wir als Natur bezeichnen, ist im Grunde schon kulturell geprägt oder irgendwie anthropoid infiziert. Das gibt dem Ausdruck „Anthropozän“ für unser Zeitalter einiges an Berechtigung. Nur Vulkanismus (und damit verbundene Beben) sowie der weitere extraplanetare Raum sind noch Natur im Sinne von: existieren unabhängig von menschlicher Beeinflussung. Abgesehen davon ist unsere vorfindliche Natur weitgehend Kultur-Natur. Selbst auf Abraumhalden und in Wüsten und an den Polen zeigt sich die Prägekraft des Menschen. Im Klimawandel scheint sich zum ersten Mal eine menschlich verursachte Veränderung global zu manifestieren und global zurückzuschlagen. Die Natur, die wir lieben und gerne aufsuchen, ist der Garten, der Park, der Wald (Forst), in dem es kleine Räume als „Urwald“ geben mag, und auch Präsident Putin präsentiert sich in der sibirischen Taiga nicht mehr im Raum unberührter Natur.

Gerade im Bereich der Forschungen zum Klimawandel zeigt sich die Komplexität der zu untersuchenden Phänomene und der Daten über lange Zeitreihen hin, die insgesamt nur mit Superrechnern simuliert und in Szenarien dargestellt werden können. Naturphänomene wissenschaftlich zu erforschen, bedeutet die Konfrontation mit dieser doppelten Komplexität: komplexe Grundlagen in der theoretischen Basis, komplexe Auswirkungen und Verknüpfungen in dem zu erhebenden Datenbestand. Hier stellt sich das Problem der natürlichen und kulturellen Komplexität in besonderer Weise, sofern für die notwendigen Computersimulationen sowohl hinsichtlich der Ausgangsdaten als auch hinsichtlich der Anwendung der Algorithmen Reduktionen und Eingrenzungen erfolgen müssen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Die Ergebnisse müssen dann erst aufgearbeitet, interpretiert und in einem bestimmten Rahmen dargestellt werden, um verstanden zu werden und an die Öffentlichkeit gelangen zu können. Eine ziemlich radikale Vereinfachung ist nötig, sollen die Forschungsergebnisse für den einzelnen Bürger fassbar und für sein Verhalten relevant erscheinen und für die Politiker instrumentalisierbar umgeformt und als Motivation zum Handeln eingesetzt werden. Wieviel Bohren dicker Bretter hierbei erforderlich ist, zeigt die öffentliche Diskussion fast täglich.

Unser Ausgang war die Frage nach dem Zusammenhang von Einfachheit und Vielfalt. Zugespitzt auf das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität finden wir als Ergebnis, dass es im Grunde komplementäre Perspektiven sind. Wir leben in relativ ‚einfachen‘, will sagen überschaubaren Verhältnissen und Bezügen, weil wir das Leben sonst gar nicht bewältigen könnten. Die Frage nach Ursachen, Zusammenhängen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten führt sofort in ein Feld von äußerster Komplexität hinsichtlich der theoretischen Voraussetzungen und der faktischen Möglichkeiten. Dabei ist ein Rückbezug auf das Einfache, Vereinfachte unabdingbar, soll es zu Verständnis sowie Vernunft und Interessen abwägendem Verhalten kommen. Wenn ein Sachverhalt nicht einfach dargestellt werden kann, ist noch nicht verstanden; wenn eine Handlungsmöglichkeit nicht in einzelnen Schritten operationalisiert werden kann, wird es nie zur beabsichtigen Handlung kommen. Dieses Verhältnis von Einfachheit und Komplexität ist nicht neu und im Grunde auch nicht sonderlich interessant.

Anders sieht es aus, wenn nicht nach Komplexität, sondern nach Vielfalt gefragt wird. Das Vielfältige ist sowohl im Bereich der Theorien und Gründe als auch im Bereich der Ursachen und Praktiken zu finden. Wieviel ‚Einfältiges‘ das Vielfältige beinhaltet, wäre noch einmal eine weitere Frage. Hier reicht die Aussage, dass das Vielfältige das Eine und eben Vieles enthält und Vielfalt ebenso die Voraussetzung wie die Folge von Einheit ist. Leben ist nicht eindimensional, und erst Vielfalt der Lebensmöglichkeiten macht uns als Einzelne zu lebendigen und aktiven Personen. Ebenso ist unser Wissen vielfältig, und jede Wissenschaft lebt davon, viele unterschiedliche Ideen, Anstöße, Modelle, Theorien einzusetzen und zu überprüfen. Wird unser Wissen einfach im Sinne von einfältig, eindimensional, dann ist das Ergebnis Dogmatismus und Stillstand. Ist unser Leben einsam und einfältig, dann verkümmern wir, isolieren uns vielleicht stattdessen in einer Gruppe gleich Einfältiger zu einer Gemeinschaft der Verschworenen: gegen die anderen, gegen die Offenheit, Neuem zu begegnen und Vielfältiges zu lernen. Viele ultrarechte und identitäre 7) Denk- und Verhaltensweisen scheinen mir an dieser einseitigen Einfalt und Angst, an einer ideologischen Vereinsamung und Vereinfachung zu liegen. Dabei ist der Mensch schon in sich selber vielfältig, existiert er doch von Anfang an als soziales, auf andere hin sich orientierendes und erst darin sich selbst konstituierendes Lebewesen (vgl. Volker Gerhard). Darüber hinaus besteht persönliches Leben nur als Leben in fortwährender Veränderung, sowohl für sich selbst als auch in den eigenen sozialen Bezügen. Man lebt verschiedene Leben, sowohl in zeitlicher (diachron) als auch in rollenmäßiger (synchron) Verschiedenheit und Vielfalt. „Wer bin ich und wenn ja wie viele“ (Richard David Precht) hat das in seinem Buchtitel populär auf den Begriff gebracht. Vielfalt ist offenbar die Bedingung dafür, dass sich der Mensch als Person und soziales Subjekt konstituiert und weiterentwickelt. Die Einheit und Einfachheit gilt es immer neu zu gewinnen. Sie ist nicht ‚einfach‘ vorhanden. Vorhanden ist das Viele, die Vielfalt, manchmal auch das Durcheinander. Erst Orientierung im Leben und Ordnung im Wissen, gerade auch durch Reduktionen, bringen in der unübersehbaren Vielfalt der Wirklichkeit das Einfache zutage.

Reinhart Gruhn

 

Anmerkungen

  1. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 1976; Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1973 [zurück]
  2. „Reduktion wörtlich verstanden im Sinne von ,Zurückführung'“ Scheibe S. 38 [zurück]
  3. siehe Scheibe Kapitel IV [zurück]
  4. siehe Scheibe Kapitel V [zurück]
  5. siehe dazu die Diskussion über mögliche Veränderungen dieser Konstanten und über die sog. Feinabstimmung, zum Beispiel bei Wikipedia. [zurück]
  6. „Das anthropische Prinzip besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ Wikipedia [zurück]
  7. Die Bezeichnung „Identitäre“ deckt zwar je nach Ländern unterschiedliche politische Erscheinungen ab, hat aber generell den Selbstbezug des Einzelnen auf sich und das eigene ‚Volk‘ als unveränderbar zum Inhalt. Wikipedia [zurück]

Einheit und Vielfalt

 Geist, Naturwissenschaft, Philosophie, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Einheit und Vielfalt
Jun 012018
 
Seit Langem gibt es das Bemühen, eine „Theorie von allem“, TOE (theory of everything) aufzustellen. Das kann sich im engeren Sinne auf die Physik beziehen, wo darunter eine Vereinheitlichung nicht nur der Teilchenphysik (was als gelungen gelten kann), sondern vor allem der vier Grundkräfte verstanden wird. Die „Weltformel“ spukt dann und wann als Thema des Feuilletons durch die Medien. Sodann gilt es, ganz allgemein gesprochen ‚Relativitätstheorie‘ und ‚Quantenphysik‘ miteinander auszugleichen, was zugleich die Frage nach der Alternative von kontinuierlichem oder diskretem Verständnis der Materie aufwirft. Über die Physik hinaus gibt es aber auch in der Erkenntnistheorie das Streben nach Vereinheitlichung, hier verstanden als Vereinheitlichung der Wissenschaft. Im angelsächsischen Raum ist dies zumeist als Votum für den physikalistischen Naturalismus gemeint. Aber auch der kontinental-europäische Strukturalismus und erst recht das Theorienensemble unter dem Oberbegriff „Systemtheorie“ wollen einen einheitlichen Zugang zur wissenschaftlichen Welterkenntnis bieten. Dem stehen Konzepte des Pluralismus sowohl der Methoden als auch der wissenschaftlichen Grundüberzeugungen gegenüber, teils aus liberalem, teils aus mehr skeptischem Antrieb. Dennoch ist das Streben nach Vereinheitlichung stark und zeigt sich in der lang andauernden Auseinandersetzung mit Reduktionismus-Konzepten insbesondere (aber nicht nur) im Bereich der Hirnforschung im Verhältnis zur Philosophie des Geistes; was Konzepte und Ziele betrifft, geht Letztere gewiss über das hinaus, was enger gefasst unter theory of mind verstanden wird.

Seerose

Seerose (c) R.G.

Was macht die Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Warum sind Menschen bestrebt, eine einheitliche, wissenschaftlich begründete Weltsicht zu präsentieren – einmal vorausgesetzt, es ließe sich überhaupt sachgerecht über „die Welt“ reden (was Markus Gabriel bestreitet). Ist es das rational verständliche Bemühen, Widersprüche zu vermeiden? Widerspruchsfreiheit ist gewiss für die Theorienbildung, für jede Theorie in sich erstrebenswert oder gar notwendig (unter Voraussetzung zweiwertiger Logik), aber ist es ebenso wünschenswert und „notwendig“, ein einheitliches theoretisches Dach zu postulieren oder zu schaffen, unter dem sich alle Theorien anderer Ansätze und Sachgebiete vereinheitlicht und widerspruchsfrei versammeln können? Nun kann ja Vereinheitlichung zunächst als Verbesserung und Korrektur angesehen werden. Der Fortschritt in den Naturwissenschaften vollzog und vollzieht sich mit ganz erheblichen Veränderungen in den Basistheorien, sodass manche älteren Theorien gänzlich verändert und aufgehoben werden. Ein solcher „Paradigmenwechsel“ (Kuhn) ist aber vermutlich seltener als angenommen, denn meist wirken Teile einer alten Theorie in einer neuen fort, umso mehr, wenn die ältere Theorie einen leichteren Zugang zur Erklärung empirischer Befunde im ’normalen‘ Bereich bietet (klassische // relativistische Physik). Die lange Diskussion über Reduktionen zeigt, wie schwierig es ist, überhaupt einen einheitlichen Reduktionsbegriff zu formulieren und an vorhandenen Theorien zu bewähren. Allein im physikalischen Bereich muss man da schon sehr vorsichtig sein ob der Vielfalt der Formen solcher Vereinheitlichungen bzw. Reduktionen (vgl. Erhard Scheibe). Unproblematisch ist es offenbar dort, wo Theorien sowohl in ihren Grundlagen als auch in ihren Auswirkungen auf Anwendungsbereiche Verbesserungen, Verfeinerungen, Anpassungen darstellen. Die Naturwissenschaften in ihren verschiedenen Fächern verfahren da ziemlich pragmatisch und instrumentell, was die Anwendung unterschiedlicher Theorien angeht. Dabei ist es wesentlich, zu unterscheiden zwischen epistemologischen Ansätzen und ontologischen Ansprüchen: Geht es jeweils „nur“ um die Verbesserung, Verfeinerung, Veränderung von Theorien, insbesondere in ihren mathematischen Formulierungen auf der Ebene gedanklicher Konstruktion, oder steht jeweils die möglicherweise dahinterstehende Ontologie zur Debatte, und meint dann Vereinheitlichung nicht nur die der Theorien, sondern die Vereinheitlichung der Wirklichkeit? Dann kommen sehr schnell Weltbilder ins Spiel, die als metaphysische Voraussetzungen und Grundannahmen unausgesprochen Regie führen. „Physikalismus“ meint als Sammelbegriff eben mehr als nur eine Theorienreduktion, der Begriff bezeichnet faktisch die Weltanschauung der Reduktion aller Dinge (der Welt) auf die Grundeinheiten und Axiome der Physik. Eine solche ontologische „Vereinheitlichung“ ist sicher in hohem Maße problematisch und kaum überzeugend darzustellen.

