Apr 292016
 
Ursache und Wirklichkeit

Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg […]

Apr 032016
 
Der Streit um Geist und Freiheit

Streit um den Geist: Markus Gabriel, Ich ist nicht Gehirn. Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. 2015 Der Titel ist griffig, aber erst der Untertitel enthält das eigentliche Programm, eine Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert zu beschreiben, – besser gesagt, zu skizzieren. Gabriels Entwurf ist aufgehängt zwischen einer klaren Absage an einen materialistischen Naturalismus, insbesondere Neurozentrismus, wie er in den vergangenen Jahrzehnten in der wissenschaftlichen Philosophie vorherrschend geworden ist, und dem Bekenntnis zu einer „Philosophie des Geistes“ (und nicht „philosophy of mind“), die das selbstbewusste Ich und seine Freiheit in den Mittelpunkt stellt. Ich nenne es Skizze, weil der überwiegende Teil des gut 300 Seiten umfassenden kleinen Buches der Darstellung und Abgrenzung von jener philosophischen Richtung gewidmet ist, die im Gefolge der Analytischen Philosophie vor allem im angelsächischen Raum die Rede vom ‚Geist‘ durch ‚Bewusstsein‘ (‚mind‘ oder gar ‚brain‘) ersetzt hat. Insofern ist der Titel schon sachlich richtig gewählt und verdankt sich nicht […]

Mrz 272016
 
Geschichte und Geschichten

Ostern feiert die christliche Religion ihren Höhepunkt – inzwischen weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei geht es um die Gestaltung von Sinn angesichts so vieler Sinnlosigkeit. Natürlich ist die Öffentlichkeit von christlichen Feiern und Gottesdiensten nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, sie ist sogar herzlich eingeladen. Aber der größte Teil der christlichen Bevölkerung nimmt nicht daran teil. Nur noch 30 % der Christen ‚glaubt an die Auferstehung‘, hört man im Radio. Nur noch? Immerhin dreimal so viele, wie sich dann in den Gottesdiensten einfinden. Und was heißt überhaupt ‚glaubt an die Auferstehung‘? Es ist die alte Crux, Geschichte und Geschichten zu verwechseln. Die christliche „Osterbotschaft“ wird in den Kirchen wieder und wieder erzählt, als wäre es tatsächliche ‚Geschichte‘, also ein Tatsachenbericht über ein historisches und eben zugleich überhistorisches Geschehen. Die Passions- und Ostergeschichte lässt sich, weil sie so derb dramatisch ist, wunderbar im Film erzählen wie irgend ein sonstiger ‚Historienschinken‘. Und ein happy end gibt es auch. Mit […]

Mrz 052016
 
Zahlen - Kosmos

Die Konforme Zyklische Kosmologie (Roger Penrose) erstellt das physikalische Modell einer unendlichen Folge von Weltzeitaltern. Die Zahlen und Formeln der Mathematik beschreiben unseren Kosmos auf erstaunliche Weise. Wenn ein Mathematiker und Physiker wie Roger Penrose Erkenntnisse und Theorien zur Kosmologie vorstellen und erklären will, kann es nicht ohne Mathematik geschehen. Auch ein Buch, das an die interessierte Öffentlichkeit gerichtet ist, entbehrt nicht eines erheblichen Maßes an Abstraktion. Dennoch ist sein Thema eine gute Ergänzung, vielleicht sogar ein Beispiel für die Überlegungen, die im vorigen Beitrag über Zahlen – Spiele dargestellt wurden. An den kosmologischen Theorien zeigt sich sehr deutlich die physikalische Tragweite und die spekulative Grenze oder auch das Eigenleben mathematischer Modelle und Schlussfolgerungen. Penrose stellt im Kontext aktueller kosmologischer Theorien einen eigenen Entwurf vor, dessen Kernthese schon im Titel seines Buches „Zyklen der Zeit“ (2013) enthalten ist. Er entwickelt darin das Modell einer „konformen zyklischen Kosmologie“ (CCC). Knapp zusammengefasst besagt es, dass unser derzeitiges „Weltzeitalter“ mit […]

Feb 262016
 
Zahlen - Spiele

Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie des Geistes bekommt neue Aktualität aus einer veränderten Perspektive. Es ist die Perspektive einer Philosophie der Mathematik. Die ontologische Frage, was Natur und Zahl eigentlich verbindet, erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ. Manch einer, der des Streites über ‚Materie‘ und ‚Geist‘, über analytische oder hermeneutische ‚Metaphysik‘, über Naturalismus und / oder Idealismus überdrüssig ist, könnte versucht sein, seine Zuflucht in der Mathematik zu suchen. Die Mathematik steht bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles, Pythagoras) ebenso hoch im Kurs wie bei Naturalisten und analytischen Philosophen, und uneinig ist man sich bei Letzteren allenfalls in der Bewertung der Logik bezogen auf die Mathematik: ob etwa alle Mathematik in der Logik ihre Basis habe oder ob die theoretische Mathematik ein eigenständiges ontologisches Feld bearbeitet, – aber welches? Es geht in ihr um Zahlen, um Messen, um Mengen. Was sind eigentlich Zahlen? Wie verhalten sich Zählen (Analysis) und Messen (Geometrie) […]

