Okt 192019
 
Nicht-theistische Theologie

Die anthropologische Funktion der Rede von „Gott“ Theologie behauptet sich in der Gegenwart als wissenschaftliche Disziplin, auch wenn die Zahl der Studierenden (evangelisch wie katholisch) auf ein sehr niedriges Niveau gesunken ist. Die Selbstbehauptung der Theologie kann dementsprechend in zweierlei Hinsicht betrachtet werden: (1) im Blick auf die Studierendenzahlen ( → Nachwuchs Pfarrer / Priester / Lehrer) oder (2) im Blick auf die Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin (Fakultäten / Wissenschaftstheorie). Schließlich kann (3) nach dem Selbstverständnis der Theologen und Theologinnen gefragt werden. Hier interessiert vor allem Punkt (2). Wovon handelt die Theologie, was ist ihr Gegenstand? Vom Wortsinn ausgehend ist es Gott (griech. Theos). Inwiefern kann „Gott“ Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung, gar einer wissenschaftlichen Disziplin sein? Fasst man Theologie als ein Thema der Religionen bzw. der Religionswissenschaften auf, wird es vergleichsweise klarer: Religionen haben es unter anderem mit Göttern bzw. Gott zu tun, insofern können Götter als Aspekte religiöser Praktiken kulturwissenschaftlich untersucht und dargestellt werden. […]

Design und Funktion

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Jul 172019
 
Design und Funktion

Einführung in die Technikwissenschaften [Langtext] I. Einführung Technik und technische Produkte umgeben uns ständig, wir nutzen sie fortwährend und selbstverständlich. Uns stößt nur dann etwas Technisches auf, wenn es nicht funktioniert, wie es soll. Funktionierende Technik ist im Alltag ein transparenter Gegenstand oder Vorgang, dem an sich selbst wenig Beachtung geschenkt wird. Wichtig ist das Handeln, die Praktik mit einem bestimmten Ziel, die sich eines technischen Mittels, des Lichtschalters zum Beispiel, bedient. Schon diese wenigen Sätze sind recht voraussetzungsvoll. Fangen wir darum mit den Begriffen an. Wir sprechen von Technik, wenn wir das Funktionieren eines Alltagsgegenstandes meinen, z.B. von der Technik des Kühlschranks reden. Wir können ‚Technik‘ aber auch umfassend gebrauchen, wie in der Zusammensetzung ‚Welt der Technik‘. Der Duden beschreibt fünf Bedeutungsweisen des Begriffes „Technik“: Gesamtheit der Maßnahmen, Einrichtungen und Verfahren, die dazu dienen, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für den Menschen praktisch nutzbar zu machenBEISPIELE die moderne Technik ein Wunder der Technik auf dem […]

Gottessehnsucht

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Jun 102019
 
Gottessehnsucht

Träume in der Wirklichkeit Ich bin es gewohnt, die Welt naturwissenschaftlich zu betrachten. Im Alltag hat mich vieles die Erfahrung gelehrt. Beim philosophischen Nachdenken über den Alltag hinaus öffnen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften Wege, zwischen Realität und Schein, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden und die Welt außerhalb meiner selbst besser und angemessener zu begreifen. So verschmelzen alltägliche Erfahrung und naturwissenschaftliche Erkenntnis zu einem umfassenderen Weltbild, das ich mir angeeignet habe und das meinen Wirklichkeitssinn prägt. Natürlich liegen die Dinge beim Erkennen der Wirklichkeit sehr viel komplizierter, als es in wenigen Sätzen ausgesagt werden kann. Jedes Nomen in diesem letzten Satz ist ein problematischer Begriff, der allererst genauer bestimmt werden müsste, um den Sinn des Satzes zu erhellen. Was sind überhaupt ‚Dinge‘ außer mir, und was bedeutet ‚Erkennen‘? Über welche ‚Wirklichkeit‘ kann ich Aussagen machen, die zutreffen und darum einen sinnvollen ‚Satz‘ ergeben? Diesen Fragen widmet sich die Erkenntnistheorie, und es ist gut und wichtig, […]