 

Noch einmal: Was macht dennoch die bleibende Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Eine mögliche Antwort hängt damit zusammen, wie sich der Mensch in der Welt verortet, wie er sich ’seine‘ Welt aneignet und wie er mit seiner gedanklichen, geistigen Arbeit Erkenntnis gewinnt und die Welt strukturiert. Dabei ist es zweifellos so, dass der Mensch mit seinem Gehirn denkt und alle geistige Arbeit verrichtet. Strittig wird es erst, wenn Mentales, hier im weiteren Sinne verstanden als geistige Aktivität, auf neurophysiologische Prozesse ‚reduziert‘, womöglich mit ihnen identifiziert wird. Hier reicht es jetzt aus, die unauflösliche Verbindung von Denkprozessen mit Hirnvorgängen festzustellen, ohne weiterhin zu klären, wie das im Einzelnen zu beschreiben ist (z. B. Supervenienz). Stirbt der Mensch, versagt auch das Hirnorgan (für die Feststellung des Todes ist es sogar umgekehrt). Das mit diesem Organ einst Erdachte und Produzierte, sei es gedanklich, sei es künstlerisch, wird weiterexistieren, sofern es in Wort, Schrift, Bild oder Tönen gefasst und aufbewahrt ist. Dies zeigt den Doppelaspekt des Geistigen, dem darum schon im lebendigen Menschen Rechnung zu tragen ist: mit dem Biophysischen verbunden zu sein, aber zugleich eine Eigenständigkeit zu besitzen, die einen eigenen Bereich kennzeichnet. Dieser Doppelaspekt hat Auswirkungen. Einerseits ist das Denken ein Vorgang, der auf neurobiologischen Prozessen, Verbindungen und Strukturen beruht (offen gelassen, wie das „beruht auf“ genauer zu verstehen ist). Dadurch verhält sich der Mensch nicht nur als ein bewusstes Lebewesen, sondern vor allem als ein seiner selbst bewusstes, sich selbst denkendes Lebewesen. Die Strukturen seines Denkorgans, des Gehirns in allen seinen Teilen und Funktionen (Gefühl, Erinnerung, Erwartung usw.), geben also zumindest den Rahmen, vermutlich auch die Strukturen des Denkens selbst weitgehend vor. Wie weitgehend, genau das gilt es näher zu klären. Denn nun kommt der zweite Aspekt des Geistigen ins Spiel: Das Vorgestellte, Gedachte, Erkannte, Gestaltete, Gebildete, ist eine selbstständige Entität. Es sind Erinnerungen, Befürchtungen, Hoffnungen, es sind strukturierte Gedanken über sich selbst (Selbstbilder) und über die Um-Welt (Weltbilder), wobei die Reihenfolge hier vermutlich umgekehrt, zumindest reziprok ist (vgl. V. Gerhard); es sind Vergegenständlichungen in Form von Reflexionen, Betrachtungen und Theorien; es sind Vergegenständlichungen in Formen der Kunst, also in Sprachgeschichten und Gedichten, Bildnissen und Plastiken, in Tönen und musikalischen Kompositionen. Textschrift (Buchstaben) und Tonschrift (Noten) sind dabei die Mittel der dauerhaften Äußerung und Vergegenständlichung, die Kunstgegenstände an sich schon besitzen. Wer lesen kann, dem eröffnet sich die geistige Welt dessen oder derer, die ihre Gedanken und Bilder eben in Worte gefasst und in Schrift umgesetzt haben. Wer Noten lesen kann, dem eröffnet sich die Welt der Klänge und Harmonien schon beim Lesen, wiewohl Kunst mehr als Gedankentexte auf Rezitation und Vortrag angewiesen ist, um zum vollen Ausdruck zu kommen. Über das Verhältnis geistiger Gegenstände in Text oder Ton und Bild(nis) ließe sich noch weit mehr sagen, wir bleiben hier aber noch etwas beim ‚theoretischen‘ Denken selbst.

„Theôria“ bedeutet im Altgriechischen Schau, Betrachtung, hat etwas mit ‚Sehen‘, äußerlich gegenständlich wie innerlich geistig zu tun. Wenn man sich Gedanken macht über etwas, stellt man sich etwas bildlich vor, wie überhaupt Bilder und ‚Karten‘ (maps) vielleicht diejenigen Strukturen sind, die das Gehirn mit dem Gedachten ursprünglich verbinden (A. Damasio). Im Denken meiner selbst befinde ich mich also in einem Zirkel: Das Gehirn mit seinen Strukturen und Prozessen ist das entscheidende Vehikel, mittels dessen ich über meine Umwelt und mich selbst Betrachtungen anstelle und Theorien aufstelle. Insofern sind die Strukturen des Denkaktes zugleich Grundlage und Limit des Gedachten. Das besagt schon der Satz des Vorsokratikers Empedokles: hê gnôsis tou homoiou tô homoiô – Gleiches wird durch Gleiches erkannt (Text bei Aristoteles, De Anima). Vereinfacht gesagt: Wir können nicht mehr und anderes denken, als es unsere Synapsen und Schwingungen der Hirnströme zulassen. Nun kommt aber die Eigendynamik des inhaltlich Gedachten hinzu. Das Gedachte, die Theorie, sei es ‚Betrachtung‘, sei es ‚Spekulation‘, sei es moderne wissenschaftliche ‚Analyse‘, kann und wird jeweils ganz eigene Strukturen erdenken und ausdrücken. Das macht gerade die Kreativität menschlichen Denkens aus, über die eigenen Grenzen hinausdenken zu können, sich selbst zu transzendieren. Ideen, Phantasien, Visionen – all dies sind geistige ‚Gegenstände‘, also das, was das Denken als Gedachtes aus sich heraussetzt. Die Lehre Platons von den Ideen hat das einzigartig formuliert, auch wenn man ihm in Gänze nicht mehr folgen möchte und die Substanz gebundene Form des Aristoteles vielleicht praktischer ist. Entscheidend für unsere Überlegung ist hier, dass sich der Doppelaspekt des Geistigen ambivalent auswirkt: Der Denkakt ist an die Strukturen und Grenzen des neurobiologischen ‚Substrats‘ gebunden, die Gedanken und Ideen können darüber hinausgehen und neue Strukturen und Konstrukte erschaffen – die Voraussetzung dafür, als homo faber tätig zu werden und Gedanken und Theorien ins weltliche Werk zu setzen. Mindestens zwei Fragen bleiben dabei aber offen: 1. Wieweit geht die geistige Unabhängigkeit wirklich? und 2. Welche Illusionen werden dadurch möglich?

Es ist zum Allgemeingut des Wissens geworden, dass soziale Gegebenheiten, insbesondere das soziale Umfeld, den Menschen maßgeblich beeinflussen und mitprägen, und zwar in allem, was er sich vorstellt, denkt und tut. In welchem Ausmaß und in welchen Grenzen das geschieht, braucht hier nicht erörtert zu werden. Da liegt die Vermutung nahe, dass auch unsere biophysische Ausstattung maßgeblich an den Fähigkeiten und Grenzen des Denkens beteiligt ist. Wieweit geht tatsächlich die Fähigkeit, die im Gehirn angelegten Strukturen und Prozesse zu transzendieren, oder andersherum, wie plastisch, anpassungsfähig und wandelbar muss das Gehirn als Denkorgan des Menschen sein, um einen solch plastischen, anpassungfähigen und phantasievollen Menschen hervorzubringen, wie er nun einmal ist? Liegen die Strukturen und Gesetze der Mathematik (zum Beispiel) bereits als Schaltmöglichkeiten im Gehirn vor oder entwickeln sie sich fortwährend eigendynamisch und eigengesetzlich als ‚mathematische Ideen‘ fort? Werden Zahlenverhältnisse entdeckt oder erfunden – oder beides? Platon hatte es einfach, für ihn sind Zahlen und die „platonischen Körper“ Inbegriff der eigentümlichen Ideenwelt. Sind sie das oder sind sie nur ‚genial‘ vom menschlichen Geist konstruiert? In welche Zwickmühlen kann das Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen geistiger Unabhängigkeit (also der Eigenständigkeit der Gedanken, und Theorien) führen, wenn beim Erforschen der natürlichen Welt immer wieder Unvereinbarkeiten auftauchen – zwischen Welle und Teilchen, zwischen Quanten und dem raumzeitlichen Kontinuum, zwischen Wahrscheinlichkeiten, lokalen Kausalitäten und einem wirklichen, nicht-lokalen Zufall (N. Gisin)? Die moderne Physik ist voll von solchen (scheinbaren?) Unvereinbarkeiten, und die Genetik, Neurobiologie und Biophysik stoßen auf überraschend wandelbare Strukturen – mehr als auf festgelegte Funktionen. Welche Konstanten unsere natürliche Welt wirklich beherrschen, ist in der Kosmologie ebenso rätselhaft wie fragwürdig, inwieweit es wirklich Konstanten sind – usw.. Nicht zuletzt ist die genaue Weise der Entstehung des Lebens bisher ebenso unverstanden wie die Art und Weise, in der Physisches und Geistiges tatsächlich interagieren, korrelieren, supervenieren, wie auch immer. Theorien gibt es viele, aber vielleicht auch ebenso viele Widersprüche und Fragezeichen. Wie wird Unvereinbares vereinbar? Die Logik hilft hier in der Epistemologie, aber weniger in der Ontologie. Da wird die Metaphysik wieder lebendig als das, was den fragenden, suchenden, forschenden Geist vor-einnimmt und letztlich immer wieder (unausgesprochen) bestimmt. Die geistige Unabhängigkeit (unsere erste Frage) bleibt also als etwas durchaus Ambivalentes bestehen. So könnte es sein, dass die Wirklichkeit, wie sie sich uns anschaulich (theôria) zeigt und uns forschend und erkennend begegnet, selber in sich ambig, nicht nur ambivalent ist und uns in dieser letzten Ungreifbarkeit und darum auch Unbegreiflichkeit fordert, lockt und – narrt. Dann wäre der Zirkel des sich mittels Gehirn selbst erkennenden Geistes nur das geringste Problem.

Daraus ergibt sich die zweite Frage: Welche Illusionen werden dadurch möglich? Es sind eigentlich nur zwei: die der Überforderung und die der Unterschätzung. Sie hängen zusammen, weil sie nur in zwei unterschiedliche Richtungen zielen. Es wird eine Überforderung des Denkens und jeder möglichen Theorie sein, alles in eins zu fassen. Was so ambivalent ist wie die geistig-physischen Prozesse des Denkens und zugleich so ambig ist wie die ins Visier genommene Wirklichkeit, lässt keine eindeutige Antwort erwarten. Die Suche nach der ‚Weltformel‘ oder TOE ist aus dieser Sicht eine Illusion. Den erkenntnistheoretischen Generalschlüssel dürfte es kaum geben. Es scheint ein Wunschtraum zu sein, angelegt in den Strukturen unseres Denkvermögens, geboren aus der „synthetischen Einheit der transzendentalen Apperzeption“ (I. Kant, siehe unten). Zugleich liegt darin eine Unterschätzung dessen, was wir „Wirklichkeit“ oder „Natur“ im allgemeinen Sinn nennen. Es ist damit nicht gemeint, dass der Mensch sozusagen im letzten Bruchteil einer Sekunde seit dem Entstehen und in einem Wimpernschlag des Bestehens des Kosmos existiert und daraus ein Gesamtverständnis des Kosmos und seiner eigenen Welt und Rolle darin erkennen und beurteilen zu können glaubt. Man könnte dies allenfalls als einen Nebengedanken, als eine zur Bescheidenheit mahnende Beobachtung am Rande, gelten lassen. Bedeutender ist die wachsende Erkenntnis, und zwar ausdrücklich in den Naturwissenschaften selbst, dass das, was man sich darin zu erforschen, zu erklären, zu erhellen, zu begreifen, möglichst auch widerspruchsfrei mathematisch zu beschreiben vorgenommen hat, dass sich dies immer wieder einer letzten Eindeutigkeit entzieht. Man kann das auf das bisher noch unzureichende Wissen oder die jeweilige Vorläufigkeit aller Theorien (bis zum Erweis des Besseren) zurückführen und den Gedanken einer möglicherweise prinzipiellen letzten Ambiguität und also Undurchsichtigkeit der Naturverhältnisse und Naturgegebenheiten als voreilig oder pessimistisch, auf jeden Fall aber als unwissenschaftlich ablehnen. Der Fortschritt schreitet unaufhörlich fort, so ist das wohl. Sowohl erkenntnismäßig als auch technisch wird gewiss noch Ungeahntes möglich werden. Die möglichen Ergebnisse, und zwar alle, bleiben stets so unsicher, wie es jedem induktiven Verfahren eigen ist, und jede Theoriekonstruktion taugt so lange etwas, wie ihre Gültigkeit nicht widerlegt ist (Popper). Insofern gründet sich die zweite Frage nach den möglichen Illusionen zwar auf einer nicht abgesicherten Vermutung, aber dennoch auf guten Gründen.

Das Streben nach Vereinheitlichung einer überwältigenden Vielfalt an Erscheinungen und Theorien ist dem Menschen offenbar eingepflanzt, und das mag auch gut sein. Es hat sich bisher als äußerst produktiv erwiesen, wenn auch produktiv hinsichtlich vieler Sackgassen. Darum ist wahrscheinlich derjenige theoretische Versuch am überzeugendsten, der sich von vornherein Grenzen setzt und sich in seinem begrenzten Feld um größtmögliche Genauigkeit bemüht. Das gilt für den Begriff der Reduktion ebenso wie für jede andere Definition von Begriffen oder Erklärung von Sachverhalten. Zum Glück haben wir dafür zwei ‚Werkzeuge des Geistes‘ zur Verfügung, die es an Vielfalt und Ambiguität mit jeder anderen Wirklichkeit aufnehmen können: Phantasie und Sprache …

Reinhart Gruhn

 


Immanuel Kant über die „Sythetische Einheit der transzendentalen Apperzeption“

Nun können keine Erkenntnisse in uns stattfinden, keine Verknüpfung und Einheit derselben untereinander, ohne diejenige Einheit des Bewußtseins, welche vor allen Datis der Anschauungen vorhergeht, und worauf in Beziehung alle Vorstellung von Gegenständen allein möglich ist. Dieses reine ursprüngliche, unwandelbare Bewußtsein will ich nun die transzendentale Apperzeption nennen. … [Diese] transzendentale Einheit der Apperzeption [stiftet] einen Zusammenhang aller dieser Vorstellungen nach Gesetzen…. [Diese Einheit wäre nicht möglich,] wenn nicht das Gemüt in der Erkenntnis des Mannigfaltigen sich der Identität der Funktion bewußt werden könnte, wodurch sie dasselbe synthetisch in einer Erkenntnis verbindet. Also ist das ursprüngliche und notwendige Bewußtsein der Identität seiner selbst zugleich ein Bewußtsein einer ebenso notwendigen Einheit der Synthesis aller Erscheinungen nach Begriffen, d. i. nach Regeln, die sie nicht allein notwendig reproduzibel machen, sondern dadurch auch ihrer Anschauung einen Gegenstand bestimmen, d. i. den Begriff von Etwas, darin sie notwendig zusammenhängen; denn das Gemüt könnte sich unmöglich die Identität seiner selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen, und zwar a priori, denken, wenn es nicht die Identität seiner Handlung vor Augen hätte, welche alle Synthesis der Apprehension (die empirisch ist) einer transzendentalen Einheit unterwirft und ihren Zusammenhang nach Regeln a priori zuerst möglich macht. (zitiert nach KrV 1. A. tr. Anal. 1. B. 2. H. 2. Abs. 3)

 

 

 

 

 

Das Maß der Vernunft

 Kunst, Philosophie, Religion, Vernunft, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Das Maß der Vernunft
Dez 072017
 
Über das Maß der Vernunft zu sprechen bedeutet, dass Vernunft nicht maßlos ist. Ein Maß ist eine Begrenzung, in diesem Fall eine begriffliche Bestimmung. Vernunft ist nicht alles und jedes, was denkt, weil nicht alles Denken und nicht alle Welt vernünftig ist. Man kann Unsinniges denken, man kann sich etwas ausdenken, man kann sich selbst etwas denken. Denken scheint als Tätigkeit des menschlichen Geistes umfassender zu sein als das, was unter Vernunft verstanden wird. Vernunft ist regelgeleitetes Denken, das Denken aufgrund von Prinzipien und Kategorien (Kant). Man kann mit Kant davon den Verstand unterscheiden als praktische Tätigkeit des Unterscheidens und Urteilens, aber das ist in unserem Zusammenhang nicht wichtig. Einverständnis herrscht darüber, dass die Betätigung des menschlichen Geistes nicht ohne die funktionale Ebene der physischen Basis (Gehirn) geschehen kann. Auch diese Unterscheidung wird jetzt nicht weiter verfolgt. Eine dritte Unterscheidung interessiert mich hier, die zwischen Vernunft und Wirklichkeit. Auch wenn diese mit den vorigen beiden Unterscheidungen zusammenhängt, kann sie zunächst für sich betrachtet werden.