Jan 242016
 
Strenge Sachlichkeit

Webers Maxime der strengen Sachlichkeit ist die Voraussetzung für sachlich begründetes Wissen und also Erkenntnis. In Politik und Öffentlichkeit werden durch Schriften, Diskussionen und Verlautbarungen wiederkehrende Termini und Metaphern vorgetragen, von denen einige bisweilen zur bloßen Phrase herab gesunken sind. Um „Verantwortung und Augenmaß“ geht es, und wenn es schwierig ist, wird darauf verwiesen, dass es in der Politik bekanntlich „um das Bohren dicker Bretter“ geht. Ein wechselseitiger Vorwurf von Diskutanten besteht in der Mahnung zur Sachlichkeit bzw. im Vorhalten vermeintlicher Unsachlichkeit. Bei größeren Auseinandersetzungen, zumal wenn es um Einstellungen und Weltanschauungen geht, wird die humanitäre „Gesinnung“ der „Gutmenschen“ gegen das nüchterne Kalkül („Verantwortung“) der Realisten in Stellung gebracht. Im Feuilleton und in populären historischen und gesellschaftlichen Schriften kann der „Geist des Kapitalismus“ gegeißelt und die verborgene, aber dadurch vermeintlich jede Religion treffende verderbliche Wirkung des irrationalen Fundamentalismus aufgezeigt werden. Dass es nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft insgesamt wesentlich um die „Frage […]

Nov 132015
 
Entelechie

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu […]

Okt 282015
 
Gerade und Kreis

[Anthropologie] Frühere Kulturen haben in Kreisläufen gedacht, die Moderne aber denke zielstrebig geradeaus, nach vorne. Der Zeitpfeil, die Ausrichtung der Weltgeschichte auf ein endgültiges Ziel sei eine typische Erfindung der christlich-abendländischen Kultur. Die Kulturen des Altertums, aber auch naturverbundene Kulturen der ursprünglich nicht-abendländischen Welt dächten vielmehr in der Wiederkehr des Gleichen, im Rhythmus der Zeiten und Gestirne und darum in Kreisläufen. So haben wir gelernt. Kulturgeschichtlich gesehen mag da etwas dran sein. Der Rhythmus der Jahreszeiten mit Saat und Ernte, der Rhythmus der Gestirne, sei es der Sonne oder des Mondes, mit den jeweiligen Kalendern legten die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens nahe. Ebenso einleuchtend mag es sein, dass gerade die Moderne, die so gesehen allerdings bereits in der Renaissance beginnt, mit der Entdeckung des Fortschrittsgedankens aus dem Denken in Kreisläufen ausbrach und, in einer eigenwilligen Säkularisierung, das religiös-christliche Ziel einer Endzeit und göttlichen Vollendung in die Domäne des Menschen verschob und zum Machbarkeitsprogramm umprägte. […]

Aug 302015
 
Etwas oder Nichts

[Philosophie, Metaphysik] „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Diese Frage formulierte Gottfried Wilhelm Leibniz 1714 in seiner Schrift „Die Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade“. Schon früher hatte Leibniz den altbekannten Satz aufgegriffen, dass nichts ohne Grund geschieht (Aristoteles, Cicero), und erkannte in ihm das Grundprinzip rationalen Denkens („Nichts geschieht, ohne dass es eine Ursache oder wenigstens einen bestimmenden Grund gibt“). Wurde der Satz vom zureichenden Grund als Kausalitätsprinzip zur Basis naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens, so ist die umfassende Frage nach dem Woher der Existenz zwar ebenso alt, aber zugleich eine Art Vexierfrage der Philosophie. Besonders durch Martin Heidegger wurde sie berühmt in dieser Form: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?“ (Was ist Metaphysik, 1929). Jean Paul Sartre hat in „Das Sein und das Nichts“ (L’Être et le Néant. Essai d’ontologie phénoménologique, 1943) erneut die Frage nach Grund und Sinn der Existenz gestellt und im Laufe seiner existentialistischen Philosophie auf seine […]

Aug 072015
 
Ideologie der Singularität

[Metaphysik] Netz-Enthusiasten feiern die Fortschritte und die Zukunftsaussichten der Digitalisierung und Vernetzung. Technik-Optimismus könnte ein Thema philosophischer Ethik sein, es wäre zumal kein sehr neues – siehe Descartes‘ theoretische Unterscheidung von Mensch und Automat / Maschine („seelenlos“) und die berühmte „mechanische Ente“ des Jacques de Vaucanson. Alan Turing ist der moderne Urvater der Idee von selbstlernenden Maschinen, bei ihm zunächst als mathematisches Kalkül („Turing-Maschine“), aber auch durch den maschinellen Intelligenztest, den „Turing-Test„. Der Test als Mittel des Nachweises einer intelligenten Maschine ist ebenso oft zitiert wie kritisiert worden. Dennoch führt diese Debatte zu einem Thema, das in der Zukunftsforschung und KI-Forschung aktuell ist und durchaus als philosophisches Thema identifiziert werden könnte. Die zugespitzte Form dieser Debatte findet sich in der Diskussion über „Singularität„. Kritische Netzwissenschaftler halten sie zwar mit guten Gründen für einen Mythos (z.B. Jaron Lanier, The Myth of AI, 2011), dennoch halte ich diese Diskussion für relevant, weil sie als eine technizistische Form der Metaphysik […]