Grenzen der Religionsfreiheit

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Mai 052019
 
Grenzen der Religionsfreiheit

Bedingungen einer pluralistischen Gesellschaft Religion gehört zu unserer Gesellschaft dazu, und die freie Religionsausübung wird von der Verfassung gewährleistet. Zunächst ist dies ein Individualrecht: Niemand darf zu einer bestimmten Religion gezwungen werden, und jedermann hat das Recht, sich einer Religion anzuschließen oder von ihr zu trennen. Eine Vorrangstellung oder Diskriminierung darf sich weder aus dem einen noch aus dem anderen Grund ergeben. Immer wieder ausgehandelt werden muss aber die Grenze zwischen öffentlicher und privater Religionsausübung. Hier bildet auch die Rechtsprechung das geltende Recht behutsam weiter. Religion als Privatsache ist ein einfacher Slogan aus der französischen Aufklärung. Der französische Staat hat daraus mit seinem Prinzip des Laizismus die gesellschaftliche und rechtliche Konsequenz gezogen. Unstrittig ist aber auch in allen anderen europäischen Ländern (Ländern, die sich in irgend einer Weise der Aufklärung verpflichtet fühlen), dass die pivate Ausübung religiöser Handlungen wie Beten, Fasten, Andachten halten im eigenen Haus ebenso wie in kirchlichen wie anderen religiösen Gebäuden möglich […]

Osterglaube

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Apr 222019
 
Osterglaube

Glaubst du an den Auferstandenen? Das ist die Kernfrage an jeden Christenmenschen. Jesus, so viel man von ihm weiß, mag eine eindrucksvolle Ethik der Nächstenliebe und des Vergebens vorgelebt haben, aber das ist nicht das wirklich Besondere. Das tun andere Menschen auch, jedenfalls immer wieder, wenn auch selten genug. Menschliche Größe, wenn man ihr im normalen Leben begegnet, ist immer beeindruckend und – beschämend: weil man selbst so klein(lich) ist. Aber deswegen gibt es nicht das Bekenntnis zu Jesus Christus, nicht die Kirche, nicht Ostern. Alles steht und fällt mit dem Glauben an den Auferstandenen. – Kann man das denn glauben? Ich könnte einfach sagen: Ja. Und jeder soll das dann für sich entscheiden, ob er / sie will oder nicht. Doch so individuell oder gar individualistisch funktioniert das mit dem Glauben nicht. Glaube ist abhängig von anderen Menschen, die einem etwas zeigen: eben den Auferstandenen – und ihren eigenen Glauben an ihn. Ohne deren […]

Physiker und Philosophie

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Feb 082019
 
Physiker und Philosophie

Philosophie ist nicht Feuilleton, ein guter Physiker noch kein Philosoph. Mit einem aktualisierten Nachtrag. Das neueste Buch von Carlo Rovelli, Die Ordnung der Zeit (2018) und seine überwiegend positive Aufnahme in den Feuilleton- und Wissenschaftsredaktionen der überregionalen Zeitungen gibt Anlass, einmal kurz das Verhältnis von Physikern zur Philosophie zu beleuchten. In jüngster Zeit hat es Erhard Scheibe, Professor em. für Philosophie der Naturwissenschaften (Heidelberg) unternommen, „Die Philosophie der Physiker“ (2006; 2. Aufl. 2012) ausführlich zu untersuchen. Dass dies Verhältnis ein durchaus problematisches sein kann, wird sehr bald deutlich. So zitiert er eingangs Susan Stebbing, die sich in ihrem Buch Philosophy and the Physicists (1937 !) über philosophisch dilettierende Physiker beschwert. Das Buch illustriert die Reaktion einer Fachphilosophin auf die philosophischen Gehversuche zweier Physiker: Eddington und Jeans. Beide haben im Laufe ihres Lebens populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, in denen sie einem interessierten Laienkreis das Weltbild der Physik auf dem neuesten Stand mitteilen, dabei unversehens und manchmal auch […]

Moderne und Aufklärung

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Jan 222019
 
Moderne und Aufklärung

Neue Diskussion über Mythologie und Rationalität I Kürzlich (16.01.2019) erschien im Blog „Geschichte der Gegenwart“ ein Beitrag von Philipp Sarasin „Die Kinder der #Moderne“. Er wurde verschiedentlich aufgegriffen und spiegelt eine neue Diskussion. Zu Beginn seines Artikels heißt es: Was war die Moderne – eine Epoche? Oder ist die Moderne so etwas wie eine „Haltung“, ein „unvollendetes Projekt“, das wir von der Aufklärung geerbt haben? Und sind daher nur die, die sich auf die Aufklärung beziehen, die rechtmässigen „Kinder der Moderne“? Es gibt Begriffe, die so schil­lernd sind, dass sie ohne Einord­nung miss- oder unver­ständ­lich bleiben – und zwar so sehr, dass sie einen bei unbe­dachtem Gebrauch oft selbst verwirren. In diesem Sinne miss­ver­ständ­lich war die Formu­lie­rung „Zänke­reien unter den Kindern der Moderne“, die ich am Ende meines Arti­kels über „die Neue Rechte von Arnold Gehlen bis Botho Strauß“ verwendet habe. Beab­sich­tigt war, den poli­ti­schen Streit unter all jenen, die sich in der Tradi­tion des […]