Abgesehen vom alten und neuen Skeptizismus besteht in der heutigen Philosophie, vor allem in ihrer „analytischen“ Ausprägung, Einigkeit darüber, dass sich die Vernunft auf die Wirklichkeit der Welt bezieht. Wirklichkeit wird vor allem auf naturwissenschaftlicher Basis definiert und entsprechend naturalistisch verstanden. Auch dies sei hier zunächst einmal nicht weiter hinterfragt. Die Aufgabe der Vernunft ist es dann, sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten, sie zu erkennen, zu durchdringen, Regeln und Muster zu finden und diese in einer möglichst klaren und eindeutigen Sprache (Mathematik) zu beschreiben, zu „formulieren“. Ferner ist es Aufgabe der Vernunft, über ihre eigenen Verfahren und Regeln (Logik, Sprache) Rechenschaft abzulegen. Wenn man will, kann man auch über die Bedingungen der Möglichkeit des angemessenen Vernunftgebrauchs nachdenken, also über das, was man heute die Metaebene nennen würde und was bei Kant die Bestimmung des Transzendentalen ist. Diese Art einer klar begrenzten Metaphysik ist gerade noch gelitten. Kurz gesagt ist die Vernunft die Basis des wissenschaftlichen Umgangs mit der Welt. Die Frage ist aber, ob die Vernunft der ausschließliche Umgang mit Wirklichkeit ist, ob also ein bestimmter vernünftiger Kanon von Denkweisen und Methoden, wie er in den Wissenschaften verwirklicht ist, auch das Ganze der Wirklichkeit bestimmt, die uns überhaupt irgendwie zugänglich ist.

Man wird schnell einsehen, dass dies nicht der Fall ist. Es gibt viele andere Wege zur Wirklichkeit, beispielsweise über die Emotionen, das „Bauchgefühl“, über Stimmungen, Töne, Tanzen, alle weiteren Sinneswahrnehmungen wie z. B. Düfte, über willkürliche Aneignung von Wirklichkeit, wie sie subjektiven Vorstellungen entspricht (Schopenhauer). Die Kunst, also die Gesamtheit der künstlerischen Tätigkeiten und Gestaltungen der Wirklichkeit, ebenso wie die Religion und ihr transzendenter Weg zur Wirklichkeit und schließlich der Politik mit Erwerb und Verlust von Macht als entscheidender Einwirkungsweise auf die Wirklichkeit sind als wichtigste Bereiche neben der Vernunft zu nennen. Diese Bereiche sind nicht per se unvernünftig, aber jedenfalls eigenständig und folgen nicht in erster Linie den Regeln und Methoden der Vernunft. Die Wirklichkeit, wie sie uns zugänglich ist, reicht also weiter als das, was mit dem Begriff Vernunft begrenzt und bestimmt ist. Man könnte darüber hinaus auch noch an Wirklichkeiten denken, die uns nicht zugänglich sind, über die sich darum auch nichts sagen lässt, die es aber geben kann, die man darum als Grenzmöglichkeiten stehen lassen muss.

Es ist ein verführerischer Weg, die Vernunft, wie sie sich in den Wissenschaften verwirklicht, von vornherein als beschränkt und eingegrenzt anzusehen. Sie droht dann bald in der Beliebigkeit unterschiedlicher Zugänge zur Wirklichkeit zu versinken. So behauptet es die Redeweise vom postfaktischen Zeitalter, als wäre nun, da die Vernunft selbst als korrumpierbar erscheint, alles gleich möglich, wirklich, richtig. Das verkennt die ausgezeichnete Stellung, die der menschlichen Vernunft in Kultur- und Geistesgeschichte zugewachsen ist. Die Vernunft ist das einzige Mittel, das Menschen haben, um ihre Welt und Umwelt methodisch zu erkennen und intersubjektiv zu vermitteln, das heißt, eigene Erkenntnis mitzuteilen und  durch andere infrage stellen zu lassen, und zwar auf dem Boden gemeinsamer, anerkannter Wege und Verfahrensweisen. Dieses aufzugeben kann mit guten Gründen niemand wollen. Bloßer Wille und eigenes Interesse, Machtgewinn und -durchsetzung existieren sehr wohl weithin, ohne auf vernünftige Begründung und Rechtfertigung angewiesen zu sein. Umso mehr ist zur Begrenzung von Macht und Willkür vernünftiges Denken und Argumentieren unerlässlich, wenn der Primat einer humanitären Orientierung der Wirklichkeit (gleiche Würde und Rechte des Menschlichen) bestehen bleiben soll. Wissenschaft ist nicht eine beliebige Option unter vielen gleichwertigen, sondern eine ausgezeichnete, weil die Vernunft selbst zu den ausgezeichneten Eigenschaften des Menschen gehört. Über die Art, die Grundlagen und die Grenzen der jeweiligen Wissenschaft lässt sich dennoch sehr wohl streiten, aber eben als Auseinandersetzung um den besten, weil angemessensten und sachgerechtesten Weg, Erkenntnis zu gewinnen, auf der Basis gleicher Regeln und Verfahren des Vernunftgebrauchs.

Himmel

Die ausgezeichnete Stellung der Vernunft nachdrücklich zu behaupten und zu verteidigen, heißt aber nicht, die Vernunft als den einzigen und allein gültigen Zugang zur Wirklichkeit zu definieren. Das hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es gibt andere Wege, weniger objektivierbare und regelgeleitete, aber oft ebenso intersubjektiv vermittelbar, bisweilen sogar deutlich weitreichender kommunizierbar als der Weg über die Vernunft, Wissenschaft und Sprache. „Musik kennt keine Grenzen“, sagt man, und meint damit genau dies, dass die „Sprache“ der bildenden Kunst oder eben der Musik eine unmittelbare Verbindung der teilnehmenden Menschen in und mit ihrer Wirklichkeit bewirkt. Darüber hinaus kann auf den Wegen der künstlerischen Weltdarstellung mehr und anderes erschlossen werden, als es der wissenschaftliche Zugang zulässt. Intuition, Kreativität, Ahnung, unklare Gedanken und gemischte Seelen- und Gemütszustände können sich hier Ausdruck verschaffen und so auf die Vieldeutigkeit und Ambiguität der Wirklichkeit angemessen Antwort geben. Das meint auch das heute gebrauchte Wort der Resonanz: auf Wirklichkeit und Umwelt anders antworten und eingehen als objektiv, vernünftig, regulär und analytisch. Die für alle Wissenschaft nötige Objektivierung kann in anderen Bereichen und Zugängen der Wirklichkeit gerade hinderlich sein. Gerade nicht erst dann, wenn ich ein Musikstück analysiere, habe ich es genossen, sondern es ist eher umgekehrt: Weil es mich anspricht, mich bewegt, mir eine neue Welt erschließt, kann ich auch das Interesse aufbringen, es weiter zu untersuchen und in seinen besonderen Strukturen zu verstehen und schätzen zu lernen. Dieser zweite Schritt kann sein, muss es aber nicht. Kunst spricht aus sich selber, und für ihre Kommunikation gibt es keine vernünftigen Regeln und Grenzen.

Ein besonderes Erlebnis war ein Konzert von Musikern und Musikerinnen der Musikhochschule Münster. Zu hören, zu sehen und zu erleben, wie sich junge Menschen Musikwerke aneignen, sie umformen und ihren eigenen Ausdruck finden hinsichtlich dessen, was ein Musikstück ausstrahlt, ist eindrucksvoll und schafft eine neue musikalische Wirklichkeit.

In anderer Weise gilt das auch für die Religion. Sie ist mitnichten als ein gesellschaftliches System (Niklas Luhmann) angemessen beschrieben. Religion als derjenige Bereich des Menschlichen, der es mit dem Göttlichen zu tun bekommt, ist ein so wesentlicher eigenständiger Bereich, dass er nicht in der Antithese von Immanenz und Transzendenz erfasst werden kann. In den Religionen vollzieht sich auf sehr unterschiedliche Weise durch Meditation, Tanz, Ritual usw. eine Selbstbeziehung, Selbstbegrenzung und Selbsttranszendierung auf etwas, das den Menschen sowohl einzeln als auch innerhalb einer Gemeinschaft übersteigt. Der Mensch sieht sich konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die sein natürliches Dasein begründen, begleiten und ausrichten kann und die ihn unter, inmitten und jenseits der natürlichen Welt umgibt. Diese vagen Formulierungen deuten an, dass Religion in ihrer jeweiligen kulturellen Ausprägung sowohl innerweltlich (Schamanen, Ahnen) als auch vorweltlich (Traumzeit) und jenseitig (das Göttliche, Gott) und zugleich als Verschränkung dieser drei Dimensionen beschreibbar ist. Jenseitige-Welt-Vorstellungen, wie sie dem christlich-jüdisch- islamischen Religionskreis zugeschrieben werden, sind, falls sie zutreffen, kein exklusives Muster, das als Maßstab dienen kann. Religionen als kulturelle Gegebenheiten sind so vielfältig, dass es schwerfällt, das darin sich äußernde Welt- und Lebensgefühl auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Vielleicht ist es dies, dass sich der Mensch innerhalb seiner natürlichen Welt von einer darüber hinausgehenden Wirklichkeit umgeben und durchdrungen sieht, die sich dem zweckrational-technischen, nur verstandesmäßigen Zugriff entzieht. Als gesellschaftlich geronnene Form mag Religion dann auch soziologisch als System beschreibbar sein und theologisch rational gestaltet werden.

Wie immer man sich selbst gegenüber der Welt der Kunst oder gegenüber der Wirklichkeit der Religion verortet und verhält, positiv, negativ oder indifferent, muss jeder einzelne mit sich ausmachen. Es gibt das bekannte Bonmot, man sei „religiös unmusikalisch“ (Max Weber; Jürgen Habermas, siehe dazu Dirk Kaesler), um eine distanzierte Nähe oder Ambivalenz auszudrücken. Es ist kein Zufall, dass diese Metapher Kunst und Religion verbindet, als sei die Religion mit der Musik und diese mit der Religion vergleichbar oder zusammengehörig. Vielleicht drückt sich darin sehr prägnant aus, wie ‚Vernunftmenschen‘ und ausgewiesene Wissenschaftler bei aller notwendigen rationalen Verpflichtung ihrer Arbeiten doch um eine Grenze wissen, um ein Anderes gegenüber der Vernunft, dessen man teilhaftig sein kann oder nicht, dessen Kraft und Wirklichkeit aber für diejenigen, die religiös oder musikalisch oder beides sind, unzweifelhaft gegeben ist. Genau so verstanden ist Vernunft maßvoll und wirksam, ausgezeichnet als eine der besten Fähigkeiten des Menschen, aber doch nur als eine der vielfältigen Lebensäußerungen, die Kultur und Welt prägen, die den Menschen zugleich einbetten in eine umfassendere Wirklichkeit, die nicht auszumessen und letztlich nicht zu ergründen ist.

Reinhart Gruhn

Feb 162017
 
Wie erlangt man Wissen – und was ist Wissen?

Was ich weiß, ist mir bewusst. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, es wahrnehmen und mir bewusst machen. Ich kann mich auch einer Sache oder Begebenheit erinnern, sie mir ins Gedächtnis rufen und dann aktuell über sie Bescheid wissen. Andererseits kann ich über etwas, das mir widerfahren ist, ein unklares, vielleicht ungutes Gefühl haben. Werde ich dadurch zu einem Verhalten genötigt, ohne es einfach auf sich beruhen zu lassen, muss ich mir klar werden darüber, was ich tun soll. An einem bestimmten Zeitpunkt weiß ich dann, was ich zu tun habe. Oder ich tue etwas, verhalte mich auf einen von außen kommenden Anspruch, reagiere auf ein Wort oder Verhalten, ganz spontan, ohne genau zu wissen, was ich tue und was da eigentlich geschieht. Ebenso kann es passieren, dass ich sehr genau weiß, was ich eigentlich nicht tun oder sagen will, und tue und sage es dann dennoch. Immer hat das, was ich aktuell weiß, mit dem zu tun, was ich einmal erfahren, erlernt, gewusst, getan habe, dessen ich mich erinnere und das nun als aktuelles Wissen nutze, sei es durch Zustimmung, sei es durch Ablehnung. Es folgt daraus ein Verhalten meinerseits, dessen ich mir zumindest in Teilen bewusst bin.

Die Anfangsfrage habe ich damit noch nicht beantwortet, weder was Wissen ist, noch wie ich Wissen erlange. Es scheint einfach da zu sein als etwas, das ich fortwährend brauche, nutze, anwende. Angeeignetes Wissen muss mir aktuell nicht einmal bewusst sein, ich kann morgens die Kaffeemaschine anstellen und gleichzeitig an meinen Tagesplan denken. Die Kaffeemaschine bediene ich unbewusst, weil ich einfach weiß, wie es geht. Wissen wird bewusst, wenn ich es aktuell in einer neuen Situation anwenden muss, wenn es in andere Umstände und Zusammenhänge hinein implementiert werden soll. Bin ich woanders zu Besuch, muss ich vielleicht erst einmal suchen, wo die Kaffeemaschine steht, und herausfinden, wie dieses andere Modell zu bedienen ist. Mein eigenes Wissen fällt mir immer dann auf, wenn es gerade fehlt, wenn ich eine fremde Vokabel nicht verstehe oder irgendwo den Einschalter nicht finde, den ich zur Bedienung brauche. Ich erinnere mich aber dabei an andere Situationen, ähnliche Maschinen, den Satzzusammenhang, in dem die unbekannte Vokabel auftaucht, und kann mein bisheriges Wissen aktualisieren, modifizieren, übertragen, um es in einer veränderten Situation erfolgreich anwenden zu können. Vielleicht kann ich die Bedeutung der neuen Vokabel aus dem Zusammenhang erschließen, ohne – letzte Möglichkeit – im Wörterbuch nachzuschlagen. Aktuelles Wissen stützt sich immer schon auf altes, bereits erworbenes Wissen, das in neuen Zusammenhängen modifiziert, angepasst und erweitert wird. Wissen ist also immer vernetztes Wissen: in Personen, Erfahrungen, Situationen und Gemütszuständen eingebettet. In einer völlig fremden Umwelt oder Situation werde ich mich isoliert und unsicher fühlen, solange ich keine Anknüpfung an vorhandenes Wissen finde, das mir Orientierung und bewusste Reaktion ermöglicht.

