Mai 112014
 

[Philosophie]

Der bekannteste Mythos der Aufklärung besteht darin, dass danach nichts mehr kommt. Will sagen, der Glaube an den endgültigen Sieg von Vernunft und Wissenschaft ist eben – ein Glaube. Wie alle anderen Überzeugungen speist er sich aus unterschiedlichen Motiven. Das wichtigste Motiv ist dabei die erkannte Plausibilität der Welterklärung und die subjektive Gewissheit, mit einer bestimmten Menge von Auffassungen und Werten richtig zu liegen. Dogmatisch hinsichtlich der Theoriebildung und ideologisch hinsichtlich der eigenen Weltsicht wird eine solche Überzeugung erst, wenn andere Möglichkeiten und andere Überzeugungen als angeblich irrational oder überholt diskreditiert und abgelehnt werden. Dann feiert der Mythos das Fest der eigenen Überlegenheit über den Relativismus und die Dummheit der anderen.

Der Mythos der Aufklärung nimmt unterschiedliche Formen an. Waren es ehedem die verschiedensten Formen des Rationalismus, Positivismus, Logizismus, so trifft man heute eher auf die Formen des Szientismus und des Technizismus. Es sind die wissenschaftstheoretischen Ausprägungen dessen, was in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als Physikalismus und (frühe) Kybernetik gefeiert wurde. Den passenden Ausdruck findet die Fortsetzung dieses Denkens in den unterschiedlichen Weisen der Systemtheorie als aktuellster Spielart des Mythos der Aufklärung.

Es gab vielfältige Gegenbewegungen: Konstruktivismus und De-Konstruktivismus, antimetaphysischer Neo-Existentialismus und Subjektivismus, Sprachmetaphysik und die propagierte Abschaffung der (theoretischen) Philosophie als letzter Triumph der Philosophie überhaupt. Die französische Philosophie hat hier wie so oft den größten „revolutionären“ Elan an den Tag gelegt. Aber auch dies ist inzwischen als pure Zeitgeist-Mode vergangen und (fast) vergessen. Manche eifrige Anhänger haben das in ihrer „Blase“ nur noch nicht gemerkt. Es gehört eben zu den eigentümlichen Irritationen und dem irisierenden Flirren rasch wechselnder Meinungen und Trends, die zur Unübersichtlichkeit der sogenannten Postmoderne beiträgt. Die Philosophie der Gegenwart ist davon nicht frei.

Mir fallen bestimmte Konzepte des Denkens zum Beispiel in manchen Richtungen der Philosophie des Geistes auf, die sich mit großem Eifer auf die kognitionswissenschaftlich begründeten Formen des Intentionalismus (Dennett) und eines neurobiologischen Computationalismus geworfen haben. Zwar haben sich auch zehn Jahre nach dem Manifest „Gehirn und Geist“ noch längst nicht alle Erwartungen und (schon gar nicht) Voraussagen erfüllt, aber das Programm der Naturalisierung des Geistes oder aktueller, der Naturalisierung intentionaler Zustände wird trotz aller Schwierigkeiten mit zäher Ausdauer weiterverfolgt. Das ist keineswegs zu kritisieren, im Gegenteil. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein erforderliches Maß von Verbissenheit nicht zur dogmatischen Betriebsblindheit führt.

Sollen „Gehirn und Geist“ weder inkommensurable, mehr oder weniger dualistisch beschriebene Größen bleiben, was weder evolutionsbiologisch noch erkenntnistheoretisch auch nur entfernt plausibel wäre, noch reduktiv auf einander zurück geführt und in einer Art psychophysischen TOE (theory of everything) endgültig aufgehoben werden, was beim heutigen Paradigma der Wissenschaft nur heißen kann: auf der Basis der Neurobiologie erklärt und aufgelöst werden, dann bietet sich gegenwärtig gewissermaßen als „dritter Weg“ das computationale, systemtheoretisch-kybernetische Lösungsmodell an. Es hat bestechende Vorzüge: Es kann a) die Frage nach dem neurologischen Korrelat (hardware) relativieren, b) nachprüfbare Verfahren zur Bestimmung von „Intelligenz“ in selbstlernenden Prozessen bieten, c) ein hohes Maß an mathematischer Konsistenz bereit stellen, d) die explodierenden Fähigkeiten der heutigen Super-Computer zu experimentellen Modellierungen nutzen, und e) nicht nur Beispiele zur Erklärung, sondern auch zur Prognostizierbarkeit intelligenter (mentaler ) Prozesse liefern. Die sich in manchen Kreisen der heutigen KI-Forschung verbreitende Euphorie ist durchaus nicht unbegründet.

Dennoch – es bleiben Modelle, „nur“ Computermodelle, bei denen die Adäquanz und Übertragbarkeit auf mentale und intentionale Prozesse stets fraglich bleibt. Auch die Frage nach der behaupteten Unabhängigkeit des Mediums der Realisierung (Substrat, hardware) bleibt ernsthaft zu stellen – eine Frage, die schon vor Jahrzehnten an den Funktionalismus gerichtet wurde. Die jeweilige materielle Basis bringt stets ihre eigene Gesetzlichkeit und Begrenztheit mit sich. Individuelles realisiert sich nur sozial, wie wir wissen – und ebenso dürfte sich Funktionelles, Systemisches auch nur unter den Bedingungen und Möglichkeiten des jeweiligen Materials realisieren. Manchmal erscheint mir die definierte Invarianz kybernetischer Modelle gegenüber der materiellen Basis wie eine computational gewandelter Neo-Dualismus: Die Software macht’s, stupid.

Insofern bleibt angesichts vieler Hoffnungen und Begeisterung hinsichtlich der Fortschritte kognitionswissenschaftlicher Forschung, repräsentationalistischer Theoriebildung und Künstlicher-Intelligenz-Modellierung die aufmerksame Beobachtung angebracht, inwieweit der Fortwärtsdrang die selbstkritische Fehlersensibiltät und das Wissen um kategoriale Begrenzung erhält und es vermeidet, ein abermaliger Mythos der Aufklärung zu werden, dieses Mal im Gewand eines dogmatischen Technizismus. Man könnte gewarnt sein: Auch bei der Euphorie über die „Kulturrevolution“ des Internet kommt anscheinend Hochmut vor dem Fall. Vermutlich wird sich die Geist genannte Seite des biologischen Systems Mensch gegen eine technizistische Vereinheitlichung ebenso sperren, wie das vor über hundert Jahren gegenüber der machanistischen Vereinfachung geschehen ist. Vielleicht müssen wir erst neue Begriffe und Kategorien erfinden, um solche erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundprobleme des Philosophierens (Metzinger) auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und heutiger Lebenspraxis besser zu verstehen.

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