Wissen und Glauben

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Okt 182018
 
Wissen und Glauben

Über Vertrauen, Gründe und Meinungen Vordergründig könnte man denken: Das Thema ist alt und überholt. Wenn sich hinter den beiden Begriffen eine Alternative verbergen sollte, dann ist diese längst entschieden. Das in der modernen Wissenschaft liegende Wissen hat sich als gültig durchgesetzt, der an Religion und Kirche gebundene Glaube ist nahezu irrelevant geworden. Auch die Hinweise auf eine altehrwürdige Tradition einer etwas ausführlicheren und komplizierteren Verhältnisbestimmung hilft da nicht weiter, wo die Frage selber undeutlich und in jedem Falle unbedeutend geworden ist. Dann bleibt allenfalls ein geistesgeschichtliches Thema für Spezialisten übrig. Hintergründig ist es allerdings so, dass die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben von erheblicher Relevanz und erstaunlicher Aktualität ist. Gerade weil die Frage bloß hintergründig und daher kaum bewusst ist, kann sie Verwirrung stiften, statt ihr Potenzial zur Klärung zu entfalten. Dabei geht es weder um die Bestreitung des Rechtes und der Dominanz rational verantworteter Wissenschaft noch um die Apologie religiös-kirchlicher […]

Rätsel der Einfachheit

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Aug 282018
 
Rätsel der Einfachheit

Im früheren Beitrag Einheit und Vielfalt wurde schon darauf hingewiesen, dass durch eine Theorienreduktion zwar eine Vereinheitlichung der Wissenschaft angestrebt wird, aber der Begriff Reduktion zugleich unscharf und problematisch ist. Erhard Scheibe hat in seinem Buch „Die Reduktion physikalischer Theorien. Ein Beitrag zur Einheit der Physik“ (1997) die vielleicht gründlichste Aufarbeitung des Begriffs Reduktion für den Bereich der Naturwissenschaften am Beispiel der Physik vorgelegt. Zunächst soll daher das Anliegen seines Buches dargestellt werden. Einige „Rätsel“ der Natur zeigen eine bisher unverstandene Einfachheit, die offenbar der Einheit und Vielfalt der Natur zugrunde liegt. Wie aber kann der Zusammenhang von Einheit und Einfachheit gedacht werden und was verstehen wir eigentlich unter ‚Natur‘? I. In seiner Exposition des Problems stellt Erhard Scheibe das Problem der sogenannten „großen“ programmatischen Reduktionen zum Beispiel der Chemie oder der Biologie auf die Physik fest: Wiederum würde aber eine Resümierung dieser Ergebnisse als einer Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie die Sachlage eher verschleiern als aufklären. Wie schon […]

Einheit und Vielfalt

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Jun 012018
 
Einheit und Vielfalt

Seit Langem gibt es das Bemühen, eine „Theorie von allem“, TOE (theory of everything) aufzustellen. Das kann sich im engeren Sinne auf die Physik beziehen, wo darunter eine Vereinheitlichung nicht nur der Teilchenphysik (was als gelungen gelten kann), sondern vor allem der vier Grundkräfte verstanden wird. Die „Weltformel“ spukt dann und wann als Thema des Feuilletons durch die Medien. Sodann gilt es, ganz allgemein gesprochen ‚Relativitätstheorie‘ und ‚Quantenphysik‘ miteinander auszugleichen, was zugleich die Frage nach der Alternative von kontinuierlichem oder diskretem Verständnis der Materie aufwirft. Über die Physik hinaus gibt es aber auch in der Erkenntnistheorie das Streben nach Vereinheitlichung, hier verstanden als Vereinheitlichung der Wissenschaft. Im angelsächsischen Raum ist dies zumeist als Votum für den physikalistischen Naturalismus gemeint. Aber auch der kontinental-europäische Strukturalismus und erst recht das Theorienensemble unter dem Oberbegriff „Systemtheorie“ wollen einen einheitlichen Zugang zur wissenschaftlichen Welterkenntnis bieten. Dem stehen Konzepte des Pluralismus sowohl der Methoden als auch der wissenschaftlichen Grundüberzeugungen gegenüber, […]