Ich kann natürlich auch gezielt etwas Neues lernen wollen, eine andere Sprache, eine Fähigkeit oder Fertigkeit, um etwas Neues bewerkstelligen zu können. Ich kann darüber hinaus greifen und nach dem suchen, was man ‚überhaupt‘ in Erfahrung bringen, sich aneignen und also wissen kann von der Welt, in der man lebt, die sehr viel größer und weiter ist als die Umwelt des täglichen Lebens. Ein Teil dieses Strebens nach umfassenderem Wissen geschieht in der Wissenschaft als einer methodischen Suche nach Zusammenhängen und Erklärungen. Hier tritt besonders der Verstand in Aktion, dessen ordnende und verknüpfende Funktion mir die Muster und Zusammenhänge in der Welt zu entdecken hilft. Wenn es dabei um ein Finden von Wissen geht, das nicht nur mir selber, sondern allen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehen soll, müssen weitere Bedingungen erfüllt sein wie zum Beispiel eine klar definierte Sprache, die Verallgemeinerungen und Abstraktionen erlaubt, Nachvollziehbarkeit für andere verständige Menschen und womöglich Nachprüfbarkeit, sofern es sich um ‚evidenzbasiertes‘ Wissen handelt. Man kann noch weitere oder anders formulierte Kriterien nennen, aber es dürfte hier bereits klar sein, dass Wissenschaft ein sehr komplexes System ist, zumal unter besonderen institutionellen Voraussetzungen, Wissen zu erlangen, zu systematisieren, zu erproben und weiter zu verarbeiten. Wissen erscheint dabei als eine Art Rohstoff, den es zu heben und zu kultivieren gilt.

Es gibt andere Formen des Wissens, die den Verstand einsetzen. Jedes Lernen, vom Kleinkind an, führt zu Wissen, meist in der Form des impliziten Wissens, das aktuell explizit werden kann, wenn ein Können gezeigt werden soll. Der gesamte Alltag ist voll von Wissen, dessen wir uns größtenteils nicht bewusst sind, das wir aber dennoch zur Bewältigung des täglichen Lebens selbstverständlich brauchen und anwenden. Die Beispiele aus dem zweiten Absatz gehören dazu und ließen sich beliebig erweitern. Es kommen dabei aber auch Formen des Wissens ins Spiel, die nicht rational begründet und insofern ‚vernünftig‘ sind. An das oft zitierte ‚Bauchgefühl‘ denke ich dabei noch nicht einmal in erster Linie, aber es weist in die hier in Rede stehende Richtung. Es gibt intuitives Wissen, ‚Gefühlswissen‘, künstlerisches und musisches Wissen, das mehr ’sagen‘ kann, als es ausformulierte wohlbegründete Sätze vermögen. Man könnte darüber streiten, ob es sich hierbei wirklich um Wissen handelt, – und so müssen wir doch eine vorläufige Bestimmung dessen wagen, was Wissen ‚überhaupt‘ ist. Wissen ist das, was mir meine Umwelt strukturiert und erfahrbar macht, was mich zu Aktionen, Verhaltensweisen, Deutungen und Verstehen, zu Ablehnung oder Einverständnis führt, dass es so oder so mit dem oder der sich ‚recht‘ verhält – oder eben nicht. Wissen ist all das, was ich mir  – rational, emotional, intuitiv, musisch – als meine Welt angeeignet habe und was mich in die Lage versetzt, mich zu äußern, mich in meiner Welt zu verhalten, mich zu verständigen, mit anderen Personen und Situationen zu kommunizieren und zu interagieren. Oder traditionell gesagt: Wissen umfasst all meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

Franz Marc

Franz Marc, Die großen blauen Pferde, 1911 (c) wikimedia

Es versteht sich daher von selbst, dass eine Einschränkung der Bedeutung von Wissen auf ‚Wissenschaft‘ eine Engführung ist. Wissenschaft hat nicht das Monopol auf Wissen, sie bietet aber den rational besten, bewährtesten und allgemeinsten Weg, Wissen darzustellen, zu ordnen und zu erweitern. Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl, das eine eigene, nichtrationale Weise des Menschen ist, sich in seiner Welt zu verhalten, Freude und Zorn, Liebe und Hass usw. zu äußern und sich damit zu positionieren und identifizierbar zu machen als einer, der beteiligt ist an dem, was um ihn herum vor sich geht. Die Welt strukturiert sich emotional durch Zustimmung und Ablehnung, die man äußert und die einem widerfährt. Man tritt der Welt mit offenem Herzen gegenüber und richtet sich bisweilen nach dem, was einem der ‚Bauch‘ sagt. Auch hierdurch kann man Erfahrungen machen und persönliches Wissen erwerben, das allerdings nicht immer mit anderen geteilt werden kann.

Offen und oft über alle Sprachgrenzen hinweg gültig ist das in den verschiedenen Kunstformen enthaltene und kommunikativ dargestellte und erfahrbar gemachte Wissen. Nur Poesie und Literatur sind sprachlich gebunden; bildnerische Kunst, Malerei, Musik, Tanz sind Ausdrucksformen eines Wissens, das man als symbolisches Welt- und Kulturwissen bezeichnen könnte. Die ‚Sprache‘ der Musik wird in allen Kulturen und zu allen Zeiten verstanden, wenn auch nicht immer in derselben Art und auf dieselbe Weise. Untersuchungen zeigen, wie die Entwicklung der Kunst dem „neuen Menschen“ im Unterschied zum Neandertaler einen wesentlichen Vorsprung verschaffte, der sein Wissen in verallgemeinernden und symbolischen Formen vermittelbar machte und eine neue Art von Kommunikation ermöglichte [Vorsprung durch Kunst: Das Glück der neuen Menschen, von Nicholas J. Conard, Senckenberg-Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen in: in FAZ 08.02.2017]. Die Felsmalereien in der Höhle von Lascaux ’sagen‘ auch dem heutigen Betrachter etwas, und zwar anderes und mehr als das, was sich außerdem noch paläontologisch darüber erfahren lässt. In den kultisch verwandten Bauwerken von Stonehenge oder Machu Picchu sind Kunstwerke enthalten, die Wissen in symbolischen Formen verarbeitet haben, das darüber hinaus astronomisch – kalendarisch nutzbar war. Insofern könnte es sein, dass das in den Kunstformen enthaltene und kommunizierte Wissen mit all seinen religiösen, symbolischen und emotionalen Bezügen die Grundlage bildete für dasjenige Wissen, dass dann im Laufe der Menschheitsgeschichte mehr abstrakt als rationale Form des Wissens auch die Philosophie und die neuere Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Wissen ist dann zu Recht das alles umgreifende Feld der Weltbewältigung des Menschen – und das heute so dominierende technisch instrumentelle Wissen nur eine Unterform unter vielen anderen und andersartigen Formen des Wissens. Bei der Umgestaltung der natürlichen Umwelt war dieses allerdings besonders erfolgreich.

Wie erlangt man Wissen? Durch Erfahrung, durch Erzählung, durch Lernen, durch Entdecken, durch Ausprobieren, durch Experimentieren, – aber auch durch Stillhalten, durch Hören durch Nachsinnen, durch Betrachtung, durch Anschauung, durch Versenkung, – und schließlich ebenso durch aktive oder passive Mitgestaltung, durch Erprobung und Ausübung von künstlerischen Formen der Lebensäußerung, vom Einstimmen in diese musischen Lebensvollzüge. Wissen ist Macht? Zu allererst ist Wissen die Überwindung der Ohnmacht des Lebewesens Mensch, um mit all seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, zusammen mit anderen Menschen,  in Freiheit, Offenheit und Neugier sich seine Welt anzueignen und aktiv zu gestalten.

Aug 152016
 
Ziele werden nicht zufällig erreicht. Das Finale könnte es als notwendig erweisen, das Mögliche anders zu denken. – 

I.

Das Mögliche einmal anders gedacht? Mal sehen. In der physikalischen Welt scheint es recht einfach zu sein. Ereignisse haben Ursachen. Kräfte, Felder, Massen, was auch immer, wechselwirken und verursachen neue Ereignisse und Zustände. Die Gegenwart ist mit der Vergangenheit und mit der Zukunft fest verknüpft durch die Kausalketten. Das Eintreten mancher Ereignisse oder Zustände kann zwar nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, das ist aber nur eine andere Form des Determinismus. Die physikalische Welt ist demnach kausal geschlossen und deterministisch.

Für die Kosmologie bedeutet das: Aufgrund vorhandener Daten kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Ursprung und das Zustandsbild des Kosmos zu einem x-beliebigen früheren Zeitpunkt geschlossen werden. Dank der Laufzeit des Lichts können Objekte beobachtet werden, deren Alter Einblick in die Frühzeit des Kosmos geben können. Verlängert man die Entwicklungstendenzen des Kosmos in die Zukunft und berücksichtigt man die bekannten Kräfte, Energien und Massen, dann können Szenarien der Zukunft und des möglichen Endes des Kosmos mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Ein Beispiel dafür sind die sehr anregenden und wohl begründeten Überlegungen von Roger Penrose 1) über die „Zyklen der Zeit“. Dass seine Theorien nicht unwidersprochen geblieben sind, zeigt, dass noch zu viele Unbekannte in die jeweilige Prognose für die kosmische Entwicklung eingehen, die durch mehr oder weniger plausible Annahmen ersetzt werden müssen.

Nasa Hubble

NASA’s Hubble Looks to the Final Frontier (c) NASA

Die biologische Welt ist evolutionär bestimmt. Man könnte die Theorie der Evolution als eine Ausweitung der Prinzipien der Kausalität und des Determinismus auf die Entwicklung des Lebendigen ansehen. Die biologische Entwicklung ist demnach durch Mutation und Selektion bestimmt, die eine Anpassung an die jeweils erforderlichen Lebensbedingungen ermöglichen. So ergibt sich ein Verständnis der Evolution als Prinzip des Überlebens der am besten Angepassten (Survival of the Fittest). Die „Synthetische Evolutionstheorie“ erweitert  die klassische Theorie Darwins insbesondere um die Erkenntnisse der Genetik samt aktueller Epigenetik. Durch zufällige Mutation und natürliche Selektion lassen sich kaum Prognosen für zukünftige biologische Zustände treffen, da die Rahmenbedingungen von Umwelt und Populationsentwicklungen allenfalls vage beschrieben werden können. Insgesamt gilt der Prozess der Evolution aber als im Grunde zufällig und schon deswegen im Ergebnis als nicht vorhersehbar, wenngleich er in allen Einzelprozessen (Physik, Chemie, Biologie) als streng deterministisch verstanden werden kann.

In dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften sind die Theorien und Interpretationen ebenso zahlreich, wie die Zahl der Randbedingungen und Einzelgegenstände nahezu unbegrenzt ist. Das Auffinden eindeutiger Ursachen und auch nur ungefährer Voraussagen zukünftiger Verhältnisse und Zustände sind kaum unmöglich. Allenfalls lassen sich Tendenzen aufgrund eines ausgewählten Datenbestandes in Modellen berechnen. Doch wie weit Modell und Wirklichkeit einmal zur Deckung kommen, bleibt unbestimmt und ist eher zufällig. Da sind die kausalen Determinanten der Physik schon sehr viel klarer.

Es wird deutlich, dass in allen angeführten Bereichen der Zufall irgend eine Rolle spielt, wenn nicht eine wesentliche. Der kausalen Geschlossenheit in der Physik scheint eine unvorhersehbare Offenheit tatsächlicher Entwicklungen bei Tier, Mensch und Gesellschaft gegenüberzustehen. Aber ist der Zufall – Zufall? Der Gegensatz zum Zufall ist nicht der Determinismus, weil sich beide durchaus zusammen vertragen. Das Gegenstück ist vielmehr eine zugrunde gelegte Finalität. Dass Kosmos und menschliche Welt auf ein Ziel hin ausgerichtet sein könnten, gilt als ein typisch ideologisches oder religiös bedingtes Produkt des jeweiligen Weltbildes. Das muss nicht so sein. Man muss es nur anders denken.

II.

Bei der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft (einschließlich Politik, Technik, Wissenschaft) wird sich kaum eine Zielgerichtetheit ausmachen lassen. Zu sehr ist hier die Handlungsfreiheit des Menschen ausschlaggebend dafür, welche Richtung sich durchsetzen wird. Dabei wirken in einem Beziehungsgeflecht von steigender Komplexität die unterschiedlichsten Motive und Interessen zusammen. Entscheidungen und Handlungen einzelner mögen rational sein, aber immer wirken zugleich irrationale und emotionale Motive mit. Im Gesamtbild global vernetzter Gesellschaften dürften sich immer wieder chaotische Verläufe erkennen lassen. Wer dort bestimmte Tendenzen am Werk sieht, folgt meist einem internalisierten Weltbild oder einer vorgefassten Meinung über den Fortschritt, ‚Höherentwicklung‘ usw. Auch die gegenteilige Auffassung einer Degeneration ist einem Weltbild verhaftet, in diesem Falle einem negativen. Allerdings hat das schiere Wachstum der Größe der Weltbevölkerung tendenziell qualitative Aus- und Rückwirkungen, die hier nicht zu diskutieren sind.

Anders könnte es im Bereich der Biologie, d.h. der Entstehung des Lebens und seiner Formen insgesamt aussehen. Ob die evolutionäre Entwicklung tatsächlich zufällig verläuft und Bewusstsein ein kontingentes Ereignis ist, scheint mehr eine Glaubenssache als eine gesicherte Erkenntnis zu sein. Manche Philosophen wie Thomas Nagel gebrauchen die Metapher, dass das Universum im Menschen die Augen aufgeschlagen hat und so seiner selbst bewusst geworden ist 2). In dieser Sicht wären zwar nach wie vor die Prinzipien der Evolutionstheorie (Mutation & Selektion) gültig, aber darüber legte sich eine Tendenz, ein bias, die Leben als notwendige Voraussetzung für Bewusstsein ansieht und letztlich das Selbst- und Weltbewusstsein intelligenter Wesen als ein Ziel der Evolution erkennt. Leben und Bewusstsein wären dann nicht mehr kontingente Ereignisse, sondern notwendige Formen der Emergenz, die zu einem geistbegabten Kosmos führen. Diese so spekulativ klingenden Ansichten führen unmittelbar zum kosmologischen Problem des „Anthropischen Prinzips“.

Die Vertreter des „Anthropischen Prinzips“ (AP) sehen sich zwar immer wieder dem Ideologieverdacht oder dem Vorwurf religiöser Vereinnahmung ausgesetzt, wenn sie das Anthropische Prinzip teleologisch interpretieren, aber die nicht-teleologische Interpretation ist ebenfalls so voller spekulativer Annahmen, dass sie kaum als beleghaft gesichert gelten kann. Das AP besagt, „besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ 3). Die Argumentation unterscheidet sich bei verschiedenen Vertretern in „schwache“ und „starke“ Versionen des AP, aber sie laufen knapp gesagt darauf hinaus, dass die Rahmenbedingungen von physikalischem Kosmos und biologischer Evolution so angelegt sind, dass intelligentes, bewusstes Leben emergent entstehen konnte (schwaches AP), wenn nicht gar mit Notwendigkeit entstehen musste (starkes AP) – und dass dies eben kein Zufall war. Die Schwierigkeit der Annahme dieses Prinzips ist es, dass hier unzulässigerweise vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Andererseits – wie anders als auf der Basis des tatsächlichen Lebens mit seiner belegbaren Vorgeschichte kann auf eine faktische Entwicklungsrichtung bzw. Teleologie geschlossen werden? Es ist der Zirkel, in dem jede menschliche Erkenntnis steckt: sich selbst in seiner Geschichte zum Gegenstand der Erklärung und der Erkenntnis zu machen.

Noch kritischer ist allerdings die nicht-teleologische Interpretation des AP zu sehen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt aus der Wikipedia:

Die nichtteleologische Interpretation hat die Intention, als Unwahrscheinlichkeiten empfundene Gegebenheiten in der Kosmologie durch Selektionseffekte bei möglichen Beobachtungen zu erklären, welche durch die zur Existenz des Beobachters notwendigen Bedingungen verursacht werden. Insbesondere zusammen mit Viele-Welten-Modellen oder einem als unendlich (oder zumindest hinreichend groß) angenommenen Universum ist das anthropische Prinzip in der Lage, solche scheinbar teleologisch wirkenden Unwahrscheinlichkeiten nichtteleologisch zu erklären, und hat damit einen ausgesprochen antiteleologischen Charakter. Beispielsweise kann in einem unendlichen Universum mit räumlich variierenden physikalischen Konstanten ein Beobachter nur in solchen Bereichen existieren, und deshalb lokal nur solche Bereiche beobachten, in welchen diese Konstanten bewusstes Leben zulassen. Selbst ein Universum, das überwiegend lebensfeindlich ist, könnte so für einen Beobachter wie „gemacht“ für Leben erscheinen. – Der gegenwärtige Entwicklungsstand der Stringtheorie beinhaltet die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit des Nebeneinander-Existierens sehr vieler naturgesetzlich verschiedener Universen (typische Schätzungen nennen die astronomische Zahl von ca. 10500). Sollte sich diese noch spekulative Möglichkeit erhärten, wäre dies ein starkes Argument für die nichtteleologische Interpretation, eine dieser vielen Welten sei zufällig „lebensfreundlich“.

Der Text spricht für sich: Er enthält pure Spekulation. Das ist als solches nicht zu verurteilen, nur ist eine solche Auffassung um keinen Deut besser oder überzeugender oder beleghaft abgesicherter als die angegriffene teleologische Interpretation. Selbst hartgesottene Materialisten unter den Naturalisten können sich über die Plausibilität von Viele-Welten-Theorien und diverser String-Theorien kaum einigen. Es sind faszinierende (mathematische) Modelle – aber eben Modelle mit spekulativen, d.h. nicht belegbaren Grundannahmen, die ‚idealistischer‘ sind, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Was also spricht sonst noch gegen eine teleologische Interpretation?

Es ist im Grunde die Gleichsetzung einer teleologischen Interpretation mit einem religiösem Weltbild und der These vom „intelligent design“. Hinter dem Telos vermutet man sogleich den göttlichen Schöpfer, und die Lehre (als solche müsste man sie bezeichnen) vom intelligent design gilt als eine pseudowissenschaftliche Theorie des Kreationismus. Nur – wer legt hier fest, was genau ‚wissenschaftlich‘ heißt 4)? Auch die Viele-Welten-Theorie kann man nur ‚glauben‘, auch wenn sie manchen Kosmologen mathematisch plausibel erscheinen sollte. Vielleicht kann aber noch eine andere Ansicht Plausibilität gewinnen. Eine teleologische Interpretation des AP muss nicht zwingend religiös oder kreationistisch sein, – und das AP für sich genommen hat eine Menge Plausibilität, wenn man sich die Details hinsichtlich der Feinabstimmung der Naturkonstanten 5) und der als kontingent schwer verständlichen Entstehung von Leben und Bewusstsein ansieht. Es wäre eine Teleologie zu denken, die nicht von außen als „fremder“, göttlicher Wille übergestülpt erscheint, sondern als eine Finalität, die in der unbelebten und belebten Natur selber enthalten ist.

Aristoteles hat in dieser Richtung gedacht. Er unterschied zwischen Wirkursache (causa efficiens) und Zweckursache (causa finalis), wobei sich Wirkursachen auf Handlungen und Zweckursachen auf Ereignisse beziehen, Man kann die causa finalis auch als Funktion natürlicher Gegebenheiten interpretieren. Aristoteles verankert seine Lehre von den verschiedenen Ursachen ontologisch in seiner Lehre von Substanz und Form. Daraus konnte später eine komplexe theistische Theorie der zielbestimmten Form werden, in der sich der Wille Gottes verwirklicht (→ Scholastik) oder ein lebensphilosophischer Ansatz, wie J.W. v. Goethe ihn formuliert: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Urworte Orphisch). So weit muss man nicht folgen, wie es auch mehr darum gehen sollte, Gedanken des Aristoteles als Denkanstöße aufzunehmen.

Man kann es so denken, dass die Entwicklung von Kosmos und Mensch, vom Materie und Energie, Kräften und Feldern ebenso wie von Lebensformen pflanzlicher, pilzlicher und tierischer Art bis hin zur Entwicklung von Bewusstsein (nicht nur, aber vor allem) beim Menschen einem von Anfang an bestehenden Gefälle folgt, einer Drift, einem bias, der in entgegengesetzter Richtung auch als Attraktor gelesen werden kann. Eine solche Drift muss auch nicht panpsychistisch aufgelöst werden – eine weitere vermeidbare Spekulation. Die Wirklichkeit kann durchaus in verschiedenen Seinsbereichen („Sinnfeldern“ bei Markus Gabriel) interpretiert werden, die nicht monistisch, dualistisch oder universalistisch in einer „GUT“, einer Grand Unifying Theory, zu vereinheitlichen sind. Dennoch könnte man eine solche Drift in verschiedensten Formen in den jeweiligen Seinsbereichen entdecken: energetisch in der asymmetrischen Richtung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik ebenso wie in der Ausbildung eines hochentwickelten reflexiven Bewusstsein aus früheren Stufen der anfänglichen Bewusstheit. Auch die Entstehung des Lebens wäre in dieser Sichtweise nicht einem kontingenten Ereignis des Eintrags kosmischer „Bausteine des Lebens“ und / oder einer zufälligen Emergenz zu verdanken, sondern einer Tendenz von Molekülen und Makromolekülen, sich zu eben diesen Bausteinen des Lebens aus den verschiedensten Eiweißen zusammen zu fügen. Das Datenmaterial, auf das sich die Interpretation stützt, bleibt dasselbe. Der Unterschied zur Ansicht einer zufälligen, willkürlichen Entwicklung besteht darin, dass nun dem Kosmos insgesamt eine Tendenz und Richtung zugesprochen wird, die aus den in ihm enthaltenen Möglichkeiten Notwendigkeiten werden lässt. Leben und Bewusstsein, Quantentheorie und Geistesentwicklung usw. folgen einer gemeinsamen Richtung und Linie, die zu intelligentem Leben in einer intelligiblen Welt führt.

Was nun das angestrebte Ziel betrifft, wenn von einer teleologischen Interpretation mit einer zu entfaltenden teleologischen Ontologie die Rede ist, dann wird man sehr zurückhaltend sein müssen. Nichts ist so unbekannt wie die Zukunft. Ob der Mensch in der jetzigen Form, der Kosmos in seiner heute wahrnehmbaren Gestalt und die Erkenntnis gemäß ihrer heutigen Fähigkeit und Möglichkeit bereits das Ende der Leiter sind, – ob es weitere Leitern gibt oder wir schon dabei sind, auf unserer Leiter abzustürzen, um anderen Lebensformen einen Aufstieg zu ermöglichen, ist unergründlich. Das Telos ist etwas, dem sich eine Entwicklung allenfalls asymptotisch anlehnt, vielleicht tatsächlich, ohne es je zu erreichen. Vielleicht zielt aber „alles“ auch auf das Finale, was auch immer das sein mag und das uns ebenso wenig und genau bekannt ist, wie das, was wir mit dem „Big Bang“ umschreiben. Jedenfalls bleibt eine solche teleologische Interpretation auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Datenmaterials, ohne sich dadurch apriori auf „Zufall“ oder „Materialismus“ festlegen zu lassen. Eine teleologische Beschreibung von Mensch und Kosmos ist zudem wahrscheinlich dem Alltagsverstand viel näher, als es die Abstraktion auf die Wirkung des Zufalls zum Beispiel in der Evolution verlangt.

Wer mag, kann diesen Ansatz, Wirklichkeit anders zu denken, nämlich in einer teleologischen Dynamik als notwendige Realisierung angelegter Möglichkeiten, auch als eine Wiederaufnahme Hegels verstehen. Man kann sie auch theistisch beerben und religiös weiterführen. Diese Interpretation ist in verschiedenen Hinsichten und in unterschiedlichen Richtungen anschlussfähig. Das macht aus meiner Sicht ihre Stärke aus. Ihre Plausibilität gewinnt sie allerdings nur dann, wenn einen die nicht- oder antiteleologischen Verbote nicht schrecken. 6)

 


Anmerkungen

1) Roger Penrose, Zyklen der Zeit. Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums, 2011 [zurück]

2) Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2013, S. 125: „Jedes einzelne Leben bei uns ist ein Teil des langwierigen Prozesses, in dem das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird.“ [zurück]

3) zitiert nach Wikipedia, Anthropisches Prinzip (Fassung 08-2016); vgl. dazu insgesamt Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, 2008 [zurück]

4) vgl. dazu sehr erhellend Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. Eine späte Erwiderung auf Ansgar Beckermann, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2016 / 64(1) S. 20 – 44 „Es ist also nicht so, dass keine empirischen Daten für übernatürliche Phänomene vorlägen, und daher angenommen würde, es gäbe nur „Natürliches“, sondern tatsächlich so, dass Naturalisten aufgrund ihres methodischen Apriori auf natürliche Entitäten und naturwissenschaftliche Erklärungen festgelegt sind.“ S. 26 [zurück]

5) Im Einzelnen zählen hierzu unter anderen die weder mathematisch noch physikalisch in ihren konkreten Werten abzuleitenden Größen der Lichtgeschwindigkeit, des Planckschen Wirkungsquantums und der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante 1/137, ferner das Zusammenspiel der Naturkonstanten in der sogenannten Feinabstimmung. [zurück]

6) Es wäre noch einiges Genauere zu den Modalverhältnissen zu sagen, ebenso bleiben reflexive (sog. „selbstlernende“) und fraktale Systeme unerwähnt, – vielleicht einmal an anderer Stelle. [zurück]

Apr 292016
 
Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit

Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg mehr, der sowohl wissenschaftlich begründet als auch begrifflich – theoretisch konsistent und in seinen Wahrheitsvermutungen gerechtfertigt wäre. Warum ist das so?

1. Seit die neuzeitlichen Wissenschaften wesentlich Naturwissenschaften geworden sind und der Wissenschaftsbegriff mehr oder weniger naturwissenschaftlich geprägt ist, hat ein Axiom nahezu Allgemeingültigkeit gewonnen, nämlich dass der kausal-nomologische Zusammenhang konstitutiv ist für jede Wirklichkeit. Real ist, was in einer Kette von Ursachen und Wirkungen verknüpft und daher in einem bestimmten Rahmen erklärbar und verhersagbar ist. Die notwendige Einschränkung ist deswegen erfoderlich, weil in der tatsächlichen Welt, in der wir leben, jeden Moment eine unüberschaubare Vielzahl von Ursachen wirken, die wiederum eine unübersehbare Vielzahl von Auswirkungen haben. Die von einem Individuum gewollten und geplanten Handlungen sind nur ein winziger Teil aller derzeit an einem Punkt vorhandenen Kräfte und möglichen Auswirkungen. Darum muss die Kausalkette nomologisch geordnet sein, wenn sie für den Beobachter überhaupt einen Wert haben soll. Es müssen Gesetzmäßigkeit und Regularitäten vorhanden sein, die der Kette kausaler Verknüpfungen eine Struktur, eine Ordnung geben. Solche Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund von Theorien und mittels Experimenten innerhalb überprüfbarer, kontrollierter Rahmenbedingungen festgestellt und in die mathematische Form eines Naturgesetzes gebracht. Die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktische Versuchsanordnung („Labor“) sowie das Beobachtungs- und Vollzugsprotokoll sind für das, was dann Naturgesetz genannt wird, konstitutiv. Nur in dieser speziellen Anordnung kommt der kausal-nomologische Zusammenhang der Wirklichkeit hinreichend deutlich zum Ausdruck. Zugleich bestimmt er als axiomatische Grundlage den Rahmen möglicher Ergebnisse und Erkenntnisse. Zeus‘ Donnerkeil gehört definitiv nicht dazu.

2. Es lohnt sich, noch etwas bei dem so mächtigen und wirkungsvollen Begriff des Kausalzusammenhangs zu verweilen. Ist der ‚Kausalnexus‘ selber ein Gesetz? Aber wie wäre er dann unabhängig zu überprüfen? Oder ist Kausalität ein Grundaxiom, das aus der physikalischen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit überhaupt übertragen ist? Was genau wird im Kausalnexus verknüpft? Es sind Tatsachen und Gegebenheiten, Dinge und Kräfte, Beobachter und Rahmenbedingungen, Modelle und mathematische Funktionen bzw. Relationen. Da der Beobachter immer auch Teil der Ausgangsbedingungen ist und damit die jeweilige Theorie (das vorläufige Modell) mit ihren begrifflich-symbolischen Voraussetzungen samt der daraufhin folgenden Auswertung (Interpretation) der erzielten Ergebnisse und ihre Strukturierung in einem mathematischen Formalismus zum Gesamtzusammenhang eines funktionierenden kausalen Nomologismus gehört, kann dieses Vorgehen keineswegs als reine Objektivierung und der Gegenstand der Untersuchung nicht als unabhängiges Objekt angesehen werden. Der kausal-nomologische Zusammenhang entsteht im Zusammenwirken eines intelligenten Subjekts mit bestimmten begrifflich-rationalen Voraussetzungen im Kontakt mit seiner Umwelt und den darin auftauchenden Personen, Gegenständen und Tatsachen, Kräften und Einflüssen. Auch die „Traumzeit“ der Aborigines stiftet einen solchen Zusammenhang, ist aber nicht unbedingt rational-begrifflich motiviert und auch nicht kausal-nomologisch verbunden. Noch einmal: Was ist eigentlich Kausalität? Sie ist wohl weder nur objektiv, auffindbar in der Umwelt, noch nur subjektiv als erdachte Struktur und Gesetzmäßigkeit, sondern eben beides: das Zusammenwirken des Menschen mit den Gegenständen usw. seiner Umwelt auf der Suche nach Zusammenhang, Struktur, Erklärung, Vorhersage und möglichen Handlungsoptionen. Sie ist also beschreibbar als eine differenzierte Wechselwirkung von Mensch und Welt in der Richtung, wie sie schon die vorsokratische Einsicht formuliert: Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt (Empedokles).

Red Rectangle

The star HD 44179 , Hubble, by NASA

3. Wie angedeutet gibt es durchaus Alternativen, das Dasein in der Welt in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nicht-rationale wie die „Traumzeit“ der Aborigines ist eine solche (eigentlich keine Zeit, sondern der präsente Hintergrund der erlebbaren Welt), aber auch die metaphysisch-rationalen Modelle der griechischen oder später der scholastischen Philosophie. Die Voraussetzung der Letzeren war ganz ausdrücklich der Gottesgedanke, weshalb sie sich auch zugleich und vor allem als Theologie verstand. Immerhin galt auch in der Philosophie des Aristoteles schon das Prinzip der Kausalität, nur wurde in der mittelalterlichen Philosophie der „erste Beweger“, also der Anfang der Kausalkette, mit dem christlichen Gottesgedanken identifiziert. In jedem Falle sah man mit Aristoteles eine Notwendigkeit darin, einen ersten Anfang festzusetzen, – die Vorstellung einer unendlichen und unbegrenzten Kette wurde als unvernünftig verworfen. Genau dies gilt aber heute als denkmöglich: die Unendlichkeit der Wirklichkeit ohne Anfang und Ende. Auch der „Urknall“ ist ja nicht wirklich Anfang, sondern allenfalls kosmologischer Beginn unserer aktuellen Raumzeit. Modernes Denken kann die kausal-nomologische Verknüpfung der Wirklichkeit ohne bestimmten Anfang denken, ohne den „Uhrmacher“ (der nach Dawkins eben „blind“ zu sein hat), der den Mechanismus der Welt gestaltet, angestoßen und den zeitlichen Ablauf progammiert hat. Dass dieses Denken dennoch besonders in konservativ-religiösen Kreisen viele Befürworter hat, zeigt die verbreitete Idee des „intelligent design“, noch enger gefasst im Kreationismus. Gleichwohl ist der zeitliche Ablauf in aller Realität kausal und nomologisch verknüpft: An den Naturgesetzen führt kein Weg vorbei. Dabei ist es zumindest verwunderlich, dass rational gesehen das andere Ende der Kausalkette offen und in der Theorie der Evolution (kurz gesagt) dem Zufall überlassen bleibt. So sehr in der Moderne an der „causa efficiens“ (Wirkursache nach Aristoteles) festgehalten wird, sie sogar naturalistisch als „causa materialis“ zur einzig möglichen vernünftigen Ursache erklärt wird, so sehr werden mögliche gestaltende Formen der Kausalität verworfen: keine „causa formalis“, keine „causa finalis“. Warum eigentlich? Hindert es nur der Metaphysik- oder gar Theismus-Verdacht?

4. Teleologie muss keinerlei theistische Verpflichtung einschließen. Es ist durchaus denkbar, eine kausale Verkettung als ein dynamisches System zu verstehen, das einem künftigen Zustandspunkt zustrebt. In der Theorie dynamischer Systeme (einschl. Chaostheorie) nennt man dies einen Attraktor. Thermodynamisch ist der Attraktor so etwas wie ein stabiler Zustand größten Gleichgewichts. Der Begriff Attraktor wäre zu verstehen als eine Finalität, auf die hin sich komplexe dynamische Systeme entwickeln. Kausale Verkettungen in der tatsächlichen Welt bieten schon im Blick auf ihre Herkunft (Vergangenheit) komplex-chaotische Verläufe. Einfache Kausalverbindungen lassen sich nur experimentell, das heißt in begrenzter Zeit mit restringierten Ausgangsbedingungen, eindeutig verfolgen. In der Projektion auf künftige Entwicklung hin nehmen sie die Form von Modellen an, die aufgrund definierter Ausgangsbedingungen und begrenzter zeitlicher Perspektive eine Prognose der Entwicklung errechnen, also einen zeitlich terminierten Attraktor erkennbar werden lassen. Diese Modellierung dynamischer Systeme mit prognostiziertem Attraktor ist weit verbreitet, zum Beispiel in der Klimaforschung, Bevölkerungsentwicklung, in den Gesellschaftswissenschaften usw. Die Attraktoren verändern sich je nach Definition der Ausgangsbedingungen und der Berücksichtigung begrenzter (und darum berechenbarer) Nebenfaktoren. Auch die Evolution ist insgesamt ein solches dynamisches System, allerdings von kaum übersehbarer, wahrscheinlich unendlicher Vielfalt und Komplexität, das einem unbekannten Attraktor zustrebt. Betrachtet man Modelle als einfache Fortschreibung bekannter kausal verknüpfter Ereignisse, bleibt die Prognose weitgehend ‚zufällig‘, also scheinbar ohne bestimmte Richtung. Dynamische Systeme haben aber eine Zielrichtung, die gerade auch unter nichtlinearen, chaotischen Bedingungen angenähert wird. Dreht man die Blickrichtung um, wirkt das erreichte Ziel genau als Attraktor, als Anziehungspunkt der erwarteten Entwicklung. In einer etwas gewagten Übertragung könnte man den Attraktor mit der causa finalis vergleichen. Es kommt da bei Aristoteles noch etwas Wesentliches hinzu: die causa formalis, also die formende Kraft, die eine bestimmte Struktur als Finalität entstehen lässt. Die ‚forma‘ wird meist mit der ‚idea‘  Platons gleichgesetzt, wieweit das zutrifft, sei dahin gestellt. Ich möchte diese platonische Interpretation vermeiden und den Gedanken der ‚Form‘ als eine inhärente Struktur verstehen, physikalisch zum Beispiel die Molekularstruktur, die Wasser zum dem ‚Stoff‘ macht, das es für uns ist. Der Form-Begriff lässt sich nicht nur auf physikalische Strukturen, also Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beziehen (wobei hier die ‚Realität‘ der Elementarteilchen nicht problematisiert wird), sondern auf alle Dinge dieser Welt, die ihre jeweilige Struktur, Eigendynamik und Entwicklungstendenz in sich tragen. Man mag ihre Wechselwirkungen und Zusammenhänge kausal interpretieren, zumindest sind sie dynamisch-chaotisch, was Determinismus nicht ausschließt. Der entscheidende Gedanke aber ist der, inwiefern alle Dinge (!) in ihrer strukturellen Verflechtung (‚Form‘) eine Tendenz in sich tragen, die erst vom Ende als ihr ‚Attraktor‘ erkennbar ist. Man könnte es auch den ‚bias‘ nennen, die Neigung, die auch auf dem Scheitelpunkt einer systemischen Entwicklung eine bestimmte Richtung präferiert. Im Rückblick erscheint der Verlauf stets als eindeutig determiniert. Darum kann auch gelegentlich der evolutionäre Jetzt-Zustand der Welt als ‚zwingend‘ (z.B. durch kosmische Konstanten) auf den Menschen zulaufend verstanden werden. Ob dieses „anthropische Prinzip“ nun eine überzeugende Interpretation des Sachverhalts darstellt, soll hier nicht entschieden werden. Zumindest ist es die Zuspitzung einer bestimmten ‚attraktiven‘ Perspektive. Derselbe Gedanke wird in der Metapher aufgegriffen, die Natur habe im Menschen die Augen aufgeschlagen, sei im Bewusstsein gewissermaßen zu sich selbst gekommen (vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, S. 235, siehe auch den Blog-Beitrag zu Gabriel).

5. Man sieht, es geht hier um ein heikles Thema, das heute wissenschaftlich recht verpönt ist. Das Thema „Panpsychismus“ wird allenfalls mit Fingerspitzen angefasst, wenn nicht überhaupt als verschrobener Spiritismus abgelehnt. Dass er in vielen Kulturen auch heute in der einen oder anderen Form verbreitet ist, könnte allenfalls zu denken geben. Der Begriff selber ist aus meiner Sicht unglücklich, suggeriert einen irrationalen Dualismus, den er doch gerade vermeiden will. Aber auch nur von Teleologie oder einer dynamischen Finalität zu reden, gilt nicht als wissenschaftlich ernsthaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (bekannt von „What is it like to be a bat?“; siehe auch hier im Blog) genau dieses Thema aufgreift und und sich sowohl zum Panpsychismus (ablehnend, Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 93 – 97) als auch zur Teleologie (zustimmend, a.a.O. S. 173 – 180 und öfter) äußert – mit guten Gründen. Es erscheint angezeigt, sowohl die Begriffe nomologische Kausalität als auch Teleologie und Finalität genauer zu bestimmen und konsistent zu denken. ‚Kausalität‘ ist beim näheren Zusehen ein durchaus problematischer Begriff, und formbestimmte (teleologische) Finalität ist weit weniger unvernünftig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Das soll ein weiterer Blog-Beitrag zeigen. Hier sei am Ende ein Absatz von Thomas Nagel zitiert:

Eine Form natürlicher Teleologie, ein Erklärungstyp, dessen Intelligibilität ich im vorangegangenen Kapitel kurz verteidigt habe, wäre eine Alternative zu einem Wunder – entweder im Sinne eines höchst unwahrscheinlichen Glücksfalls oder im Sinne eines göttlichen Eingreifens in die Naturordnung. Die Tendenz, dass sich Leben bildet, könnte ein Grundzug der Naturordnung sein, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird. In Anbetracht der verfügbaren Beweislage erscheint dies als eine zulässige Vermutung. Und sobald es Wesen gibt, die auf Werte reagieren können, wird die ganz andere Teleologie des intentionalen Handelns zu einem Bestandteil des geschichtlichen Bildes und führt zur Erzeugung von neuen Werten. Das Universum ist sich seiner selbst nicht nur bewusst geworden und zu sich selbst gekommen, sondern in manchen Hinsichten fähig, seinen Weg in die Zukunft zu wählen – obgleich alle drei, das Bewusstsein, das Wissen und die Wahl, über eine riesige Menge von Wesen verteilt sind, die sowohl individuell als auch kollektiv handeln. [Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 178]

 

Der Streit um Geist und Freiheit

 Philosophie, Weltbild, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Der Streit um Geist und Freiheit
Apr 032016
 
Streit um den Geist: Markus Gabriel, Ich ist nicht Gehirn. Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. 2015

Der Titel ist griffig, aber erst der Untertitel enthält das eigentliche Programm, eine Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert zu beschreiben, – besser gesagt, zu skizzieren. Gabriels Entwurf ist aufgehängt zwischen einer klaren Absage an einen materialistischen Naturalismus, insbesondere Neurozentrismus, wie er in den vergangenen Jahrzehnten in der wissenschaftlichen Philosophie vorherrschend geworden ist, und dem Bekenntnis zu einer „Philosophie des Geistes“ (und nicht „philosophy of mind“), die das selbstbewusste Ich und seine Freiheit in den Mittelpunkt stellt. Ich nenne es Skizze, weil der überwiegende Teil des gut 300 Seiten umfassenden kleinen Buches der Darstellung und Abgrenzung von jener philosophischen Richtung gewidmet ist, die im Gefolge der Analytischen Philosophie vor allem im angelsächischen Raum die Rede vom ‚Geist‘ durch ‚Bewusstsein‘ (‚mind‘ oder gar ‚brain‘) ersetzt hat. Insofern ist der Titel schon sachlich richtig gewählt und verdankt sich nicht nur einer Aufmerksamkeit heischenden Zuspitzung. Die positive Beschreibung der eigenen ‚Philosophie des Geistes‘ kommt dann doch etwas zu kurz und enthält wenig mehr als „Perspektiven“ (13), Positionen und Andeutung von Linien, die erst noch auszuziehen wären. Da kann und sollte also noch mehr kommen, vermutlich in derjenigen Richtung, die Gabriels Stichwort vom „Neuen Realismus“ aufnimmt und gründlicher entfaltet.

Dass Gabriels Buch mehr als Streitschrift zu verstehen ist, erklärt auch den wenig systema­tischen Aufbau. Nach der thematischen Exposition („Worum geht es in der Philosophie des Geistes?“) behandeln die vier Hauptkapitel nacheinander Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Ich und Freiheit. Die Kapitel bauen nicht eigentlich aufeinander auf, sondern umkreisen das Thema ‚Nicht theory of mind, sondern Philsophie des Geistes‘ mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wobei klar sein dürfte, dass die Fragen nach Bewusstsein, Selbstbewusstsein und Ich so eng zusammen hängen, dass weder eine philosophiegeschichtliche noch eine systematische Darstellung die Themen hier immer klar abgrenzen könnte. So geht es bei ‚Bewusstsein‘ immer auch um die besondere Form des ‚Bewusstseins von sich selbst“, beim „Selbst“ dann auch um das „Ich“, das im Selbst bewusst wird und sich dann in einer bestimmten Weise verhält, zu sich selbst im Modus des Selbstbildes und zur Welt im Modus der Freiheit, zu entscheiden und zu handeln. Alle vier Kapitel sind darum engstens verknüpft, und es stellt sich bisweilen die Frage, warum ein Thema wie zum Beispiel das Stichwort „Naturalisierung eines Phänomens“ und „Reduktionismus“ im Kapitel über das Ich behandelt wird (S. 207 f.), das Stichwort „Physikalismus“ und „Mikrofundamentalismus“ aber im Kapitel über das Bewusstsein (S. 138f.) und der „Monismus“ und „Neuromonismus“ im Kapitel über das Selbst­bewusstsein (S. 160f.). Das wirkt manchmal etwas beliebig, ebenso wie die philosphiegeschicht­lichen Exkurse zu Kant, Hegel und Fichte: Es passt zwar immer dahin, wo es steht, könnte genauso gut aber auch an anderer Stelle behandelt werden. Vielleicht ist das Buch ja aus verschiedenen Vor­trägen oder Vorlesungen hervor gegangen. Jedenfalls wird dadurch die Absicht Gabriels klar, näm­lich sein Gesamtthema in jeweils etwas weiter ausholenden und anders akzentuierenden Kreisen zu umschreiben, kritisch abzugrenzen und auf den Punkt hin zuzuspitzen, auf den es ihn ankommt: den für sich selbst und seine Umwelt in Freiheit verantwortlichen Menschen. Insofern kann das Buch auch als eine Darstellung, vielleicht sogar Abrechnung mit der Hauptströmung einer Philosophie verstanden werden, die sich thematisch, begrifflich und ideologisch an die Naturwissenschaft aus­geliefert habe. Dann könnte man dies Buch durchaus als polemischen Gegenentwurf etwa zu Ansgar Beckermanns „Standardwerk“ der „Analytischen Einführung in die Philosophie des Geis­tes“ (2008) sehen.

Zugleich richtet sich Gabriel ausdrücklich an die breite interessierte Öffentlichkeit, also keines­wegs nur an das akademische Publikum. Das führt einmal zum weitestgehenden Verzicht auf Fach­sprache und zur Erklärung aller wichtigen Begriffe im Text (mit Stichwortregister, ein Glossar fehlt), – das macht das Buch auf essayistische Weise gut lesbar, wenngleich zum besseren Ver­ständnis kaum auf philosophisches Hintergrundwissen verzichtet werden kann: Manche Tücken werden nur en passant berührt (Panpsychismus, Teleologie), andere eher versteckt (zum Beispiel die notwendige Auseinandersetzung mit den Naturgesetzen und der Kausalität). Nun, das Buch ist eben keine philosophische Grundlegung, sondern eine irenische Schrift zur Orientierung und neuen Richtungsanzeige. Dafür muss man dann auch Gabriels Vorliebe für ‚Bilder aus dem Alltag‘ (Essen, Einkaufen usw.) teilen, die zwar der Anschauung aufhelfen wollen, aber oft einfach verspielt und etwas flippig daher kommen, – es macht Gabriel offenbar einfach Spaß, auf TV-Serien und SciFi – Filme zu verweisen, die seinen Gedanken verdeutlichen sollen. Es ist dann eher eine Geschmackssache, ob man diesen saloppen Stil immer gut findet. Schaden tut es nicht, vielleicht hilft es manchmal tatsächlich zum besseren Verständnis.

Gabriel_Ich

***

In seiner Einleitung stellt sich Gabriel mit Nachdruck auf die Seite einer „Philosophie des Geistes“, die mehr ist als nur „Bewusstseins- oder Neurophilosopohie“, weil sie sich mit den „Rätseln“ befasst, die daher rühren, dass Menschen „geistige Lebewesen sind, die ein bewusstes Leben führen“ (11). Dafür möchte Gabriel an alten Einsichten der Philosophie anknüpfen und „neue Perspektiven für die Philosophie des Geistes eröffnen“. „Die Vorgeschichte hilft uns, besser zu verstehen, woher sowohl die echten als auch die Scheinprobleme kommen, die uns beschäftigen.“ (13) Sein Hauptgegner sind dabei die Neurowissenschaften, sofern sie sich als „Naturwissenschaft vom menschlichen Geist“ beschreiben. Sein Ansatz versteht sich dezidiert „antinaturalistisch“, wenn unter Naturalismus das Programm verstanden wird, „alles, was es gibt, naturwissenschaftlich zu erklären“ (14). De facto verbindet sich der Naturalismus mit einem Materialismus, der per defi­nitionem ausschließt, dass es eigenständige immaterielle Wirklichkeiten gibt wie Kunst, Religion, Moral und alltägliche Gegebenheiten wie Freundschaft und Liebe. Die Sozial- und Geistes­wissenschaften erstrecken sich auf kulturelle Bereiche, die sich dem Axiom des Naturalismus ent­ziehen: Wissenschaft = Naturwissenschaft – und der Rest ist Aberglaube (Dawkins). Im heute viru­lenten „Neurozentrismus“ („gepaart mit Evolutionsbiologie“) erkennt Gabriel eine irregeleitete „Allmachtsphantasie“, die davon ausgeht, „ein geistiges Lebewesen zu sein, bestehe in nichts weiterem als in dem Vorhandensein eines geeigneten Gehirns …: Ich ist Gehirn.“. Dagegen Gabriel: „Ich verneine dies und komme so zur kritischen Leitthese dieses Buchs: Ich ist nicht Gehirn!“ (21) Nicht nur die Geschichte der Philosophie des Geistes spricht gegen den „Neurokonstruktivismus“ (23), sondern auch das Scheitern des Programms einer „Dekade des Gehirns“ (Human Brain Project; 20; 24; 34). Es bleibt statt dessen die schlichte Erkenntnis, dass das Gehirn zwar eine not­wendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für bewusstes geistiges Leben ist.

„Mein Ziel ist die Verteidigung eines Begriffs geistiger Freiheit.“ (25) Die Begriffe und Schöp­fungen einer „jahrtausendelangen Geistes-, Kultur- und Sprachgeschichte“ (26) lassen sich nicht im Hirnscan ‚naturalisieren‘, das heißt auflösen. Besonders der Existenzialismus (Sartre, Kiekegaard; Gabriel spricht aktuell von Formen eines „Neo-Existenzialismus“) hat die Freiheit des Menschen, sich selbst zu entwerfen, bedacht. Der Mensch entwirft (wahre und falsche) Selbstbilder von sich und seiner Umwelt. „Der Mensch ist dasjenige Wesen, das sich eine Vorstellung davon macht, auf welche Weise es in Wirklichkeiten eingefügt ist, die weit über es hinausgehen. Deswegen entwerfen wir Gesellschaftsvisionen, Weltbilder und sogar metaphysische Glaubenssysteme, die uns alles, was es überhaupt gibt, in einem gigantischen Panorama verfügbar machen sollen. Soweit wir wissen, sind wir die einzigen Lebenwesen, die dies tun…“ (31f.) In diesem Zusammenhang zeigt sich bei Gabriel ein ausgesprochen aufklärerisches Interesse, nämlich „den Raum unserer geistigen Frei­heiten auszuleuchten, anstatt an seiner Verdunkelung durch die Marginalisierung der Geistes­wissenschaften in der Öffentlichkeit demokratischer Gesellschaften weiterzuarbeiten.“ (32) Ange­sichts „bemerkenswerter Rückschritte auf dem Gebiet der Selbsterkenntnis“ im Bewusstsein der Freiheit (Gabriel denkt insbesondere an digitale Überwachung und pharmakologische Kontrolle) gilt festzuhalten: „Ideologiekritik ist eine der Hauptfunktionen von Philosophie im gesellschaft­lichen Zusammenhang“ (36).

Gegen „Neuromanie“ und „Darwinitis“ setzt Gabriel die These, dass Selbsterkenntnis nicht gelingen kann, wenn geistige Fähigkeiten und Wirklichkeiten auf Hirnfunktionen reduziert werden. Das zeigt schon die Philosophiegeschichte, die sich dieser Frage unter dem Titel „Leib-Seele-Problem“ genähert hat. Heute wird darüber hinaus mit David Chalmers das „harte Problem des Bewusstseins“ angegangen mit der Frage, wie es in einem kalten, toten Universum Leben und Selbstbewusstsein geben könne. Weder die früheren noch neuere Antworten auf beide Fragenkreise sind bisher befriedigend geklärt, schon gar nicht durch die Identifizierung von Geist und Gehirn. Vielmehr ist die Vielzahl von geistigen Vermögen und Selbstdeutungen des Menschen der Weg „positiver Selbsterkenntnis“: „Der menschliche Geist macht sich ein Bild von sich selbst und bringt dadurch eine Vielzahl geistiger Wirklichkeiten hervor. Dieser Vorgang hat eine geschichtlich offene Struktur, die sich nicht in der Sprache der Neurobiologie fassen lässt.“ (45) So möchte Gabriel die „Geschichtlichkeit unserer Selbstbilder“ als begriffliche Geschichte des „Bildes [beschreiben], das sich der menschliche Geist von sich selber macht“ (46), – eben „Geistesgeschichte“, und dies kann er durchaus mit Hegel als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ begreifen. Damit ist die Auf­gabenstellung seines Buches umrissen.

***

Der Inhalt der folgenden Kapitel mit der eigentlichen Ausführung der Themenstellung soll hier nicht durchgängig referiert werden. Gabriel selbst gliedert die Kapitel in Unterpunkte, deren Überschriften in der Inhaltsübersicht aufgeführt werden. Sie geben eine Orientierung, auch wenn der Autor seiner Freude an witzigen Formulieren gerne nachgibt und nicht immer gleich ersichtlich ist, was denn in diesem oder jenem Unterkapitel verhandelt wird – was soll man sich schon unter „Vom Pubertätsreduktionismus zur Toilettentheorie“ vorstellen?

Gabriel kann zwar nicht das Versprechen eines umfassenden philosophischen Entwurfs in Form einer aktuellen Philosophie des Geistes einlösen, aber das war auch gar nicht seine Absicht. Erklärtes Ziel ist „eine Verteidigung der geistigen Freiheit“ (Buchhülle). Dies gelingt ihm auf eine beeindruckende Weise, auch wenn man nicht allen Gedankengängen und Argumentationen ausnahmslos folgen möchte. Die Auseinandersetzung mit einem auch teleologischen Weltverständnis, das nicht sogleich theologisch interpretiert werden müsste (siehe Aristoteles) gerät aus meiner Sicht zu kurz. Dem Physikalismus das Feld der unhinterfragbaren Kausalität zu überlassen, erscheint mir vorschnell, sowohl aus metaphysischen als auch aus quantenphysikalischen Gründen. Nagels Mahnung in dieser Sache wäre ernster zu nehmen.

Sodann bleibt auch bei Gabriel, bei aller gegenteiligen Behauptung, das Verhältnis von physikalischer Welt (nicht nur physikalistischer Weltsicht) und geistiger Beschreibung und Interpretation unzureichend erklärt. Naturgesetze fallen nicht vom Himmel, und die mathematische Struktur des Universums bleibt ein ungelöstes Rätsel, um das sich bereits Platon bemüht hat – mit seiner bekannten Antwort. Wieviel ‚subjektiver Standpunkt‘ ist auch im ‚Naturgesetz‘ (was genau ist das eigentlich?) enthalten? Das würde zu einer ‚Philosophie der Naturwissenschaften‘ führen oder besser: zu einer wissenschaftstheoretischen Klärung der Bedingungen von Wissenschaften, ihrer Axiomatiken und Sprachen überhaupt. Es wäre genau auszubuchstabieren, was es für den Begriff von Wirklichkeit bedeutet, so gefasst zu werden wie es Gabriel vorschlägt, nämlich „in einem Sinnfeld [zu] erscheinen“. Dies ist ja die komplementäre Aussage Gabriels zu dem hier im Buch von ihm wiederholt zitierten Satz, „dass es die Welt nicht gibt“. Gerät dann die Geschichte des Geistes nicht auch nur in ein weiteres und recht beliebiges „Sinnfeld“, das es ja auch für Märchen, Träume, Phantasien gibt (wie das ‚Einhorn‘)? Vermutlich hat Gabriel diesen Seitenblick hier vermieden, weil er sich mit dem Ziel seines Buches allzu sehr stoßen würde. Sein Buch aber ist eine engagierte Streitschrift, die zu lesen und nachzuvollziehen alle Anstrengung wert ist, die viel Recht auf ihrer Seite hat und die einfach – Spaß macht!

[Eine längere Fassung dieser Rezension kann man als PDF downloaden: Streit um Geist und Freiheit.]

[Eine „schwindelerregende“ Kritik des Gabriel-Buches gibt es von Michael Pauen in der Zeit.]

Zahlen – Spiele

 Erkenntnistheorie, Philosophie, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Zahlen – Spiele
Feb 262016
 

Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie des Geistes bekommt neue Aktualität aus einer veränderten Perspektive. Es ist die Perspektive einer Philosophie der Mathematik. Die ontologische Frage, was Natur und Zahl eigentlich verbindet, erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ.

Manch einer, der des Streites über ‚Materie‘ und ‚Geist‘, über analytische oder hermeneutische ‚Metaphysik‘, über Naturalismus und / oder Idealismus überdrüssig ist, könnte versucht sein, seine Zuflucht in der Mathematik zu suchen. Die Mathematik steht bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles, Pythagoras) ebenso hoch im Kurs wie bei Naturalisten und analytischen Philosophen, und uneinig ist man sich bei Letzteren allenfalls in der Bewertung der Logik bezogen auf die Mathematik: ob etwa alle Mathematik in der Logik ihre Basis habe oder ob die theoretische Mathematik ein eigenständiges ontologisches Feld bearbeitet, – aber welches? Es geht in ihr um Zahlen, um Messen, um Mengen. Was sind eigentlich Zahlen? Wie verhalten sich Zählen (Analysis) und Messen (Geometrie) zueinander? Und was tragen dann noch die Mengen aus, vor allem, wenn es interessant werden soll, die unendlichen Mengen? Wieweit ist die Mathematik überhaupt auf Anschaulichkeit und natürliche Referenzen angewiesen, also auf „Konstruierbarkeit“ ihrer Theoreme? Wie steht es mit der Axiomatik, ohne die keine mathematische Theoriebildung möglich ist? Und die letzte, vielleicht wichtigste Frage: Wie verhalten sich Mathematik und Empirie zueinander, wie ‚Zahl‘ und ‚Natur‘? Immerhin, so lesen wir bei Galileo Galilei, sei das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben, und die Ergebnisse der experimentellen Physik lassen sich ohne die mathematischen Kalküle gar nicht beschreiben geschweige denn verstehen. Ein Naturgesetz wird durch eine Gleichung, einen Algorithmus fassbar. Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft unerlässlich – gilt dasselbe auch umgekehrt? Oder reichen mathematische Gegenstände und Begriffe womöglich weit über den Bereich materieller Referenzen hinaus? Wir befinden uns damit bei den Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik. Man darf vermuten, dass es darin nicht gerade einfacher wird.

Es ist das Verdienst von Bernulf Kanitscheider, umfassend in die aktuellen Fragestellungen der Philosophie der Mathematik einzuführen: Natur und Zahl. Die Mathematisierbarkeit der Welt, 2013. Kanitscheider ist ‚bekennender‘ analytischer Philosoph, und jede Metaphysik, erst recht eine idealistische wie die Hegels, ist ihm ein Gräuel. Metaphysische ebenso wie theologische Aussagen sind für ihn, wissenschaftlich betrachtet, reine Phantasma über einen „gespensterhaften“ Gegenstandsbereich. Gelegentlich erinnern seine polemischen Bemerkungen an Richard Dawkins. Man sollte sich nicht daran stören, denn er bietet eine sehr breit ausgeführte Darstellung der Diskussion um die Hintergründe und ‚Randbedingungen‘ mathematischer Entwürfe. Sein Ansatz in der Antike bewährt sich in erstaunlichen Aktualisierungen in der Gegenwart. Er stimmt dem analytisch-philosophischen Programm einer durchgängigen Naturalisierung der wissenschaftlichen Welt uneingeschränkt zu. Sein Wunsch wäre es, auch die Mathematik, ihre Gegenstände und Theoreme, physisch zu ’naturalisieren‘. Wenn Kanitscheider dann aber die erheblichen Probleme benennt, die einem solchen Vorhaben entgegen stehen, und sich selber auf einer gemäßigt aristotelischen Position wiederfindet, deren Abgrenzung zu einem platonisierenden ‚Realismus‘ der Mathematik ihm sichtlich schwer fällt, dann ist das für die Sache der philosophischen Mathematik überaus aufschlussreich.

Die immer wiederkehrende und in unterschiedlichen Entwürfen hin und her gewendete Frage lautet: Sind Zahlen etwas ontologisch Reales, oder sind es nur Zeichen, Benennungen für physisch reale Gegenstände? Sind also bei dem Satz: „Das sind 3 Äpfel.“ nur die Äpfel real und die „3“ eine rein gedankliche Benennung, oder ist die Zahl 3 eine eigenständige Entität? Wir sehen sofort, dies ist die alte Streitfrage zwischen Realismus und Nominalismus (übrigens ein metaphysisches Problem). Es kehren noch sehr viele andere alte Fragen wieder: Ist die Zahlenwelt ein eigenes Reich wie das Reich der platonischen Ideen, oder sind die Zahlen bzw. die mathematischen Relationen so etwas wie die der Materie aufgeprägten Strukturen, also das, was Aristoteles die Form nannte, die der Substanz erst konkrete Gegenständlichkeit verleiht? Im Hintergrund steht die bereits bei den Vorsokratikern gestellte Frage, wie es kommt, das die erkennbare Welt irgendwie ‚zahlenförmig‘ ist, oder neuzeitlicher gefragt, woher es kommt, dass sich die Phänomene der Natur nicht nur erstaunlich gut mit mathematischen Formeln beschreiben lassen, sondern dass mittels mathematisch formulierter Naturgesetze genaue Voraussagen über physische Prozesse möglich sind? Warum passen ‚Zahl‘ und ‚Natur‘ so gut zusammen, so dass Galilei die Mathematik als die „Sprache der Natur“ bezeichnet hat?

Galileis Beschreibung der Jupiter-Monde By Sage Ross - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8619404

Galileis Arbeits-Instrumente By Sage Ross – Own work, CC BY-SA 3.0

Man hat das Problem noch nicht ganz erfasst, so lange man meint, dies sei doch eigentlich ganz klar, die Mathematik habe sich eben als abstrakte Sprachform zur Beschreibung natürlicher Prozesse bewährt, und wer mehr daraus mache, betreibe halt unnütze Spekulation, – eine praktisch-nominalistische Position. Der Punkt ist aber der, dass mathematische Axiomatiken eine eigene Welt darstellen mit eigenen Regeln und Randbedingungen, mit Schlussfolgerungen und Auswirkungen, die zwar Entsprechungen in der physischen Welt haben können, aber es nicht haben müssen. Im Streit um Cantors Unendlichkeiten wird gerade von Empiristen auf der Unsinnigkeit des physisch Unendlichen bestanden, und darum werden mathematisch unendliche Extensionen verworfen, mit scherwiegenden Folgen für das Verständnis empirischer Daten. Bei der Frage der Stetigkeit diskreter Entitäten und ihrem Verhältnis zum Kontinuum kehrt dieselbe Frage in anderer Form wieder: Was hat es mit der Eigendynamik (um nicht zu sagen Eigenlogik) mathematischer Theoriebildung auf sich, die eben nicht nur subjektiv-mentalistisch aufgeklärt, sondern als objektive abstrakte Gegebenheit kommuniziert werden kann? Völlig abstrakte mathematische Formen und Strukturen haben zwar immer wieder dazu verholfen, physikalische Prozesse zu verstehen und aus Ableitungen heraus Neues zu entdecken (z.B. Higgs-Boson), aber diese mathematischen Strukturen und Axiomatiken gelten als „wahr“, wenn sie widerspruchsfrei und schlüssig sind unabhängig davon, ob das physikalisch nützlich und verifizierbar ist oder nicht. Offenbar ist der Bereich mathematischer Gegenstände noch weiter und offener und vielgestaltiger, als es bezüglich physischer Realisierungen jemals vorstellbar ist. Diese ‚Eigengesetzlichkeit‘ der Mathematik, die ungeheure Produktivität ihrer Axiomatiken und die Eigendynamik der abstrakten Gegenstände und ‚Gebilde‘ (Mandelbrot!) ist vielleicht das stärkste Argument gegen den in der sinnlichen Erfahrung gründenden Nominalismus, der weder mit unendlichen Mengen noch mit unendlichen Reihen, noch überhaupt mit dem aktual Unendlichen ontologisch etwas anzufangen weiß.

Darum neigen viele bekannte Mathematiker (Gödel, Cantor, Russell, sogar Quine mit einem „conditional platonism“) zum mathematischen Platonismus. Die Mathematik befasst sich demnach mit einem eigenständigen Seinsbereich abstrakter Entitäten. Dann taucht sofort die Frage nach der Verbindung dieser ontologischen Ebene mit der ontisch-physikalischen Welt auf (Übergangs- oder Verknüpfungsproblem): Wie können ‚ideale‘ Gegenstände einer mathematischen Ontologie Auswirkungen auf physikalisch- ‚reale‘ Prozesse haben, wie können sie damit überhaupt zusammen hängen, wenn eine kausal-materielle Verknüpfung per definitionem ausscheidet? Radikale Positionen lösen das Übergangsproblem mit einem radikalen Platonismus: Nur die abstrakte Welt der Formen und Strukturen ist wirklich, diese produziert aus sich heraus den Schein einer physikalischen Realität (M. Tegmark, siehe Kanitscheider a.a.O.), und solange wir uns nicht zum Licht der Mathematik erheben, starren wir nur auf die Schatten an der Wand dessen, was für den Alltagsmenschen die physische Welt ist. Hier trifft sich der konsequente Platonismus mit einem ‚virtuellen Realismus‘ oder Fiktionalismus, der unsere konkrete Welt als eine von vielen möglichen Simulationswelten innerhalb digital-ontologischer Theorien begreift. Dann taucht aber die Frage auf, wie man eine „Rettung der Phänomene“ ins Werk setzen kann, ob und wie man den Schein der Simulation durchbrechen kann – Hillary Putnams „brain in a vat“ lässt grüßen.

Wem das zu weit geht und wem angesichts der Viele-Welten-Theorien schwindelig wird (obwohl die Multiversen-Theorie die einzig plausible Erklärung für die Unableitbarkeit der Naturkonstanten liefert), findet dann, wie auch Kanitscheider es tut, einen gemäßigten Aristotelismus für nahe liegend und praktikabel. Die mathematischen Strukturen liegen als untrennbar prägende Formen den physisch-materiellen Gegenständen zugrunde. Die pure Substanz ist ein nicht existentes metaphysisches Unding. Das Elektron ist ohne seine es bestimmende Struktur (Masse, Ladung, Spin) – nichts. Gemäßigt ist dieser aristotelische Realismus deswegen zu nennen, weil er durchaus Raum lassen will für die mathematischen Formen, die ’noch‘ keine physische Realisierung gefunden haben, es aber der Möglichkeit nach könnten. Dieser modale Vorbehalt soll die produktive Weiterarbeit der theoretischen Mathematiker ermöglichen, die zum Beispiel noch den „Cantor der kleinsten Zahl“ hervorbringen müssten, also eine Theorie über die Unendlichkeiten im Kleinsten, die gewissermaßen den Gegenpol zu den überabzählbaren Unendlichkeiten im Größten bilden sollen (Kanitscheider). Überhaupt ist das Feld der mathematischen ‚Gebilde‘ nicht auszumessen und offenbar ebenfalls unendlich groß. Der menschliche Geist ist noch längst nicht an seine Grenzen gestoßen, durch neue mathematische Räume (Axiomatiken) hindurch zu neuen Strukturen und Welten vorzustoßen. Man sieht: Der Übergang von Aristoteles zum Platonismus in der Mathematik ist nur ein kleiner Schritt.

Noch ein anderer Schritt bietet sich freilich an. Wenn man all die referierten und wiederholt breit dargestellten Positionen und die Abwägungen von Für und Wider liest und nachvollzieht, fühlt man sich unmittelbar in den Diskussionen, Alternativen und Aporien der jahrzehntelangen Diskussion um die ‚philosophy of mind‘, die Philosophie des Geistes aus analytischer und nicht-analytischer Sicht, hinein versetzt. Das Problem der Emergenz und der Supervenienz, der Identität und Differenz physischer und mentaler Gegebenheiten, des Übergangs bzw. der Naturalisierung mentaler in neurologische Prozesse, der Reduzierbarkeit und der ontologischen Valenz begrifflicher Extensionen usw. – alles kehrt hier in leicht verändertem Gewand wieder. So scheinen die Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik in einem besonderen Bereich der abstrakten Strukturen die Probleme der Philosophie des Geistes erneut zu thematisieren. Auch die Antworten der klassischen Philosophen sind wieder da in erstaunlicher ‚alter‘ Frische. Aber etwas ist doch anders: Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie bekommt wieder neues Leben aus einer veränderten Perspektive – und diese Perspektive der Mathematik erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ, – das zeigen die vielen neueren Veröffentlichungen zum Thema. Klarer als in vielen Verästelungen der mentalen Philosophie des Geistes werden hier Grundfragen und Probleme der Erkenntnistheorie erkennbar und benennbar, die wohl noch lange virulent und nicht ohne weiteres lösbar sind. Am Beispiel der Mathematik und der ihr eigenen ‚Welten‘ und Axiomatiken, gerade auch ihrer immer wieder Staunen erregenden Fähigkeit, physikalische Gegebenheiten und Prozesse zu verstehen und aufzuklären, zeigt sich die produktive Weite und irgendwie auch die ‚Inkommensurabilität‘ des menschlichen Geistes. Selber durchaus mit einem endlichen Gehirn verbunden ist er in der Lage, Unendliches konsistent zu denken und Beziehungen und Strukturen zwischen abstrakten Entitäten in Gestalt mathematischer Formen und naturalistischen Wirklichkeitsbereichen herzustellen dergestalt, dass nicht einmal der Gedanke, diese abstrakte Welt bringe die konkrete erst hervor, als völlig abwegig erscheint. Zum Glück kann auch Kanitscheider seine metaphysische Aversion nicht durchhalten – er gibt sie quasi an der Haustür beim Betreten der philosophischen Mathematik ab. Die offene und neugierige Nachfrage nach den ontologischen Qualitäten, nach kreativer Produktivität, nach der realen Verankerung der ‚virtuellen‘ Strukturen in den Gebäuden der Mathematik macht dieses Nachdenken ungemein spannend und anregend. Die „geprägte Form“ (Goethe), die sich sowohl biologisch als auch algorithmisch weiter entwickelt, hat etwas Faszinierendes, auch wenn der Zusammenhang von Natur und Zahl letztlich rätselhaft bleibt. VielIeicht sollte auch Aristoteles‘ Gedanke einer Teleologie (causa finalis) nicht gleich als theistisch desavouiert abgetan werden, sondern als ‚bias‘, als innere Tendenz der Strukturen und Energien erneut bedacht werden. Es könnte sich als produktive Intuition erweisen, auch hier dem Anstoß der alten Philosophen aktuell nachzugehen. Es geht um mehr als nur um Zahlenspiele.